Schutz vor Krebs

Auf Bauberufe entfällt laut AUVA-Statistik der höchste Anteil anerkannter Berufskrank­heiten mit Krebs-Diagnose. Viele Erkrankungen durch krebserzeugende Arbeitsstoffe könnten durch Schutzmaßnahmen verhindert werden.

© Grafikstudio Hutter

Ein Mann im Schutzanzug demontiert asbesthaltige Dachplatten, sein Kollege baut am Dachboden Dämmmaterial aus „alten“ künstlichen Mineralfasern fachgerecht aus, beim Mauern mit Planziegeln im ersten Stock kommt Montageschaum zum Einsatz, im Erdgeschoss wird der frische Beton mit einem Flügelglätter geglättet – auf der Abbildung einer Baustelle im neuen Merkblatt „M.plus 340.6 Krebserzeugende Arbeitsstoffe auf Baustellen“ ist zu sehen, wo überall krebserzeugende oder krebsverdächtige Arbeitsstoffe vorkommen können – von der bekannten Gefahrenquelle Asbest bis zu „versteckten“ Stoffen wie Benzol oder Chrom(VI).

„Anhand des Merkblatts kann man erkennen, welche krebserzeugenden Stoffe sich auf einer Baustelle befinden. Es sensibilisiert für die Gefahren“, so DI Ernest Stühlinger, Fachkundiges Organ Bau, von der Abteilung für Unfallverhütung und Berufskrankheitenbekämpfung der AUVA. Das Merkblatt bietet einen Überblick über zehn häufig vorkommende krebserzeugende bzw. -verdächtige Arbeitsstoffe am Bau; für einige davon gibt es zusätzlich spezielle Merkblätter, zum Beispiel zu Asbest (M.plus 267 Richtiger Umgang mit Asbest) oder zu dem in Tankstellenbenzin enthaltenen Benzol (M.plus 340.5 Krebserzeugende Arbeitsstoffe bei handgeführten Arbeitsmitteln mit Zweitaktmotor).

Dass in das neue Merkblatt auch krebserzeugende bzw. -verdächtige Stoffe aufgenommen wurden, mit denen man auf Baustellen meist nur kurzzeitig in Kontakt kommt, hat einen Grund: Bei Bautätigkeiten sind Beschäftigte oft mehreren potenziell krebserzeugenden Stoffen gleichzeitig ausgesetzt, etwa durch das Einatmen unterschiedlicher Stäube. Die gesetzlich festgelegten Grenzwerte gelten jedoch nur für jeweils einen Stoff, eine kombinierte Exposition wird durch sie nicht berücksichtigt. Über die Höhe des Risikos durch verschiedene Arbeitsstoffe, die auf dasselbe Organ – zum Beispiel die Lunge – wirken, kann daher keine Aussage getroffen werden. Umso wichtiger ist es, sich vor allen krebserzeugenden bzw. -verdächtigen Arbeitsstoffen zu schützen.

Asbest

Im Bau- und Baunebengewerbe spielen die Schutzmaßnahmen eine besondere Rolle, da bestimmte Tätigkeiten im Baubereich ein erhöhtes Krebsrisiko aufweisen. Bei einer berufsbezogenen Betrachtung der Berufskrankheitenstatistik der AUVA (2010-2018) zeigt sich: Auf Bauberufe entfällt der größte Anteil der anerkannten Berufskrankheiten mit der Diagnose Krebs. Ursache Nummer eins sind eingeatmete Asbestfasern. Das Verbauen asbesthaltiger Materialien wurde in Österreich zwar bereits 1990 verboten, allerdings stößt man bei Sanierungs- und Abbrucharbeiten nach wie vor sowohl im Außen- als auch im Innenbereich auf Asbest.

Dass ältere Dach- und Fassadenplatten häufig aus Asbestzement bestehen, sei in der Branche bekannt, erklärt Ing. Anton Kerschbaum, Fachkundiges Organ Bau, von der AUVA-Außenstelle Oberwart: „Die Dacharbeiter sind schon teilweise sensibilisiert, werfen die Platten vom Dach in den Container hinunter und tragen Mundschutz – aber oft keinen Schutzanzug.“ Im Innenbereich werden viele asbesthaltige Produkte jedoch nicht als solche erkannt, etwa Brandschutzelemente bzw. Brandschutzanstriche, Rohre aus Asbestzement oder asbesthaltige Kleber.

Alte künstliche Mineralfasern

Ein weiteres Problemfeld im Sanierungs- und Abbruchbereich sind künstliche Mineralfasern (KMF), die als Dämmstoffe in Form von Glas-, Stein- oder Schlackenwolle verarbeitet werden. KMF sind nicht mit Asbest vergleichbar, doch bei ihrer Bearbeitung können ebenfalls lungengängige Fasern frei werden. „Alte“ KMF-Dämmstoffe (hergestellt bis 1996, verkauft bis 1998) stehen in Verdacht, beim Einatmen Lungenkrebs zu verursachen. Dieses Risiko ist bei den neuen KMF nicht gegeben.

Anhand des Aussehens lässt sich nicht feststellen, ob es sich um „alte“ oder „neue“ KMF handelt. Liegen auch keine Informationen wie Datenblätter, Leistungserklärungen, Rechnungen oder Etiketten vor, dann ist von alten Mineralwolle-Dämmstoffen auszugehen. Bei Abbruch- und Sanierungsarbeiten sei man laut Stühlinger derzeit in der Regel mit alten künstlichen Mineralfasern konfrontiert, allerdings mit Ausnahmen: „Wenn das Dämmmaterial, z. B. nach einem Wasserschaden, ausgetauscht werden muss, fallen auch schon neue KMF an.“ Im Zweifelsfall müsse man das ausgebaute Material als krebsverdächtigen Stoff behandeln.

Krebserzeugende Stäube

Beim Einatmen gesundheitsschädlich ist auch Quarzfeinstaub, der zu Silikose und in der Folge zu Lungenkrebs führen kann. Fast alle mineralischen Bau- und Zuschlagstoffe bestehen zu unterschiedlichen Prozentsätzen aus quarzhaltigem Gestein, ein Ersatz lässt sich daher kaum finden. Wie hoch der Quarzanteil im Feinstaub ist, hängt vom Material und vom Arbeitsverfahren ab. In Österreich befasst sich derzeit eine Arbeitsgruppe damit, praxistaugliche Lösungen zum Schutz vor Quarzfeinstaub zu erarbeiten.
Einatembarer Holzstaub entsteht auf Baustellen etwa beim Fräsen oder beim Schleifen, zum Beispiel von Parkett. Hartholzstäube sind als krebserzeugend eingestuft, der Staub von zum überwiegenden Teil auf Baustellen verwendeten Weichhölzern gilt als krebsverdächtig. Zum Schutz vor Stäuben müssen alle spanabhebenden Holzbearbeitungsmaschinen über eine Absaugung verfügen. Ausnahmen bestehen bei Unterschreitung des Grenzwerts, etwa bei Arbeiten im Freien, oder bei kurzen Maschinenlaufzeiten.
Zur Staubentwicklung kann es auch bei Arbeiten mit Zement kommen, der – bedingt durch den Herstellungsprozess – krebserzeugende Chrom(VI)-Verbindungen enthält. Seit 2005 ist deshalb nur mehr „chromatarmer“ Zement zugelassen, der ein Mittel zur Reduktion von Chrom(VI) beinhaltet. „Auf Kleinbaustellen oder beim ‚Häuslbauen‘ mischt man den Zement für die Herstellung von Beton oder Fliesen- bzw. Fassadenkleber händisch an, wobei es zu erhöhter Staubentwicklung kommt. Dieser Staub kann bei entsprechender Dosierung zu Krebsgefahr führen. Für größere Mengen kommen meist Zement-Fertigmischungen zum Einsatz“, erklärt Kerschbaum. Die Wirkung des Zusatzes zur Chromatreduktion lässt mit der Zeit nach. Deshalb sollte Zement nach Erreichen des Ablaufdatums nicht mehr verwendet werden.
Für alle Tätigkeiten, bei denen krebserzeugende Stäube entstehen, gilt es, die Menge des Staubs zu reduzieren. Staubarme Nass- oder Feuchtbearbeitungsverfahren sind zu bevorzugen, Schutzmaßnahmen nach dem „STOP“-Prinzip zu setzen. Um den Staub an der Entstehungsstelle zu erfassen, sollte man direkt abgesaugte Geräte verwenden. Reicht deren Absaugleistung nicht aus, ist zusätzlich eine Absaugung erforderlich. Es müssen die Hygienemaßnahmen eingehalten und eine für den jeweiligen Arbeitsstoff geeignete Schutzkleidung sowie eine Atemschutzmaske getragen werden.

PAK

Polyzyklische Aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) sind eine Stoffgruppe, zu der auch krebserzeugende Verbindungen zählen. PAK entstehen durch unvollständige Verbrennung von organischem Material und finden sich unter anderem in Erdöl und Kohle sowie in daraus hergestellten Produkten. Im Baugewerbe ist man vor allem bei Abbruch- und Sanierungsarbeiten mit PAK-haltigen Altlasten konfrontiert, etwa in alten Kaminen, in Parkettbodenkleber, alten Dachbahnen und mit Steinkohlenteer imprägnierten Hölzern.
Erkennen lassen sich PAK-haltige Produkte an der schwarzen Farbe und am typischen Teergeruch. Werden diese in Innenräumen ausgebaut, können einatembare Stäube entstehen, dann muss man auf ausreichende Lüftung und geeignete persönliche Schutzausrüstung achten. Ein Beispiel für die Entstehung von PAK durch eine unvollständige Verbrennung ist das Heißdrahtschneiden von Styropor-Dämmplatten. Allerdings werden dabei nur geringste Mengen von PAK frei, vom Schneiden in geschlossenen Innenräumen ist jedoch aufgrund möglicher weiterer gesundheitsgefährdender Zersetzungsprodukte (z. B. Styrol) abzuraten.

Isocyanate

Die Temperatur spielt bei der Gefährdung durch in Montageschäumen enthaltene Isocyanate ebenfalls eine Rolle. Schäume, die z. B. für Mauerungsarbeiten mit Planziegeln, bei Dämmungs- und Installationsarbeiten sowie beim Versetzen von Türen und Fenstern verwendet werden, können als Inhaltsstoff das krebsverdächtige Methylendiphenylisocyanat (MDI) aufweisen.

In der Regel ist man der Belastung durch das Einatmen von MDI beim Arbeiten mit Montageschäumen nur kurzzeitig ausgesetzt, wobei der MAK-Wert deutlich unterschritten wird. Nur in bestimmten Arbeitssituationen, etwa bei Arbeiten an sehr heißen Sommertagen, kann es zu Grenzwertüberschreitungen kommen, wie Kerschbaum betont: „Eine Gefahr des Einatmens besteht erst bei Verarbeitungstemperaturen von 50 bis 60 Grad Celsius.“ Abgesehen von ihrer krebsverdächtigen Wirkung, reizen Isocyanate auch Augen, Haut und Atemwege. Bei Hautkontakt können sie zu einer Sensibilisierung der Haut (Allergie) und der Atemwege (sog. „Isocyanat-Asthma“) führen. Entsprechende Schutzausrüstung sollte daher jedenfalls getragen werden.

Benzin und Diesel

Tankstellenbenzin enthält krebserzeugendes Benzol. Anders als Viertaktmotoren (z. B. in Kfz), verbrennen Zweitaktmotoren das Benzol nicht komplett. Die Abgase von Zweitaktmaschinen enthalten daher teilweise noch Benzol. Besonders problematisch ist dies bei Arbeitsmitteln mit Zweitaktmotor, die handgeführt sind, denn bei diesen Geräten ist der Auspuff oft so positioniert, dass man die Abgase direkt einatmet. Das trifft z. B. auf Motorsägen, Rüttelplatten, Betonschneider oder Betonglättmaschinen zu. Für handgeführte Zweitaktmaschinen darf daher seit 2015 nur mehr benzolfreier Kraftstoff (Alkylatbenzin) verwendet werden. Als Alternativen stehen auch elektrische bzw. mit Akku ausgestattete Arbeitsmittel zur Verfügung.
Ein weiterer Kraftstoff, vor dem man sich aufgrund seiner krebserzeugenden Wirkung schützen muss, ist Diesel. Bei längerem oder wiederholtem Hautkontakt sind Hautkrankheiten bis zum Hautkrebs mögliche Folgen. Diese treten auf, wenn man den Kraftstoff – entgegen seiner eigentlichen Bestimmung – als Trenn- oder Reinigungsmittel verwendet und sich nicht mit Handschuhen schützt. „Auf Baustellen werden Asphaltspritzer von Asphaltiergeräten mit Diesel weggeputzt“, nennt Stühlinger ein Beispiel für eine nicht bestimmungsgemäße Verwendung. Um Hautkontakt durch Verschütten zu verhindern, sollte beim Betanken immer ein Einfüllstutzen oder Trichter als Einfüllhilfe verwendet werden.

Die Abgase von dieselbetriebenen Fahrzeugen und Maschinen sind aufgrund ultrafeiner Rußkernpartikel ebenfalls krebserzeugend. Problematisch ist das vor allem bei Tätigkeiten in umschlossenen Räumen, Tunnels, engen Gruben oder Schächten mit unzureichender Durchlüftung. Abhilfe schaffen geeignete Dieselpartikelfilter und Absaugvorrichtungen. Auch hier ist laut Stühlinger eine Substitution möglich: „Wir empfehlen einen Umstieg auf elektrisch betriebene Geräte. Es gibt sogar schon elektrisch angetriebene Lkw.“ (rp)

✓ Informationen und Material

Mehr Informationen und Material zum AUVA-Präventionsschwerpunkt „Gib Acht, Krebsgefahr!“ unter: www.auva.at/krebsgefahr
Über den Menüpunkt „Publikationen“ können u. a. folgende Materialien
kostenlos bestellt werden:

  • M.plus 340.6 Krebserzeugende Arbeitsstoffe auf Baustellen
  • M.plus 267 Richtiger Umgang mit Asbest und M.plus 267.1 Information und Unterweisung bei Asbestexposition
  • Postersets zu Arbeitsplatzhygiene und Asbest
  • Aufkleber „Ich tanke benzolfrei“