Risikofaktor Arbeitszeit

Die Österreichische Gesellschaft für Arbeitsmedizin präsentierte kürzlich eine aktualisierte Fassung des Leitfadens zur Beurteilung langer Arbeitszeit, basierend auf der Novelle des Arbeitszeitgesetzes (AZG).

Lange Arbeitszeiten sollen auch künftig die Ausnahme bleiben. © fotomek/AdobeStock

Rund ein Jahr ist es her, dass der 12-Stunden-Arbeitstag sowie die 60-Stunden-Woche im Arbeitszeitgesetz verankert wurden. Das war der Anlass für Experten der Österreichischen Gesellschaft für Arbeitsmedizin, ein mögliches Gefährdungspotenzial durch die längere Arbeitszeit genauer unter die Lupe zu nehmen. Der Leitfaden „Grundlagen zur arbeitsmedizinischen Beurteilung von Arbeitszeitregelungen“ wurde überarbeitet und die Gesundheitsrisiken langer Arbeitszeiten neu bewertet.

Die Flexibilisierung der Arbeitszeit beinhaltet unter anderem auch eine Änderung der Definition der Normalarbeitszeit. „Aus arbeitsmedizinischer Sicht ist dieser Umstand insofern nicht gesundheitsneutral. Bislang wurde Mehrarbeit als Überstunden vergütet. Aus ökonomischen Gründen wurden Überstunden daher sparsam eingesetzt. Nun verliert dieses Regulativ an Bedeutung, sodass zu erwarten ist, dass die tatsächliche Wochenarbeitszeit für den einzelnen Beschäftigten steigen wird“, sagt der Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Arbeitsmedizin (ÖGA), Dr. Erich Pospischil.

Keine Vorteile

Einig sind sich die Experten der ÖGA auch, dass längere Arbeitszeiten zu Fehlbeanspruchungsfolgen führen und arbeitsbedingte Krankheiten zur Folge haben. Das würde volkswirtschaftlich langfristig keine Entlastungen bringen. Im Gegenteil: „Die physische und psychische Beanspruchung der Arbeitenden steigt und wirkt leistungsmindernd. Eine verlängerte Regelarbeitszeit erhöht nachweislich die Unfallgefahr“, ist Pospischil überzeugt. Weiters gehen die Experten davon aus, dass es durch die Flexibilisierung der täglichen Arbeitszeit zu keiner Verlängerung der Jahresarbeitszeit oder Lebensarbeitszeit kommt, denn auf Phasen mit Mehrarbeit – also bis zu zwölf Stunden täglich oder 60 Stunden wöchentlich – werden Phasen mit entsprechend verminderter Arbeitszeit folgen.

Der Mitautor des „Leitfadens Neu“, Univ.-Doz. DI Dr. Johannes Gärtner, verweist: „Es gibt klare und gut belegte Zusammenhänge von Gesundheit und Arbeitszeit. Insbesondere hohe Arbeitszeiten und kurze Ruhezeiten sind problematisch. Wünschenswert sind Regelungen, die lange Arbeitszeiten für Unternehmen und Beschäftigte unattraktiv machen, sodass es die Ausnahme bleibt. Gegenwärtig wird ungesundes Arbeiten aber sogar steuerlich gefördert.“

Unfallrisiko steigt

Die wissenschaftliche Literatur belegt, dass Arbeitnehmer, die Überstunden leisten, unabhängig von der Branche und der Art der Tätigkeit ein höheres Unfallrisiko aufweisen. „Daher ist aus arbeitsmedizinischer Sicht eine Arbeitszeitverlängerung auf höchst­­­­­­­­­­zulässige Arbeitszeiten vor allem bei Branchen oder Berufen mit erhöhter Unfallgefährdung bedenklich, da eine höhere Auswirkung auf die Unfallrate zu erwarten ist“, betont Prim. Priv.-Doz. Dr. Robert Winker, Arbeitsmediziner und Vorstand des Gesundheits- und Vorsorgezentrums der KFA im Sanatorium Hera. Winker verweist unter anderem auf eine kürzlich publizierte Metaanalyse mit Einschluss von 29 Studien, die bei einer Arbeitszeit von zwölf Stunden ein um rund 80 Prozent erhöhtes Risiko für Arbeitsunfalle verglichen zur Normalarbeitszeit von acht Stunden nachwies (Fischer et al., 2017). Wer zum Beispiel wöchentlich 55 oder mehr Stunden arbeitet, hat ein 1,3-mal höheres Risiko, einen Schlaganfall zu erleiden als unter Normalarbeitszeit.

Empfehlung aus Sicht der Arbeitsmedizin

Bei der Beurteilung der Arbeitszeit soll die arbeitsgebundene Zeit, somit auch der Arbeitsweg, berücksichtigt werden. In besonderem Maß gilt diese Überlegung für Pendler. Auch Faktoren wie Nebenbeschäftigungen, die familiäre Situation und die Wohnsituation sind zu beachten. „Betriebliche Maßnahmen des Gesundheitsschutzes sind bei langer Arbeitszeit unbedingt erforderlich“, so Pospischil.

Das Risiko unterschiedlicher Arbeitszeiten kann mit dem kostenlosen Web-Tool der AUVA unter
www.eval.at/evaluierung-arbeitszeitermittelt werden.