Betriebsberatungen zu krebserzeugenden Arbeitsstoffen zeigen Wissenslücken

Nach fast zwei Jahren und über 100.000 Betriebsbesuchen ziehen AUVA-Berater Bilanz über den Präventionsschwerpunkt „Gib Acht, Krebsgefahr!“. Sie berichten über ihre Erfahrungen zu Wissen, Problemen und Verbesserungen in Betrieben in Bezug auf krebserzeugende Arbeitsstoffe.

©antoine2/AdobeStock

Gibt es krebserzeugende Arbeitsstoffe an unserem Arbeitsplatz? Wie hoch ist das Risiko, dass jemand erkrankt? Was kann ich tun, um mich und andere zu schützen? Diese und andere Fragen stellten Arbeitgeber und Arbeitnehmer bei den AUVA-Beratungen zum Schwerpunkt krebserzeugende Arbeitsstoffe. Manche Mitarbeiter waren überzeugt, selbst keinen Kontakt mit krebserzeugenden Stoffen zu haben, und reagierten entsprechend überrascht, wenn doch eine Exposition festgestellt wurde. In vielen Betrieben war das Bedürfnis nach mehr Information zu erkennen, so die Berater.

Seit Juli 2018 sind krebserzeugende Arbeitsstoffe Schwerpunktthema bei den Betriebsbesuchen der AUVA. Der größte Anteil an Beratungen entfiel mit bisher über 100.000 auf Klein- und Mittelbetriebe, die von den AUVAsicher-Mitarbeitern – Sicherheitsfachkräften und Arbeitsmedizinern – betreut werden. In Betrieben mit über 50 Beschäftigten führten Fachkundige Organe und Arbeitsmediziner der AUVA-Präventionsdienste die Schwerpunktberatungen anhand von Betriebschecks durch. Welche Fragen, Anliegen und Probleme sie dabei festgestellt haben, berichten Berater aus ganz Österreich, die zu krebserzeugenden Arbeitsstoffen in Unternehmen verschiedener Branchen und Größen unterwegs waren.

Wissenslücken

Der Wissensstand zu krebserzeugenden Arbeitsstoffen ist sehr unterschiedlich und könnte in den meisten Betrieben sowohl bei Arbeitgebern als auch bei Arbeitnehmern besser sein, darin sind sich die Berater einig. Häufig werden im Unternehmen verwendete krebsverdächtige bzw. krebserzeugende Arbeitsstoffe nicht als solche erkannt. Sicherheitsfachkraft Konrad Rusch vom Präventionszentrum Dornbirn bringt als Beispiel die in vielen Branchen verwendeten Reinigungsmittel: „Viele Betriebe wissen gar nicht, dass sie krebserzeugende Stoffe haben, wie zum Beispiel in Hotellerie und Gastronomie. Manche sind ganz entsetzt, dass krebsverdächtige Geschirrreiniger auf dem Markt sind.“

Während des Arbeitsprozesses freiwerdende bzw. entstehende krebserzeugende Arbeitsstoffe werden oft übersehen. „Die größte Wissenslücke gibt es bei entstehenden Arbeitsstoffen, auch in großen Firmen. Bei Edelstahl-Schweißrauch ist klar, dass er krebserzeugend ist, bei Holzstaub gibt es schon erste Lücken, über Hartmetallstäube ist kaum Wissen vorhanden“, weiß Ing. Daniela Komerzky, BSc, Fachkundiges Organ Maschinenbau, vom Unfallverhütungsdienst Wien. Auf Baustellen ist vielen Arbeitnehmern die von den „alten“ künstlichen Mineralfasern (hergestellt bis 1996) und von Quarzstaub ausgehende Krebsgefahr nicht bewusst.

Risiko teilweise unterschätzt

Auch wenn man weiß, dass ein Arbeitsstoff krebserzeugend ist, erscheint den Arbeitnehmern das Risiko oft als gering, selbst zu erkranken. Das liegt zum einen daran, dass die Latenzzeit vom Kontakt mit dem krebserzeugenden Stoff bis zum Ausbruch der Krankheit sehr lange ist, andererseits neigen viele Menschen dazu, Unangenehmes zu verdrängen. Das hat auch Komerzky festgestellt: „Für Arbeitnehmer ist wie bei anderen Dingen, die nicht sofort eine Schädigung bewirken, das Risiko nicht abschätzbar: ‚Das ist weit weg, passiert mir nicht, betrifft mich nicht.‘“

Arbeitnehmer, die schon viele Jahre mit krebserzeugenden Stoffen hantieren, ohne dass sie oder ihre Kollegen gesundheitliche Schäden bemerkt haben, unterschätzen die Gefahr oft. „,Die eigene Arbeit ist doch nicht so gefährlich‘, denken Betroffene häufig. Das Bewusstsein über die Gefährlichkeit eines Stoffes, mit dem man täglich arbeitet, ist nicht allzu groß“, stellt DI Eva Ruppert-Pils, Präventionsexpertin in der Abteilung Unfallverhütung und Berufskrankheitenbekämpfung in der AUVA-Hauptstelle, fest. Hat es jedoch bereits Fälle von Krebserkrankungen im Betrieb gegeben, überlegen die Mitarbeiter schon, ob die Krankheit durch die Arbeit verursacht worden sein könnte.

Erstaunen und Überraschung

Konfrontiert man Arbeitgeber bzw. Arbeitnehmer damit, dass das Unternehmen – bisher nicht als solche erkannte – krebserzeugende Arbeitsstoffe verwendet, sind die Reaktionen nach Angaben der Berater unterschiedlich. „Ein unangenehmes Gefühl empfinden jedoch die meisten Menschen, wenn ihnen bewusst wird, dass sie mit krebserzeugenden Substanzen hantieren“, so Arbeitsmedizinerin Dr. Ingrid Kaller vom Präventionszentrum Graz. Andere Berater beschreiben die Reaktion der Arbeitnehmer, wenn ihnen bewusst wird, dass sie mit krebserzeugenden Stoffen arbeiten, als überrascht, erstaunt oder erschrocken.
Für Sicherheitsfachkraft Ing. Milan Vrecl vom Präventionszentrum Graz hängen Reaktion und Informationsbedürfnis von der persönlichen Betroffenheit jedes Einzelnen ab: „Die Arbeitgeber und Arbeitnehmer hören beim Thema krebserzeugende Arbeitsstoffe aufmerksam zu, da fast jeder jemanden kennt, der an Krebs erkrankt oder bereits daran verstorben ist. Ich habe den Eindruck, dass der Informationsbedarf höher ist, wenn der Krebs eine nahestehende Person betrifft.“ Das schließe aber eine Verdrängung des Erkrankungsrisikos nicht aus.

Einige Berater berichten davon, dass die Erkenntnis, krebsverdächtige Industrie-Geschirrspülmittel zu verwenden, insbesondere im Gastgewerbe heftige Reaktionen auslöste. „In der Hotellerie und Gastronomie hat der Hinweis auf den H-Satz 351 ‚Kann vermutlich Krebs erzeugen‘ auf Reinigungsmitteln einige Unternehmen alarmiert. Man wollte keine Rückstände dieser Mittel auf den Tellern der Gäste haben und auf andere Produkte umsteigen“, so Arbeitsmedizinerin Dr. Maria Malle-Verdel vom Präventionszentrum Innsbruck. Die betroffenen Unternehmen traten mit den Herstellerfirmen in Kontakt, was den Umstieg auf gesundheitlich unbedenkliche Alternativen beschleunigte.

Für DI (FH) Kurt Jäger, Fachkundiges Organ Maschinenbau, vom Unfallverhütungsdienst Salzburg – Innsbruck, zeigen die Beratungen ein gemischtes Bild: „Die Arbeitnehmer waren teilweise sehr interessiert daran, ob in ihrem Bereich krebserzeugende Arbeitsstoffe schädlich einwirken können. Teilweise wissen sie, dass sie mit krebserzeugenden Arbeitsstoffen arbeiten und technisch, organisatorisch oder personenbezogen geschützt sind. Zirka 30 Prozent der Arbeitnehmer ist es jedoch egal, mit welchen Arbeitsstoffen sie arbeiten.“

Schulungen und Unterweisungen

Für den sicheren Umgang mit krebserzeugenden Arbeitsstoffen sind gute Unterweisungen jedoch besonders wichtig. Zudem profitieren Betriebe von einem gut geführten Arbeitsstoffverzeichnis, das im Übrigen auch eine gesetzliche Verpflichtung ist. In etlichen Betrieben konnten diesbezüglich Verbesserungen festgestellt werden. „Waren früher oft nur die Stoffe aufgelistet, so findet man heute zunehmend Arbeitsstoffverzeichnisse, die die wesentlichen Elemente wie Inhaltsstoffe, Grenzwerte, benötigte persönliche Schutzausrüstung, verwendete Mengen u. s. w. beinhalten. Diese verbesserten Arbeitsstoffverzeichnisse können dann auch als Grundlage für die Unterweisung der Mitarbeiter verwendet werden“, so Sicherheitsfachkraft Roland Hlawaty vom Präventionszentrum Linz.

„Fehlt den Verantwortlichen das nötige Wissen über die im Betrieb vorhandenen krebserzeugenden Arbeitsstoffe, können sie die exponierten Arbeitnehmer auch nicht auf die Gefahren aufmerksam machen“, gibt DI Dr. Johannes Sturn, Fachkundiges Organ Unfallverhütungsdienst, von der Außenstelle Dornbirn, zu bedenken: „In weiterer Folge sind sich die Arbeitnehmer der Gefahren nicht bewusst und wenden die gebotenen Schutzmaßnahmen auch nicht konsequent an.“

Hygiene und PSA

Mangelnde Hygiene hat der Großteil der Berater als eines der Hauptprobleme identifiziert, so auch Komerzky: „Den Arbeitnehmern ist oft nicht bewusst, dass sie ihr Essen und Trinken kontaminieren, zum Beispiel beim Entnehmen eines Bechers aus dem Kaffeeautomaten. Getränke- und Speiseautomaten sind häufig in den Produktionshallen aufgestellt, damit die Mitarbeiter kurze Wege haben. Wenn es keine Automaten gibt, stehen oft Wasserflaschen am Arbeitsplatz.“ Stehen Getränkeflaschen im Arbeitsbereich, können sich gefährliche Stoffe darauf ablagern und beim Trinken unbemerkt aufgenommen wer­­den. Auch wenn man bei Bechern oder Flaschen den Teil, den man an den Mund setzt, mit kontaminierten Händen berührt, können gefährliche Stoffe in den Körper gelangen. Minimieren lässt sich dieses Risiko unter anderem, indem Trinkflaschen in geschlossenen Behältern aufbewahrt werden und wenn ihr Verschluss mit nur einer Hand – nämlich der sauberen, ohne Arbeitshandschuhe – geöffnet werden kann.
Neben der Kontamination bei Essen, Trinken und Rauchen sieht Kaller mangelnde Sorgfalt im Umgang mit Arbeitskleidung als größtes Hygieneproblem an: „Häufig fahren Arbeitnehmer in verschmutzter Arbeitskleidung im Auto nach Hause, die Reinigung wird privat durchgeführt. Oft wird auch keine Arbeitskleidung zur Verfügung gestellt, zum Beispiel für Bauarbeiter.“ Hier sind Arbeitgeber wie Arbeitnehmer gleichermaßen gefragt: Arbeitgeber müssen die Möglichkeiten zur Aufbewahrung und Reinigung von Arbeitskleidung im Betrieb schaffen. Arbeitnehmer hingegen müssen diese Hygienevorschriften auch einhalten. Die Arbeitsmedizinerin konstatiert eine gewisse Beratungsresistenz und nennt als weiteres Negativbeispiel Schweißarbeiten ohne die richtige Verwendung der Absaugung. „Ich kann mir auch nicht erklären, warum Schweißer häufig die stärksten Raucher sind, obwohl die Gefahren dieser verstärkten gesundheitlichen Belastung durchaus bekannt sind“, spricht sie einen zusätzlichen Risikofaktor für Krebserkrankungen an.

Vorbildwirkung der Vorgesetzten

Die Verwendung von Persönlicher Schutzausrüstung lässt ebenfalls oft zu wünschen übrig, wie Vrecl beklagt: „Auch wenn der Arbeitgeber die erforderliche PSA wie Schutzbrillen, Schutzkleidung oder Handschuhe zur Verfügung stellt und Unterweisungen durchführt, verwenden die Mitarbeiter die PSA zum Teil nicht. So werden Schutzbrille oder Arbeitshandschuhe beim Umfüllen von Reinigungsmitteln – oft ein ätzender Stoff – nur selten verwendet.“ Jäger sieht hier auch die Verantwortlichen gefordert: „In einigen Betrieben empfinden die Beschäftigten das Tragen von Persönlicher Schutzausrüstung als störend, unbequem und lästig.“ Es hänge dann oft von der Konsequenz und Vorbildwirkung der Vorgesetzten sowie von der Einbindung der Arbeitnehmer ab, ob die PSA immer verwendet werde.
Dass die Betriebsberatungen ein Umdenken bei Arbeitgebern und Arbeitnehmern bewirkt hat, berichten mehrere AUVA-Berater. „Es gab positives Feedback und es konnten auch viele Verbesserungsmaßnahmen in den Betrieben umgesetzt werden“, freut sich Sturn. Das Thema krebserzeugende Arbeitsstoffe erzeugt eine besondere Betroffenheit, wie Sicherheitsfachkraft Mag. Dr. Johannes Fried vom Präventionszentrum Innsbruck betont: „Häufig zeigen mir meine Gesprächspartner, dass ihnen dieser Beratungsschwerpunkt auch persönlich nahegeht, indem sie mir ihre persönlichen oder familiären Schicksale erzählen. Dieses Vertrauen empfinde ich als die beste Anerkennung meiner beratenden Tätigkeit.“    (rp)

Mehr Informationen zum AUVA-Präventionsschwerpunkt 2018–2021 rund um krebserzeugende Arbeitsstoffe finden Sie unter www.auva.at/krebsgefahr

Neues AUVA-Merkblatt: Krebserzeugende Arbeitsstoffe auf Baustellen

In Österreich entfällt auf Bauberufe der durchschnittlich höchste Anteil an Berufskrankheiten mit „Diagnose Krebs“ (AUVA-Statistik 2010-2018). Für Betriebe bietet die AUVA daher jetzt in einem neuen Merkblatt einen Überblick über Schutzmaßnahmen für zehn häufig vorkommende krebserzeugende bzw. -verdächtige Arbeitsstoffe auf Baustellen.

So schützen Sie sich

Das M.plus 340.6 „Krebserzeugende Arbeitsstoffe auf Baustellen“ zeigt, bei welchen Tätigkeiten potenziell krebserzeugende Stoffe verwendet oder freigesetzt werden, wie sie in den Körper gelangen und wie man sich schützt. Das erleichtert es Vorgesetzten auf Baustellen, Risikopotenziale zu erkennen und Schutzmaßnahmen für Beschäftigte zu setzen. Das Merkblatt ist kostenlos unter www.auva.at/merkblaetter bestellbar.

Staubarmes, sauberes Arbeiten wichtig

Einige Stäube, wie etwa Asbest-, Quarz- oder einatembarer Holzstaub, bergen ein erhöhtes Risiko für Krebs- bzw. Atemwegserkrankungen. Staubarmes Arbeiten ist daher eine wichtige Basis für den Gesundheitsschutz auf Baustellen. Ebenso wie die Hygiene bei der Arbeit. Sie schützt Beschäftigte davor, gefährliche Stoffe unabsichtlich aufzunehmen oder etwa über ihre Arbeitskleidung nach Hause zur Familie zu verschleppen.

Das neue Merkblatt ist unter www.auva.at/merkblaetter kostenlos bestellbar.