Gib Acht, Krebsgefahr: Es geht weiter!

Die europäische Kampagne zu gefährlichen Arbeitsstoffen wurde im Oktober 2019 beendet, im Fokus der AUVA stehen arbeitsbedingte Krebserkrankungen aber noch bis Ende 2020 und darüber hinaus.

Gemeinsam im Kampf gegen arbeitsbedingten Krebs: AUVA, Sozialministerium, Arbeitsinspektion, Sozialpartner sowie Unternehmen. (v. l. n. r.): Dr. Silvia Springer (AUVA-Chemikerin), Robert Schneider (Magna Auteca GmbH), DI Marion Jaros (Wiener Umweltanwaltschaft); Johannes Gschwandtner (technosert electronic GmbH); MMag. Petra Streithofer (AK Wien); DI Klaus Wittig (AUVA, Stv. Leiter Abt. Unfallverhütung und Berufskrankheitenbekämpfung), Dr. Ingrid Reifinger (ÖGB), Mag. Stephanie Propst (Industriellenvereinigung); Dr. Anna Ritzberger-Moser (Sektionschefin Zentral-Arbeitsinspektorat), Mag. Christa Schweng (WKO), Mag. Martina Häckel-Bucher (EU-OSHA Focal Point Österreich im BMASGK); Mag. Marie Jelenko (AUVA-Kampagnenmanagerin); DI Katrin Arthaber (Zentral-Arbeitsinspektorat) © R. Reichhart

Der AUVA-Schwerpunkt „Gib Acht, Krebsgefahr!“ knüpft an die Kampagne der Europäischen Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz (EU-OSHA) „Gesunde Arbeitsplätze – gefährliche Arbeitsstoffe erkennen und handhaben“ an. Anlässlich der Beendigung der EU-OSHA-Kampagne 2018/2019 bei der Abschlussveranstaltung am 22. Oktober 2019 zog die AUVA eine Zwischenbilanz ihres Präventionsschwerpunktes. „Der Kampf gegen Krebs am Arbeitsplatz geht weiter“, kündigte Dr. Anna Ritzberger-Moser, die Leiterin der Sektion Arbeitsrecht und Zentral-Arbeitsinspektorat, an. In vielen Unternehmen würde das Bewusstsein für die Gefahr durch krebserzeugende Arbeitsstoffe nach wie vor fehlen, bei Arbeitgebern und Arbeitnehmern mangle es an Wissen. Warum es gerade beim Thema krebserzeugende Arbeitsstoffe schwierig ist, sich der Gefahr bewusst zu sein, erklärte Dipl.-Ing. Katrin Arthaber vom Zentral-Arbeitsinspektorat: „Wenn wir Maßnahmen setzen, sehen wir zuerst nur die unmittelbaren Ergebnisse, zum Beispiel eine niedrigere Schadstoffkonzentration nach dem Einbau einer neuen Lüftung. Ob sich jedoch bei der Anzahl der Krebserkrankungen etwas geändert hat, merkt man erst viele Jahre später.“

Mängel wurden beseitigt

Die im Rahmen des Beratungs- und Kontrollschwerpunkts des Arbeitsinspektorats zu krebserzeugenden Arbeitsstoffen gesammelten Erfahrungen stimmen optimistisch, so Arthaber. Bei der Nachkontrolle waren mehr als zwei Drittel der beanstandeten Mängel beseitigt worden. Viele Maßnahmen, vor allem im organisatorischen Bereich, seien schnell umzusetzen. Dazu zählt beispielsweise die getrennte Aufbewahrung von Arbeits- und Privatkleidung. Von den Ergebnissen der bisher rund 100.000 stattgefundenen Beratungsgespräche der AUVA berichteten Mag. Marie Jelenko, Projektleiterin des AUVA-Präventionsschwerpunkts, und Dr. Silvia Springer, Chemikerin in der AUVA-Hauptstelle. In insgesamt fast zwei Drittel der besuchten Unternehmen gab es krebserzeugende Arbeitsstoffe; am häufigsten handelte es sich dabei um Dieselmotor­emissionen, Holzstaub oder Benzol.

Besonders schwer sind krebserzeugende Stoffe zu erkennen, die erst im Arbeitsprozess entstehen. Aber auch die Gefahr durch zugekaufte Stoffe wird manchmal falsch eingeschätzt. „Bei der Chemikalienkennzeichnung gibt es einige ‚Fallstricke‘. Nicht alle mit dem Gefahrenpiktogramm ‚Gesundheitsgefahr‘ gekennzeichneten Stoffe sind krebserzeugend. Sie können auch erbgutverändernd, die Fruchtbarkeit schädigend oder hochgiftig für innere Organe sein“, erklärte Springer. Die Gefahrenhinweise (H-Sätze) informieren über Schwere und Art der Gefahr: „H350 Kann Krebs erzeugen“, „H351 Kann vermutlich Krebs erzeugen“ und „H350i Kann beim Einatmen Krebs erzeugen“.

In vielen Betrieben waren einige branchentypische krebserzeugende Arbeitsstoffe bekannt, aber nicht alle. Im Bau- und Baunebengewerbe kommen beispielsweise Asbest, Holzstaub, Benzol und Quarzstaub häufig vor. Die weniger bekannten Methylendiphenylisocyanate (MDI), die in vielen Schäumen und Klebstoffen enthalten sind, sind weniger wegen ihres krebserzeugenden Potenzials problematisch als wegen ihrer sensibilisierenden Wirkung, die zu „Isocyanat-Asthma“ führen kann. In der Metallverarbeitung sind Beschäftigte häufiger Edelstahlschweißrauch und Dieselmotoremissionen ausgesetzt.

Verzeichnis gefährlicher Arbeitsstoffe

Bei den bisherigen Beratungen wurde häufig festgestellt, dass ein Verzeichnis gefährlicher Arbeitsstoffe fehlt. Ist dieses nicht vorhanden, weiß man auch nicht, in welchen Betriebsbereichen welche krebserzeugenden Stoffe verwendet werden.

Die Ergebnisse aus den Beratungen in Kleinbetrieben zeigen, dass in Gesundheitseinrichtungen, wo Formaldehyd zur Fixierung von Gewebeproben, Ethylenoxid zur Sterilisation verwendet wird und polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) in chirurgischen Rauchgasen vorkommen, der Prozentsatz der Einrichtungen mit vorhandenem Arbeitsstoffverzeichnis zwischen 62,8 Prozent in Seniorenheimen und nur 28,7 Prozent in Arztpraxen liegt. In der Metallverarbeitung variiert der Wert zwischen 75 Prozent bei der Herstellung von Maschinen zur Kunststoffverarbeitung und 31 Prozent bei der Herstellung sonstiger Maschinen.

„Bei den Beratungen haben Arbeitgeber und Arbeitnehmer großes Interesse gezeigt“, so Jelenko. So gab es Anfragen aus dem Gastgewerbe bei den Herstellern von Geschirrspülmitteln, ob es auch Alternativen ohne krebserzeugende Inhaltsstoffe gäbe. Einige Hersteller haben das zum Anlass genommen, die Rezeptur ihrer Reinigungsmittel zu überdenken und zu verändern.

Merkblätter und Seminare

Bei den Beratungen erhob die AUVA auch, welche Informationen Arbeitgeber und Arbeitnehmer benötigen. Im Baugewerbe etwa wurde der Wunsch nach einem schnellen Überblick über alle krebserzeugenden Arbeitsstoffe geäußert. Diesen wird das Merkblatt „Krebserzeugende Arbeitsstoffe auf Baustellen“ bieten, das demnächst erscheint. Schwerpunkt des geplanten Merkblatts für die Metallverarbeitung soll die Galvanik sein. Für Apotheken ist eine Information zum Umgang mit krebserzeugenden, erbgutverändernden oder die Fruchtbarkeit beeinträchtigenden Stoffen geplant und für Gesundheitseinrichtungen sind Tipps zum Schutz vor chirurgischen Rauchgasen in Ausarbeitung.
In Zusammenarbeit mit der Sozialversicherungsanstalt der Bauern (SVB) erstellt die AUVA Informationsmaterialien zu krebserzeugenden Arbeitsstoffen in Landwirtschaft und Grünraumpflege, darunter ein Erklärvideo über den sicheren Umgang mit Pflanzenschutzmitteln. Aufkleber mit der Aufschrift „Ich tanke benzolfrei!“ für handgeführte Arbeitsmittel mit Zweitaktmotor.

Das Schulungsangebot wurde ebenfalls ausgebaut. Auf dem Programm für 2020 stehen weitere Termine für das Seminar „Sicherer Umgang mit krebserzeugenden Arbeitsstoffen“ und der Workshop „Schweißen – hochtechnologisch und sicher“ wurde von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern als sehr praxisnah erlebt. Fragen, die bisher nicht bei Veranstaltungen oder in Informationsmaterialien behandelt wurden, könne man unter FAQkrebsgefahr@auva.at an die AUVA richten, so Jelenko. Die Antworten auf Fragestellungen von allgemeinem Interesse werden auf der Website www.auva.at/krebsgefahr in der Rubrik „Häufig gestellte Fragen – FAQ“ beantwortet.

Good-Practice-Beispiele

Bei der Abschlussveranstaltung stellte die AUVA auch drei Good-Practice-Beispiele aus unterschiedlichen Branchen vor, über die in „Alle!Achtung!“ bereits berichtet wurde oder in kommenden Ausgaben noch genauer berichtet wird. Den Anfang machte die Desinfektionsmittel-Datenbank WIDES der Wiener Umweltanwaltschaft. Die Datenbank enthält mehr als 300 marktübliche Desinfektionsmittel, deren Gefährdungspotenzial auf der Basis von Einstufung, Konzentration und Kombination der Inhaltsstoffe bewertet wird. WIDES wurde bei dem im Rahmen der EU-OSHA-Kampagne stattfindenden Europäischen Wettbewerb mit einer besonderen Erwähnung ausgezeichnet.

Die Magna Auteca GmbH, die aus Polyoxymethylen (POM) Aktuatoren zum Verstellen von Autospiegeln herstellt, zählt beim Schutz vor beim Kunststoffspritzguss von POM entstehendem Formaldehyd zu den vorbildlichen Betrieben. In „Alle Achtung!“ von März 2019 wurde dem Unternehmen bereits ein Beitrag gewidmet. Bei Magna Auteca kam es nach der Anschaffung einer leistungsfähigeren Anlage zu Grenzwertüberschreitungen. Dieses Problem konnte durch Absaugung und Abdeckung der ausgasenden Teile gelöst werden.

Dem Elektronik-Dienstleister technosert elec­tronic GmbH gelang es, in allen Produktionsaufträgen sämtliche krebserzeugende Arbeitsstoffe zu ersetzen. Da technosert elektronische Geräte ausschließlich im Auftrag anderer Unternehmen entwickelt, konstruiert und herstellt, bestand die Herausforderung darin, auch die Kunden einzubeziehen. Dank eines Wissens- und Informationsmanagementsystems kann jeder Mitarbeiter auf Informationen zu Alternativen ohne krebserzeugende Inhaltsstoffe zugreifen.

Der Kampf gegen arbeitsbedingten Krebs geht weiter

Die AUVA wird in ihrem Präventionsschwerpunkt – nach der wichtigen Aufklärungsarbeit zum Erkennen von krebserzeugenden Arbeitsstoffen – den Fokus in den Beratungen nun noch stärker auf die Maßnahmensetzung und auf branchenorientierte Lösungen legen. Die Verbesserung der Meldepraxis von Krebserkrankungen als Berufskrankheiten ist ein weiteres Herzstück der Aktivitäten, die auch über das Jahr 2020 hinausgehend die AUVA begleiten werden. (rp)

Krebserzeugende Arbeitsstoffe: Erfolge und Herausforderungen

„Die Kampagne ist bisher sehr erfolgreich, trotzdem steht noch eine Reihe in Angriff zu nehmender Herausforderungen an. In diesem Sinne und unserem Präventionsauftrag entsprechend widmet sich die AUVA noch ein weiteres Jahr der Information und der Bewusstseinsbildung rund um krebserzeugende Arbeitsstoffe“, sagt Daniela Zechner, Direktorin der AUVA. Auch nach dem Präventionsschwerpunkt dürfe dieses wichtige Thema nicht aus den Augen gelassen werden. So sei es etwa erforderlich, die Meldepraxis von Krebserkrankungen als Berufskrankheiten zu verbessern oder die Liste der Berufskrankheiten mit Blick auf die EU und die sich ändernde Arbeitswelt durch den Gesetzgeber zu überdenken.

Zechner weist auf die besondere Bedeutung der Prävention speziell beim Umgang mit gefährlichen Stoffen hin: „Je weniger sichtbar Gefahren sind, desto höher das Risiko, diese falsch einzuschätzen oder gar zu übersehen. Die Europäische Kampagne und der Präventionsschwerpunkt der AUVA zu gefährlichen und krebserzeugenden Arbeitsstoffen sind überaus wichtig, nicht zuletzt deshalb, weil sich eine unbedachte oder fehlerhafte Handhabung dieser Stoffe oft erst Jahre später in Form einer schweren Erkrankung bemerkbar machen kann.“

Die Direktorin der AUVA betont auch die gute Zusammenarbeit mit der Arbeitsinspektion, mit der die AUVA ihre Präventionsarbeit für diesen Schwerpunkt koordiniert. Information und Bewusstseinsbildung können selbst ein so schwerwiegendes Risiko wie das einer Krebserkrankung beherrschbar machen: „Ähnlich wie wir mit anderen Gefahren in der Arbeitswelt umzugehen gelernt haben, ist auch ein sicherer Umgang mit gefährlichen Stoffen möglich. Das Erkennen der Gefahr – in diesem Falle der gefährlichen Eigenschaften krebserzeugender Stoffe und Produkte – ist eine absolute Grundvoraussetzung dafür.“

Mehr Informationen zum AUVA-Präventionsschwerpunkt 2018 – 2020 rund um krebserzeugende Arbeitsstoffe finden Sie unter www.auva.at/krebsgefahr