Hütten in Extremlage

Die Bedingungen, unter denen Hüttenwirte und ihre Angestellten in Kategorie-1-Hütten arbeiten, sind schwierig. AUVAsicher-Berater wissen, auf welche Schutzmaßnahmen besonders geachtet werden muss.

© Rosemarie Pexa

Wenn Robert Obergantschnig zeitig in der Früh im Tal aufbricht, liegt ein Aufstieg von durchschnittlich tausend Höhenmetern vor ihm. Wie jeder verantwortungsbewusste Bergwanderer hat er den Wetterbericht abgerufen, führt die entsprechende Ausrüstung mit und weiß, wie lange er unterwegs sein wird. Ihm ist allerdings nicht nur seine eigene Sicherheit ein Anliegen, sondern auch die der Hüttenwirte und ihrer Angestellten auf den Schutzhütten, die er besucht. Obergantschnig, Sicherheitsfachkraft und AUVAsicher-Vertragspartner, arbeitet für das Präventionszentrum Innsbruck, das auch für die Betreuung von Schutzhütten der Kategorie 1 zuständig ist. Schutzhütten fallen in diese Kategorie, wenn sie nicht oder nur in Ausnahmefällen mit mechanischen Aufstiegshilfen – also per Auto über eine Zufahrtsstraße oder mithilfe einer Seilbahn – erreichbar sind. Der Aufstieg muss mindestens eine Stunde dauern. Die Ausstattung dieser Hütten ist schlicht, die Kost einfach. Auf diese spezielle Situation abgestimmte Auflagen und Ausnahmen sollen sicherstellen, dass der typische Charakter der Hütten erhalten bleibt und gleichzeitig die Arbeitnehmer ausreichend geschützt sind.

Wer in einer Kategorie-1-Hütte – auch als Hütte in Extremlage bezeichnet – arbeitet, tut das unter ganz anderen Bedingungen als in einem Gasthaus oder einer Pension unten im Tal. Extremlage bedeutet, dass die Hütte Wind und Wetter ausgesetzt ist, starken Schneefällen ebenso wie schweren Gewittern. Während bei Sturm und Regen meist nur wenige Wanderer auf der Hütte Schutz suchen, kann es an einem Tag mit optimalem Bergwetter sogar in 2.500 bis 3.000 Metern Seehöhe ziemlich stressig werden. Die Präventionsberatungen von Obergantschnig und seinen Kollegen sollen dafür sorgen, dass es auch in Zeiten mit erhöhtem Arbeitsanfall nicht zu Unfällen kommt.

Beratung ohne zusätzliche Kosten

Die Beratungen durch AUVAsicher sind für Betriebe mit bis zu 50 Mitarbeitern kostenlos, Voraussetzung ist eine Anmeldung auf www.auva.at/auvasicher. Hat die AUVA eine Schutzhütte schon unter einem früheren Pächter betreut und hat dieser die Hütte nicht abgemeldet, muss ein neuer Betreuungsantrag gestellt werden, was im Zuge der Betreuung des neuen Pächters erfolgen kann.“ Aufgrund der Wetterbedingungen im Hochgebirge finden alle Beratungen zwischen dem Beginn der Ferienzeit und Mitte August statt. „Pro Jahr besuche ich im Schnitt zehn Schutzhütten in Extremlage im Bezirk Lienz“, so ­Obergantschnig. Wird die Zeit gegen Ende der Saison knapp, stehen manchmal zwei Hütten an einem Tag auf seinem Programm. Nur dann nimmt er auch einmal einen für den Personenverkehr zugelassenen Aufzug, denn „man hat eine ganz andere Glaubwürdigkeit, wenn man keine Aufstiegshilfen nutzt“.

Erstbegehungen beginnt Obergantschnig mit der Erklärung, dass die AUVAsicher nur berät und keine Kontrollfunktion ausübt. Der Hüttenwirt erfährt, wo Handlungsbedarf besteht, damit alle Gesetze eingehalten werden. Insbesondere nach Neuübernahmen gibt es oft erhebliche Wissenslücken. So ist manchen Hüttenwirten zum Beispiel nicht klar, dass das ArbeitnehmerInnenschutzgesetz eine Unterweisung vorschreibt. Obergantschnig steht mit Rat und Tat zur Seite: „Wenn jemand Probleme mit der Unterweisung hat, gebe ich Unterweisungsvorlagen aus und helfe bei der Ausarbeitung.“

Gefährliche Arbeitsstoffe

Eine Arbeitsplatzevaluierung, die zum Ziel hat, das Unfallrisiko am Arbeitsplatz sowie physische und psychische Belastungen der Arbeitnehmer zu minimieren, fehlt ebenfalls oft. Obergantschnig stellt Informationsmaterial zur Verfügung und unterstützt den Hüttenwirt bei Bedarf bei der Ermittlung der Gefahren. Dabei sind unter anderem gesundheitsgefährdende Arbeitsstoffe ein Thema. „Auf die Frage, ob gefährliche Arbeitsstoffe verwendet werden, kommt als Antwort meist ‚Haben wir nicht‘ oder ‚Keine Ahnung‘“, erzählt Obergantschnig von seinen Erfahrungen vom jeweils ersten Besuch bei einem neuen Pächter.

Der AUVAsicher-Berater weiß, wo bei der Begehung einer Schutzhütte gesundheitsgefährdende Ar­­beitsstoffe zu finden sind: vor allem in industriellen Reinigungsmitteln, aber auch in Haushaltsreinigern. „Auf die Gefahrensymbole achten“, rät Obergantschnig und fragt gleich nach, ob es zum jeweiligen Produkt ein Sicherheits­datenblatt gibt.

Zum Kontakt mit gesundheitsgefährdenden Reinigungsmitteln kann es vor allem beim Behälterwechsel kommen, der laut Obergantschnig oft „Chefsache“ ist. Warten in der Gaststube hungrige Wanderer auf das Mittagessen, muss es schnell gehen, auf die persönliche Schutzausrüstung wird dann häufig verzichtet. Der AUVAsicher-Berater betont, dass beim Wechsel des Reinigungsmittelbehälters – auch wenn es nur kurz dauert – immer Schutzbrille und Schutzhandschuhe verwendet werden sollen.

Schnitt, Sturz und Fall

Eine andere Gefahrenquelle in der Küche ist die Aufschnittmaschine, bei der oft der Daumenschnittschutz fehlt. „Die klassischen Küchenunfälle sind Schnittverletzungen, Sturz und Fall“, erklärt Obergantschnig. Mit rutschfesten Schuhen lassen sich solche „Ausrutscher“ meist vermeiden. Sturzgefahr besteht auch auf Stiegen. Hat eine Stiege mehr als vier Stufen, muss sie durch einen Handlauf gesichert sein. Wenn sich unmittelbar hinter einer Tür eine Stufe befindet, ist außen an der Tür ein Hinweisschild mit der Aufschrift ‚Achtung Stufe‘ anzubringen.

Durch die häufig beengten Verhältnisse kann es leicht passieren, dass man mit dem Kopf gegen etwas stößt. Kanten in Kopfhöhe müssen daher gut sichtbar markiert sein. Bei der Betriebsbesichtigung begutachtet Obergantschnig jeden Winkel der Hütte, bückt sich unter niedrigen Balken, steigt die Stufen zu im Keller gelegenen Lagerräumen hinunter und prüft dabei, ob der Handlauf gut befestigt ist und die Regale stabil genug sind. Er weist auf potenzielle Unfallquellen hin und macht konkrete Verbesserungsvorschläge.
Selbst wenn alle Sicherheitsmaßnahmen befolgt werden, lassen sich Unfälle nie ganz ausschließen. Obergantschnig informiert den Hüttenwirt darüber, was zu tun ist, damit der Betroffene die ihm zustehenden Versicherungsleistungen erhält. Ein Arbeitsunfall, durch den ein Versicherter mehr als drei Tage ganz oder teilweise arbeitsunfähig ist, muss innerhalb von fünf Tagen an die AUVA gemeldet werden. Dafür stehen Formulare und Ausfüllhilfen zur Verfügung.

Schnee und Feuer

Auf seinem Rundgang durch die Schutzhütte achtet Obergantschnig darauf, ob die Fluchtwege gekennzeichnet sind und die Fluchtwegorientierungsbeleuchtung funktioniert. Das muss der Hüttenwirt jeden Monat selbst kontrollieren; einmal jährlich ist eine Überprüfung durch einen Fachkundigen fällig. Bei der vorgeschriebenen Öffnungsrichtung der Fluchttüren wird berücksichtigt, dass es in höheren Lagen mitunter auch während der Saison ergiebig schneit und die Tür daher nach innen zu öffnen sein muss.
Holzdecken, -wände und -türen verleihen Schutzhütten einen urigen Charakter. Allerdings tragen sie gemeinsam mit der Tatsache, dass die meisten Kategorie-1-Hütten nicht nach den heute üblichen Brandschutzvorschriften gebaut worden sind, zu einem erhöhten Brandrisiko bei. „Ab 30 Betten ist eine automatische Brandmeldeanlage vorgeschrieben“, so Obergantschnig. Feuerlöscher müssen in ausreichender Anzahl vorhanden sein und termingerecht geprüft werden.

Auch die anderen technischen Anlagen – Elektro-, Gas-, Blitzschutz- und automatische Brandmeldeanlage – sind in den jeweils vorgeschriebenen Abständen einer Überprüfung zu unterziehen. Diese Pflicht übernimmt häufig der alpine Verein, der die Hütte besitzt. Für den Hüttenwirt bleibt trotzdem genug zu tun, damit ein sicherer Betrieb der Anlagen gewährleistet ist.

Meist sind zwei Stunden vergangen, bis sich Obergantschnig wieder verabschiedet. „Die Hüttenwirte sind freundlich und haben Verständnis für meine Arbeit – auch wenn ich komme, wenn gerade viel los ist“, zieht der AUVAsicher-Berater Bilanz und macht sich an den Abstieg hinunter ins Tal. (rp)