Erfolgreiche Krebsprävention

Den Auftakt zum zweijährigen AUVA-Präventionsschwerpunkt „Gib Acht, Krebsgefahr!“ bildete das Forum Prävention im Juni 2018. Ein knappes Jahr später, beim Forum Prävention 2019, zog die AUVA Zwischenbilanz.

In vielen Betrieben ist im Laufe der Kam­pagne das Bewusstsein für krebserzeugende Arbeitsstoffe deutlich gestiegen. © R. Reichhart

Die Ergebnisse der eigenen Präventionsinitiative wur­den ebenso präsentiert wie der Schwerpunkt „Kanzerogene Arbeitsstoffe“ der Arbeitsinspektion. Zu den behandelten Themen zählten Krebsgefahr aus medizinischer Sicht, Staubbekämpfung und der Umgang mit asbesthaltigem Material. Mit dem Konzept risikobasierter Grenzwerte wurde eine Alternative zu den derzeit in Österreich gültigen Grenzwerten (sogenannten TRK-Werten) vorgestellt. Bei einem Workshop luden mehrere Info-Stände dazu ein, neue Tools und Info-Materialien für Betriebe kennenzulernen.

Betriebs-Check der AUVA

Krebserzeugende Arbeitsstoffe erkennen und richtig handhaben nannte Mag. Marie Jelenko, Projektleiterin des AUVA-Präventionsschwerpunkts, als Ziele der Primärprävention. Bei rund 1.000 Beratungen von Betrieben mit mehr als 50 Arbeitnehmern hatten die AUVA-Mitarbeiter anhand eines Betriebs-Checks festgestellt, dass in rund zwei Drittel der besuchten Unternehmen krebserzeugende Arbeitsstoffe vorhanden waren und großteils mehr als ein krebserzeugender Stoff verwendet wurde. Die sehr viel höhere Anzahl an Schwerpunktberatungen in Klein- und Mittelbetrieben durch die AUVAsicher-Präventivfachkräf­te ist hier nicht inkludiert.

Für Jelenko ist das Verzeichnis gefährlicher Arbeitsstoffe ein zentraler Punkt: „Wenn es gut geführt wird, kann man leicht erkennen, welche Stoffe krebserzeugend sind, und diese richtig handhaben.“ Die Schutzmaßnahmen sollten nach dem STOP-Prinzip – Ersatz des gefährlichen Stoffes vor technischen und organisatorischen Lösungen und der Verwendung von Persönlicher Schutzausrüstung – erfolgen. Als besonderes Erfolgserlebnis sieht Dr. Silvia Springer, Fachkundiges Organ Chemie in der AUVA-Hauptstelle, „wenn ein Betrieb entdeckt, dass er einen krebserzeugenden Arbeitsstoff verwendet, beim Lieferanten nachfragt, ob es eine Alternative gibt, und dann auf ein anderes Produkt umstellt.“

Im Bereich der Sekundärprävention richtet sich der AUVA-Schwerpunkt an Ärzte, die über die Zusammenhänge zwischen Arbeit und bestimmten Krebserkrankungen sowie über die Meldeverpflichtung bei Verdacht auf eine Berufskrankheit Bescheid wissen sollten. Die Meldung ist die Voraussetzung dafür, dass die AUVA ein Anerkennungsverfahren einleitet. Wenn die Erkrankung als Berufskrankheit anerkannt wird, kann der betroffene Arbeitnehmer Leistungen von der Unfallversicherungsanstalt erhalten.
Im Rahmen des Präventionsschwerpunkts führt die AUVA gezielte Betriebsberatungen durch und stellt Tools sowie schriftliche Informationen zum Umgang mit krebserzeugenden Arbeitsstoffen zur Verfügung. Schulungsübersicht und Bestellfolder wurden aktualisiert, eine Übersicht über Krebs als Berufskrankheit wurde verfasst. Merkblätter zu Bau, Be- und Verarbeitung von Metall sowie Grünraumpflege sind derzeit in Ausarbeitung. In Kooperation mit der Österreichischen Akademie für Arbeitsmedizin und Prävention wird das Seminar „Sicherer Umgang mit krebserzeugenden Arbeitsstoffen“ angeboten; ab September finden praxisnahe Workshops zum Thema „Schweißen – hochtechnologisch und sicher“ statt. Die aktuellen Angebote zum Schwerpunkt sind gesammelt unter www.auva.at/krebsgefahr zu finden.

Arbeitsinspektorat: Beratung und Kontrolle

Dr. Andrea Kernmayer, Leiterin der Abteilung für Arbeitsmedizin und Arbeitspsychologie im Zentral-Arbeitsinspektorat Wien, fasste die Ergebnisse des nach einem Jahr endenden Schwerpunkts „Kanzerogene Arbeitsstoffe“ des Arbeitsinspektorats zusammen. Dieses hatte Betriebsbesuche in zwei Wellen durchgeführt. Bei der ersten Welle von September 2017 bis Juli 2018 waren rund 300 Betriebe mit nach VGÜ untersuchungspflichtigen Arbeitnehmern besucht worden.

In beinahe allen Betrieben stuften die Arbeitsinspektoren die Unterweisung als sehr gut ein, auch der Unterweisungsinhalt war meist ausreichend. Arbeitskleidung wurde ebenfalls fast überall zur Verfügung gestellt, im Großteil der Betriebe getrennt aufbewahrt und betrieblich gereinigt. „Wenn Arbeitskleidung mit nach Hause genommen wird, sind weitere Familienmitglieder der Kontamination ausgesetzt. In der Hochzeit von Asbest hat es Fälle durch Asbest erkrankter Familienmitglieder ge­­geben“, betonte Kernmayer die Wichtigkeit dieser Maßnahmen. Zufrieden waren die Arbeitsinspektoren mit der Arbeitsstoffkennzeichnung, mit Expositionsverringerung und Absaugung in den Betrieben.

Beanstandungen gab es vor allem wegen fehlender oder nicht ausreichender Arbeitsstoff- und Exponiertenverzeichnisse. „Wenn kein Verzeichnis exponierter Arbeitnehmer geführt wird, ist der Nachweis der Exposition im Krankheitsfall sehr schwierig. Das Verzeichnis muss laufend adaptiert und nach Ende der Exposition, zum Beispiel beim Ausscheiden des Arbeitnehmers aus dem Betrieb, an die AUVA übermittelt werden, die es 40 Jahre aufbewahrt“, erklärte Kernmayer. Einen Ersatz krebserzeugender Stoffe hatte weniger als die Hälfte aller besuchten Betriebe geprüft.

Bei rund 20 Prozent der in der ersten Welle erfassten Betriebe führte das Arbeitsinspektorat eine Nachkontrolle durch. Bei dieser stellte man fest, dass pro Betrieb durchschnittlich etwas mehr als drei festgestellte Mängel behoben worden waren, die am häufigsten Arbeitsstoff- und Exponiertenverzeichnis, Messungen, Unterweisung sowie die getrennte Aufbewahrung von Arbeits- und Privatkleidung betrafen. Im Schnitt war weniger als ein Mangel unerledigt geblieben.

Betriebsbesuche, zweite Welle

In die zweite Welle von Juli 2018 bis Juli 2019 wurden zirka 300 Betriebe ohne Untersuchungspflicht einbezogen, die das Arbeitsinspektorat nach Branchen bzw. Kanzerogenen ausgewählt hatte. Die meisten besuchten Betriebe fielen in den Bereich der Humanmedizin, wo krebserzeugendes Formaldehyd zum Einsatz kommt und bei chirurgischen Laser-Eingriffen krebserzeugende chirurgische Rauchgase entstehen. Die Arbeitsinspektoren beanstande­ten insbesondere das Fehlen eines Verzeichnisses exponierter Ar­­­beit­­­­­­­­­­nehmer. Auch zahlreiche Unternehmen aus Bau- und Baunebengewerbe, Laboratorien und tiermedizinische Praxen wurden besucht.

„Die Ergebnisse der zweiten Welle sind deutlich schlechter als die der ersten. Elf Prozent der Betriebe haben nicht gewusst, dass sie mit krebserzeugenden Arbeitsstoffen arbeiten, und daher auch keine geeigneten Schutzmaßnahmen getroffen“, stellte Kernmayer fest. Als positiv strich sie den hohen Anteil an vom Unternehmen bereitgestellter und gereinigter Arbeitskleidung, das in Krankenhäusern vorhandene Wissen über Formaldehyd und Zyto­statika sowie die Bereitschaft von Arbeitgebern und Arbeitnehmern heraus, Informationen und Beratung anzunehmen. Kritikpunkte waren ein fehlendes Verzeichnis exponierter Arbeitnehmer, ein ungenaues Arbeitsstoffverzeichnis, Mängel bei Arbeitshygiene und Unterweisung sowie eine unzureichende oder nicht verwendete Absaugung.

Worauf wird geachtet?

Die Frage, worauf das Arbeitsinspektorat bei Betriebsbesuchen achtet, beantwortete Dr. Anna Geroldinger vom Arbeitsinspektionsärztlichen Dienst für die Steiermark und Kärnten in ihrem Referat: „Arbeitsinspektoren schauen, ob die gesetzlichen Vorschriften und Maßnahmen aufgrund der Arbeitsstoffevaluierung eingehalten werden. Ein vom Zentralen Arbeitsinspektorat erstellter Fragebogen garantiert ein einheitliches Vorgehen.“ Die von Kernmayer im Zusammenhang mit den beiden Kontroll- und Beratungswellen angesprochenen Punkte sind in dem standardisierten Fragebogen erfasst.
Das Bild, das sich der Arbeitsinspektor von einem Betrieb macht, wird durch die Begehung vervollständigt. Eine Absaugung muss nicht nur vorhanden sein, sondern auch bei richtiger Positionierung der Absaugstutzen verwendet werden. Der Arbeitsinspektor achtet beispielsweise darauf, ob Arbeitsschuhe oben auf den – für Arbeits- und Privatkleidung getrennten – Spinden abgestellt sind, was eine Verteilung des Staubs von den Schuhen im Raum zur Folge hat. Natürlich wird auch die Einhaltung des Ess-, Trink- und Rauchverbots kontrolliert. In Gesprächen mit den Arbeitnehmern zeigt sich, ob eine Unterweisung so stattgefunden hat, dass sie auch verstanden worden ist.

Gesundheitsrisiken am Bau

Von den Fachtagungen der einzelnen Arbeitsgruppen, die im Rahmen des Forums Prävention abgehalten wurden, widmete sich vor allem die Fachtagung der Arbeitsgruppe Bau dem Thema krebserzeugende Arbeitsstoffe. Dr. Kristina Horner von der AUVA-Außenstelle St. Pölten betrachtete die Gesundheitsgefahren aus medizinischer Sicht. In ihrem Vortrag befasste sie sich mit den gesundheitlichen Risiken durch Staub am Bau, insbesondere durch Asbest- und Quarzstaub. Beide Stoffe können als Berufskrankheiten anerkannte Erkrankungen auslösen, von Asbestose bis zur seltenen Krebsart Mesotheliom oder der durch Quarzstaub verursachten „Staublunge“. Der Selbstreinigungsmechanismus der Lunge funktioniert bei Quarzstaub, der bis in die Lungenbläschen gelangt ist, nicht. Es kommt zu einer Entzündungsreaktion, die eine Erhöhung des Risikos für Lungentuberkulose und Lungenkrebs bewirkt.

Staubbekämpfung auf Baustellen

Wie auf Baustellen Staubbekämpfung an der Entstehungsstelle funktioniert, beschrieb Dr. Reinhold­ Both von der deutschen CFT GmbH Compact Filter Technic, Weltmarktführer bei Entstaubungsanlagen. Er ging insbesondere auf untertägige Baustellen ein, bei denen eine besonders hohe Belastung der Luft gegeben ist. Als Beispiel führte er ein Verfahren im Tunnelbau an: „Beim Sprengvortrieb wird das Gestein im wahrsten Sinn des Wortes pulverisiert, es entsteht sehr feiner Staub.“ Auch Schotterausbau und -einbau im Tunnel zur Sanierung von Eisenbahnstrecken bringt einen hohen Staubanfall mit sich.
Zur Staubbekämpfung kommen unterschiedliche Methoden zum Einsatz. Durch Bedüsung wird der Staub durch Befeuchtung gebunden. Der Feinstaubanteil in der Luft kann so um 50 bis 60 Prozent gesenkt werden; bei fein zerstäubtem Bedüsewasser liegt der Anteil noch höher. Bewässerung reduziert auch die Staubentwicklung bei Schotterarbeiten. Entstaubungsanlagen saugen den Staub direkt an der Entstehungsstelle ab. Die besten Ergebnisse lassen sich durch kombinierte Methoden erzielen, so Both: „Durch die Entstaubung einer Bettungsreinigungsmaschine mit gleichzeitiger Bewässerung können die Grenzwerte eingehalten werden.“

Risikobasierte Grenzwerte

Über das Risiko- und Grenzwertkonzept für krebserzeugende Arbeitsstoffe in Deutschland referierte Dr. Eberhard Nies vom Institut für Arbeitsschutz der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung. Seit 2005 gelten in unserem Nachbarland risikobasierte Grenzwerte für Stoffe ohne bekannte toxikologische Wirkschwelle. Das sind Stoffe, die bei keiner Konzentration als völlig unbedenklich angesehen werden können. Es verbleibt ein gewisses Restrisiko. „Risikobasiert bedeutet, dass unabhängig von Stoff und Tätigkeit ein akzeptables Restrisiko einer Krebserkrankung definiert und festgelegt wird, das für die Gesamtgesellschaft gerade noch zumutbar erscheint“, erklärte Nies. Das deutsche Konzept beruht auf einem Ampelmodell mit grünem, gelbem und rotem Bereich. Der grüne Bereich liegt unterhalb der sogenannten Akzeptanzkonzentration. Diese ist mit einem auf die Lebensarbeitszeit bezogenen zusätzlichen Krebsrisiko von vier Erkrankungen bei 10.000 bzw. zukünftig 100.000 exponierten Arbeitnehmern festgelegt.

In Österreich gelten für diese Stoffe sogenannte Technische Richtkonzentrationen (TRK). Diese teilweise schon seit langem unverändert gültigen Werte sind das Ergebnis von Aushandlungsprozessen, die neben gesundheitlichen Aspekten auch die technische Machbarkeit und den finanziellen Aufwand berücksichtigen. Da auch bei Einhaltung der Werte ein Krebsrisiko besteht, gilt das Minimierungsgebot: Betriebe müssen TRK-Werte so weit wie möglich unterschreiten. Hier haben beispielsweise große Konzerne andere Möglichkeiten als kleine Schreinereien.

Das risikobasierte Konzept weist gegenüber den in Österreich gültigen TRK-Werten mehrere Vorteile auf. Hierzulande unterscheidet sich die Belastung entsprechend des festgelegten TRK-Wertes und damit das beruflich bedingte Gesundheitsrisiko je nach Stoff stark. Auch die Höhe des Restrisikos einer Erkrankung ist durch den technikbasierten TRK-Wert nicht transparent. Manche TRK-Werte sind daher zu hoch angesetzt. Ein Betrieb, der den österreichischen TRK-Wert für Chrom(VI) knapp einhält, würde damit in Deutschland schon in den roten Bereich fallen, so Nies. (rp)

Mehr Informationen zum AUVA-Präventionsschwerpunkt 2018–2020 rund um krebserzeugende Arbeitsstoffe finden Sie unter
www.auva.at/krebsgefahr

AUVA-Workshop: Hochtechnologisch und sicher schweißen

„Ich schweiße nur ganz kurz.“ „So viel Rauch entsteht ja gar nicht.“ „Der Absaugarm stört mich bei der Arbeit.“ Noch immer wird die Gefahr durch Schweißrauche von vielen unterschätzt. Doch die darin enthaltenen gas- und partikelförmigen Stoffe können lungenbelastend, giftig und auch krebserzeugend sein. Das ist die schlechte Nachricht. Die gute: Man kann sich schützen! Wie? Das erfahren Teilnehmer in den Workshops der AUVA im Herbst 2019. Betriebe können sich dort Know-how zu Schutzmaßnahmen sowie zu aktuellen technischen Entwicklungen und Schweißverfahren holen.

Im Rahmen ihres laufenden Präventionsschwerpunktes „Gib Acht, Krebsgefahr!“ zur Information und Bewusstseinsbildung rund um krebserzeugende Arbeitsstoffe veranstaltet die AUVA in Zusammenarbeit mit den Firmen Fronius International GmbH und Aigner GmbH österreichweit vier Workshops. Unter dem Titel „Schweißen – hochtechnologisch und sicher!“ erwarten die Teilnehmer praxisnahe Informationen von Experten zu aktuellen Schweißverfahren und Absaugeinrichtungen. Darüber hinaus werden gesetzliche Rahmenbedingungen thematisiert und wirkungsvolle Maßnahmen zur Verringerung der Schweißrauchexposition der Arbeitnehmer vorgestellt.

Im Anschluss an die Fachvorträge gibt es im Stationenbetrieb die Möglichkeit, erfahrenen Schweißern über die Schulter zu blicken und mit Fachleuten über Absauglösungen zu diskutieren. Mitarbeiter der AUVA und der Österreichischen-Staub-Silikose-Bekämpfungsstelle (ÖSBS) stellen unter anderem Messtechnik zur Erhebung der Arbeitsplatzexposition vor. Die Veranstaltungen finden in Kooperation mit dem WIFI Graz, WIFI Innsbruck und dem TÜV SÜD Arsenal statt.

Workshop-Termine

jeweils von 12:30 – ca. 17:00 Uhr
11. September 2019 in Linz (im Rahmen der Messe „SCHWEISSEN“)
24. September 2019 in Graz
27. September 2019 in Innsbruck
14. November 2019 in Wien

Details und Anmeldung online über https://online-services.auva.at/kursbuchung
Bitte melden Sie sich danach unter „Kurse“ – „STICHWORT FÜR DIE VOLLTEXT-SUCHE“ – mit dem Begriff „Schweißrauch“ an.