Sicher unterwegs auf Dienstreisen

Das ArbeitnehmerInnenschutzgesetz nimmt österreichische Unternehmen in die Pflicht, potenzielle Gefährdungen für ihre

Mitarbeiter zu beurteilen und Vorkehrungen dagegen zu treffen. Das gilt auch dann, wenn Mitarbeiter auf Reisen sind.

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Leitfaden WKO

Reisesicherheit auf einen Blick: Die „Travel Risk Map“ (www.travelriskmap.com) zeigt sicherheitsrelevante und medizinische Reiserisiken weltweit auf.

Die Exportwirtschaft ist das Rückgrat der österreichischen Volkswirtschaft: Österreich ist bei den Pro-Kopf-Exporten die Nummer fünf in der EU. Jeder zweite Arbeitsplatz im Land hängt am Export. Die Ausfuhren verzeichneten im Jahr 2018 einen Zuwachs von 5,7 Prozent auf 150 Mrd. Euro. Für die österreichischen Unternehmen bringt dieser Trend immer mehr berufliche Auslandsreisen oder dauerhafte Entsendungen von Mitarbeitern mit sich. Diese Reisen führen längst nicht mehr nur in gut erschlossene Regionen der Welt, bei denen die Mitarbeiter auf adäquate medizinische Infrastruktur oder eine stabile Sicherheitslage treffen. Rasch kann eine vermeintlich „sichere“ Reise aufgrund von Unfällen, Naturkatastrophen oder Anschlägen zu einer durchaus herausfordernden Situation werden.

Risiken für Gesundheit und Sicherheit

Mitarbeiter werden ins Ausland entsandt, um in internationalen Unternehmen für die Dauer eines zeitlich bestimmten Rahmens die Unternehmenskultur und -struktur der Niederlassung vor Ort mitzugestalten oder aufgrund fachlicher Notwendigkeiten. Ist vor Ort kein Mitarbeiter mit einer entsprechenden Qualifikation zu finden oder die Aufgabenstellung so unternehmenskritisch, wird ein Mitarbeiter aus dem Stammhaus – manchmal auch gleich samt Familie – entsendet. Eine sorgfältige Auswahl und Vorbereitung der Mitarbeiter wird in den Unternehmen sehr ernst genommen, sind doch hohe Kosten und Risiken damit verbunden. So gibt es Unterstützung etwa beim Umzug, beim Schulwechsel der Kinder, bei der Wohnungssuche vor Ort, bei dem Erlernen der Sprache oder im Zuge interkultureller Managementtrainings.

Für mobile Arbeitskräfte, begleitende Angehörige und Subunternehmer entstehen durch Dienstreisen oder Entsendungen ins Ausland aber auch spezielle Risiken für Gesundheit und Sicherheit, die oft nicht im Fokus der Aufmerksamkeit stehen. Sind Impfungen oder Vorsorgeuntersuchungen erledigt, schiebt man mögliche weitere Erkrankungen gerne ins „Off“. Und das, obwohl Wegunfälle oder ein plötzlicher Herzinfarkt hier die Liste der möglichen Risiken ganz klar anführen. Das kann auch schon auf einer eintägigen Reise innerhalb Europas eine echte Herausforderung werden und erst recht in einem Land, wo Bedrohungen durch Kriminalität, Terrorismus oder soziale Unruhen an der Tagesordnung sind. Geringere Arbeitssicherheitsstandards auf ausländischen Baustellen können zusätzliche Risiken darstellen. Fakt ist: Alle diese Risiken treffen Mitarbeiter nicht nur am österreichischen Sitz des Betriebs, sondern auch bei Auslandseinsätzen. Auf Arbeitgeberseite ergeben sich in jedem Fall besondere Fürsorgepflichten: Nach § 3 und § 4 ArbeitnehmerInnenschutzgesetz (ASchG) müssen Gefahren vom Arbeitgeber im Vorfeld evaluiert und entsprechende Vorkehrungen geschaffen werden.

Neuer Leitfaden zur Evaluierung

Die International SOS Stiftung hat daher gemeinsam mit der FH Campus Wien, den Gerlach Rechtsanwälten, der Gewerkschaft der Privatangestellten, Druck, Journalismus, Papier (GPA- djp) sowie der Wirtschaftskammer Österreich nun erstmals einen Leitfaden für Unternehmen zur Evaluierung von beruflichen Auslandsreisen und Entsendungen herausgegeben. „Das Ergebnis einer Gefahrenbeurteilung und Risikoanalyse dient nicht nur der Abwicklung im Ernstfall, sondern trägt zur allgemeinen Verbesserung von reisespezifischen Prozessen bei“, sagt Mag. Peter Trost, Group Physical Security Manager von der Raiffeisenbank International AG, die eines der Praxisbeispiele für den Leitfaden beisteuerte. Zum Schutz der beruflich verreisten Mitarbeiter, aber auch zum Schutz des Unternehmens vor rechtlichen Implikationen ist Trost damit beauftragt, ein gruppenweites „Travel Security System“ zu implementieren. Derzeit werden die Maßnahmen noch ad-hoc zusammengestellt: „Unsere Mitarbeiter können sich bei Reisen zu Destinationen mit erhöhtem Risiko jederzeit an uns wenden. Sobald die geplanten Reisedaten und -aktivitäten bekannt sind, wird eine individuelle Gefahrenbeurteilung und Risikoanalyse durchgeführt.“

Die Tücke liegt im Detail

Wer eine Dienstreise beauftragt oder plant, die Details dann tatsächlich bucht oder dann im Ernstfall auch der Ansprechpartner ist oder über Zeitplan, Hoteladresse und Kontakttelefonnummern Bescheid weiß, ist gerade in größeren Betrieben nicht immer ein und dieselbe Person. Am Anfang steht daher eine umfangreiche Checkliste zur Vorbereitung. Hier geht es um grundsätzliche Fragen, wie ob eine Gefährdungsbeurteilung erforderlich ist (Travel Risk Policy), wie die Verantwortlichkeiten verteilt sind und ob beispielsweise externe Berater für Arbeitsmedizin oder Reisesicherheit beigezogen werden müssen. „Zur Vorgangsweise haben sich in der Praxis sieben Schritte durchgesetzt: Arbeitsbereiche und Tätigkeiten festlegen, Gefährdungen ermitteln, Gefährdungen beurteilen, Maßnahmen festlegen, Maßnahmen umsetzen, Wirksamkeit überprüfen, Gefährdungsbeurteilung fortschreiben“, fasst Frédéric Balme, Geschäftsführer International SOS Deutschland und Österreich, zusammen. Die Gefährdungsbeurteilung ist dabei keine isolierte Aufgabe, sondern läuft zwischen Abteilungen wie Unternehmenssicherheit, Travel Management, HSE (Health Safety Enviroment/Arbeitssicherheit), Personal und Betriebsmedizin ab. „Es muss klar festgelegt werden, wer jeweils zuständig ist, wer die Leitung innehat und woher das Budget kommt. Die Ermittlung und Beurteilung möglicher Gefährdungen ist eine Aufgabe mit vielen Dimensionen. Dazu gehören natürlich die Sicherheitslage im Zielland, aber auch die genauen Reisepläne sowie das individuelle Profil des Unternehmens und der Reisenden“, ergänzt Olaf Piéla, International SOS Direktor Business Development Austria.

Für die Analyse und Bewertung der Gefährdungen können die durch die Versicherungsanstalten herausgegebenen Leitfäden genutzt werden. Informationen sind zum Beispiel in Publikationen der Allgemeinen Unfallversicherungsanstalt (www.auva.at), der Versicherungsanstalt öffentlich Bediensteter (www.bva.at) oder auf der Internetseite „Arbeitsinspektion“ des Bundesministeriums für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Konsumentenschutz (www.arbeitsinspektion.gv.at) zu finden.

Einfache Tipps, um vorzusorgen

Für die Evaluierung sind regelmäßig aktuelle Länderinformationen aus sicherer und qualifizierter Quelle ein gutes Hilfsmittel. So können sich Mitarbeiter, Angehörige und die Verantwortlichen im Unternehmen gut auf einen bevorstehenden Auslandsaufenthalt vorbereiten und bleiben zu aktuellen Entwicklungen auf dem Laufenden. Hinweise zur Reise­sicherheit mit Blick auf das jeweilige Reiseland gibt zum Beispiel auch die „Travel Risk Map“ (www.travelriskmap.com) von International SOS. Sie zeigt die sicherheitsrelevanten und medizinischen Reiserisiken weltweit.

Mit individuellen Tracking-Lösungen können reisende Mitarbeiter von der „Homebase“ aus zielgerichtet über aktuelle Entwicklungen an ihrem Aufenthaltsort informiert werden. So lassen sich Erkenntnisse über in Kürze stattfindende Ereignisse mit Reisenden teilen, Reiserouten oder -pläne können – zum Beispiel bei drohenden Unwettern – rasch angepasst werden. Auch während eines andauernden Ereignisses lassen sich auf diese Weise Informationen an Betroffene übermitteln. So können Anweisungen zu einem konkreten Verhalten gegeben, Hilfe zugestellt oder der Status der Betroffenen regelmäßig überprüft werden.

Dieser Leitfaden klärt auf …

  • welche rechtlichen Grundlagen der Evaluierung zugrunde liegen,
  • welche Phasen die Durchführung einer Evaluierung umfasst,
  • wer im Unternehmen verantwortlich für die Evaluierung und wer darüber hinaus beteiligt ist,
  • welche Gefährdungen in den Bereichen Arbeitsschutz (Safety), Gesundheitsschutz und Arbeitsmedizin sowie Reisesicherheit (Travel Security) im Ausland ermittelt werden sollten,
  • welche präventiven und akuten Maßnahmen durchgeführt werden können, um die Gesundheit und Sicherheit der mobilen Mitarbeiter zu gewährleisten und die Fürsorgepflicht zu erfüllen.

Download unter http://learn.internationalsos.com/evaluierungaustria

Die Fürsorgepflicht des Arbeitgebers

Gesetzlich verankert wird die Fürsorgepflicht des Arbeitgebers in § 1157 des Allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuches (ABGB). Der Arbeitgeber hat demnach die Dienstleistungen so zu regeln und bezüglich der von ihm beizustellenden oder beigestellten Räume und Gerätschaften auf seine Kosten dafür zu sorgen, dass Leben und Gesundheit des Dienstnehmers, soweit es nach der Natur der Dienstleistung möglich ist, geschützt werden.

Business und Freizeit verbinden

Ein Unternehmen sollte festlegen, wie es mit sogenannten „Bleisure Trips“ umgeht. Diese Verschmelzung von beruflichen und privaten Reisen stellt veränderte Anforderungen an die Fürsorgepflicht des Arbeitgebers. Denn mittlerweile kombinieren jedes Jahr 20 Prozent der Business Traveller ihre Geschäftsreise mit einer Freizeitreise.