ISO 45001 – Die Arbeitswelt soll sicherer werden

Jährlich sterben bei Arbeitsunfällen weltweit über zwei Millionen Menschen. Täglich erleiden mehr als eine Million Menschen einen Arbeitsunfall oder eine arbeitsbedingte Erkrankung wird entdeckt. Nationale und internationale Anstrengungen haben zum Ziel, diese dramatischen Zahlen zu senken.

© cnythzl/iStock

ISO 45001 und OHSAS 18001 im Vergleich © cnythzl/iStock

Eine dieser­­­­­­ An­stren­­­­­­­­­­­gun­­­­­­­­­gen war in den letzten Jahren die Normierung eines allgemeingültigen Standards für Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz. Dieser wurde am 12. März 2018 als ISO 45001 „Occupational health and safety management systems – Requirements with guidance for use“ herausgegeben. Im Mai 2018 folgte die deutsche Übersetzung als DIN ISO 45001 „Managementsysteme für Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit – Anforderungen mit Anleitung zur Anwendung“. Am 15. Mai 2019 wurde die ISO 45001 auch als ÖNORM ISO 45001 mit demselben Titel veröffentlicht. Bis März 2021 müssen all jene Unternehmen, deren Sicherheits- und Gesundheitsmanagementsystem bis zuletzt nach OHSAS 18001 zertifiziert worden ist, auf ISO 45001 umgestiegen sein, um eine Zertifizierung aufrechterhalten zu können.

Was lange währt …

Die Entwicklung der heute international gültigen ISO 45001 sollte ein halbes Jahrzehnt benötigen. Bereits im März 2013 kontaktierte das BSI die ISO mit dem Vorschlag der Erarbeitung einer neuen Arbeitsschutznorm auf Grundlage der BS OHSAS 18001. Im Juli 2013 wurde dieser Vorschlag angenommen, im Oktober 2013 entstand der erste „Working Draft“ des Projektkomitees ISO/PC 283, dem Experten aus über 70 Nationen, unter ihnen auch die stellvertretende Leiterin der Präventionsabteilung der AUVA, Mag. Barbara Libowitzky, angehörten. In diesem Working Draft findet sich erstmalig der Name „ISO 45001“.

Bereits in diesem Arbeitspapier erfolgte auch die Festlegung auf die sogenannte High Level Structure (HLS) der ISO. Die HLS wurde durch die ISO festgeschrieben, um Normen für Managementsysteme zu standardisieren. Eine einheitliche Struktur und gleiche Inhalte – gegliedert in zehn Kapitel – sollen eine Angleichung unterschiedlicher ISO-Normen verbessern. Langfristiges Ziel der HLS ist es, dass alle Normen zu Managementsystemen darauf basieren. Derzeit sind bereits einige wichtige Normen, wie die ISO 27001 „Informationstechnik – Sicherheitsverfahren – Informationssicherheitsmanagementsysteme“ – sie war im Jahr 2013 die erste ISO-Norm, die auf der HLS basierte –, die ISO 9001 „Qualitätsmanagementsysteme“, die ISO 14001 „Umweltmanagementsysteme“ und die ISO 50001 „Energiemanagementsysteme“, auf dieser Grundlage aufgebaut.

Was folgte, waren zwei Working Drafts in den Jahren 2014 und 2015. Der im November 2015 zur Abstimmung weitergegebene „Draft International Standard“ (DIS) wurde im Juni 2016 von mehr als einem Viertel der nationalen Normungsgremien abgelehnt. Es dauerte 13 Monate – also bis in den Juli 2017 –, bis eine weitere Variante, die DIS 2, veröffentlicht wurde. Und auch an diesem Entwurf musste noch gefeilt werden, ehe er im November 2017 als „Final Draft International Standard“ veröffentlicht und im Jänner 2018 im Projektkomitee mit 93 Prozent Zustimmung be­­­schlossen wurde.

Hohe Erwartungen

Die Entstehungsgeschichte der ISO 45001 zeigt, dass lange über einen weltweit einheitlichen Standard diskutiert wurde und dieser nur mit Kompromissen zu erreichen gewesen ist. Andererseits macht der lange Vorlauf auch klar, warum man auch seitens der ISO sehr hohe Erwartungen in diese Norm steckt.
David Smith, Vorsitzender des bei der ISO zuständigen Projektkomitees ISO/PC 283, wird in Aussendungen der deutschsprachigen Normungsgremien Austrian Standards Institute (ASI) und des Deutschen Instituts für Normung (DIN) mit euphorischen Statements zitiert: Er sei überzeugt, dass der neue Internationale Standard für Millionen von Arbeitern einen „echten Wendepunkt“ darstelle: „Es ist zu hoffen, dass die ISO 45001 zu einer grundlegenden Veränderung der Arbeitssituation führt und damit die tragisch hohe Zahl an arbeitsbedingten Unfällen und Krankheiten auf der ganzen Welt zurückgeht. Der neue Standard wird Unternehmen dabei helfen, eine sichere und gesunde Arbeitsumgebung zu schaffen, indem sie ihre Arbeitsschutzleistung kontinuierlich verbessern.“

Eher nichts für Kleinbetriebe

AUVA-Projektleiterin Mag. Bar­­­­­­­bara Libowitzky teilt diese Eu­­­pho­­­­­rie nur bedingt. „Man muss definitiv festhalten, dass die ISO 45001 nichts für Kleinbetriebe ist“, gibt sie zu bedenken. Ein Blick für die Zahlen der KMU Forschung Austria zeigt, dass 99,7 Prozent aller heimischen Unternehmen nach EU-Definition Klein- und Mittelbetriebe mit unter 250 Beschäftigten sind. Wie kleinbetrieblich strukturiert die österreichische Wirtschaft ist, geht auch aus den statistischen Zahlen der Wirtschaftskammer Österreich hervor: Demnach beschäftigen 93,6 Prozent aller heimischen Unternehmen weniger als zehn Mitarbeiter.
Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass aus österreichischer Sicht dem Gesundheitsaspekt in der neuen Norm zu wenig Augenmerk geschenkt wurde und die Forderung nach der Definition des Begriffs „Indikatoren“ in diesem Bereich abgelehnt wurde. Daher verwundert es auch nicht, dass man seitens der AUVA eine realistische Einschätzung für die Einführung von Managementsystemen nach ISO 45001 vornimmt und parallel zu ISO 45001 am eigenen „AUVA-SGM“ festhalten wird.

Das aus rund zehn Experten bestehende  MS-P-Team (Mana­­ge­­­­mentsysteme für Prävention) der AUVA sieht seine Aufgabe mehr denn je in einer fundierten Beratung der heimischen Unternehmen in Sachen Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz an. Deshalb wurden die verschiedenen Aktivitäten nun auch unter diesem Namen gebündelt und ein neuer Ansatz in der Beratung entwickelt (Details siehe www.auva.at/ms-p). (wh)

Wesentliche Neuerungen der ISO 45001

  • Begriff „worker“
  • Führung und Beteiligung
  • Chancen und Risiken (bereits in ISO 14001)
  • Umfeld/Lieferkette muss stärker einbezogen werden
  • PDCA-Zyklus stark verankert innerhalb der einzelnen Kapitel, aber auch in der Norm als Gesamtheit