Die neue Normalität

Künstliche Intelligenz (KI) ist derzeit der stärkste Treiber des digitalen Wandels. Erwartungen und Ängste und verschleiern oft den Blick auf die Themen, die heute tatsächlich auf der KI-Agenda stehen müssten.

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Mehr denn je sind Unternehmen jetzt aufgerufen zu überlegen, was KI wirklich bedeutet, was sie konkret leisten kann und welche Chancen und Risiken lernende Maschinen eröffnen. Dafür gilt es, den praktischen Umgang mit KI zu trainieren und die eigene Unternehmenskultur konsequent auf die neue Zusammenarbeit von Mensch und Maschine auszurichten. „Eine Welt ohne KI wird es nicht mehr geben. Stellen wir die Weichen aber heute richtig, kann uns KI in eine Zukunft führen, die ökonomisch erfolgreicher, nachhaltiger und menschlicher ist“, sind die Autoren der Zukunftsstudie „Künstliche Intelligenz“ unter der Leitung von Christian Schuldt vom Zukunftsinstitut überzeugt.

Vorbehalte gegen „Superintelligenz“

Künstliche Intelligenz (KI) galt bis vor wenigen Jahren noch als wissenschaftliche Spezialdisziplin und diente vor allem als Stoff für Science-Fiction-Literatur. Heute ist die Technologie längst fester Bestandteil des Alltags. Selbstlernende Systeme steuern die Spracherkennung in Smartphones, lassen Autos autonom fahren und helfen bei maschinellen Übersetzungen, bei der Identifikation von Objekten oder Personen, bei Kreditvergaben und Vorhersagen aller Art. Big Data, billigere Computertechnologie und bessere Algorithmen lassen KI immer mehr zur neuen Normalität werden.
Erstmals in der Geschichte der Menschheit ändert sich die Beziehung zwischen Mensch und Maschine so fundamental wie nie zuvor. Selbstlernende Systeme sind nicht mehr nur Werkzeug, sondern entwickeln eigenständige Entscheidungen. Diese Entwicklung führt zwangsläufig zu einer kollektiven Verunsicherung. „Das Ergebnis sind simplifizierende und polarisierende Mensch-Maschine-Erzählungen. Auf der einen Seite euphorische Utopien und die Hoffnung auf maschinelle Superintelligenz, auf der anderen Seite die Angst vor einer Unterwerfung der Menschheit durch Roboter und Algorithmen“, beschreibt Schuldt.

Digitalisierung macht Prozesse nicht besser

Unternehmen stellen zunehmend fest, dass KI nicht wie ein „Magic Dust“ funktioniert, mit dem man eine Organisation von heute auf morgen „smart“ macht, sondern dass die Implementierung ein komplizierter und komplexer Prozess ist. Gerade weil KI eine so mächtige Technologie ist, gilt es, sie klug und reflektiert einzusetzen. Und dazu gleich die schlechte Nachricht: Prozesse, die bisher nicht gut funktioniert haben, werden auch mit KI nicht besser, wenn nicht die Grundlage komplett neu überdacht wird. Das Ergebnis sind dann lediglich schlechte digitalisierte Prozesse ...
Entscheidend, so meinen die Studienautoren, ist für Unternehmen auf jeden Fall eine doppelte Optik: auf der einen Seite ein weiter, ganzheitlich-systemischer Blick auf das Big Picture des digitalen Wandels, auf der anderen Seite eine mikroskopische Nahsicht auf die konkreten Potenziale und praktischen An­wendungsmöglichkeiten. Nur so entsteht ein realistisches Verständnis, was KI tatsächlich ist und kann, und welche Geschäftsmodelle Sinn ergeben.

Die Zukunft gehört der Kooperation

KI wird künftig ein fester Bestandteil unserer Arbeitswelt sein und die menschliche Intelligenz nicht ersetzen, aber entscheidend erweitern. Die Mensch-plus-Maschine-Umwelten von morgen erfordern deshalb auch ein Upgrade der menschlichen Intelligenz und Empathie. Zielführend ist ein konstruktives Miteinander der komplementären Kompetenzen: rationale Rechenleistung auf der einen Seite sowie Intuition und Kontextualisierung auf der anderen. Die Basis für dieses Zusammenspiel bildet eine Unternehmenskultur, die KI „lebt“ und das KI-Wissen der gesamten Organisation zugänglich macht.