Stress objektiv messen

Kopfschmerzen nach einem Tag im Büro? Erschöpft vom Lärm in der Werkstatt? Stress am Arbeitsplatz kann sich in unterschiedlichsten Symptomen zeigen und konnte bisher nur subjektiv beschrieben werden. Ein neues Sensor-Stirnband macht objektive Messungen möglich.

Ein Stirnband misst die körperlichen Anzeichen von Stress und kann im betrieblichen Gesundheitsmanagement zum Einsatz kommen. © Credit Fraunhofer IDG

Etwa 40 Millionen Beschäftigte in der EU sind nach Einschätzung der Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz (OSHA) von Stress am Arbeitsplatz betroffen. „Mehr als jeder fünfte Arbeitnehmer sieht seine Gesundheit durch arbeitsbedingten Stress gefährdet“, weiß
Dr.-Ing. Gerald Bieber vom Fraunhofer-Institut für Graphische Datenverarbeitung IGD in Rostock: „Stressfolgen sind Bluthochdruck oder Herzkrankheiten, aber auch psychische Erkrankungen wie Depressionen. Dann fallen die Mitarbeiter über Wochen komplett aus.“ Die Auswirkungen für Unternehmen sind enorm. Nun wurde von den Forschern ein System entwickelt, um Stressquellen rechtzeitig zu erkennen und Arbeitsbedingungen zu verbessern: Ein mit Sensoren ausgestattetes Stirnband schafft eine objektive Grundlage für neuartige Messungen.

Bisher wurden Arbeitsplätze über Fragebögen und Gespräche auf psychische Belastungen hin analysiert. „Das sind subjektive Einschätzungen des Einzelnen, die lücken- oder gar fehlerhaft sein können“, sagt Bieber. Gefragt sind objektive Messwerte, deshalb entwickelten die Projektpartner ein Stirnband, das verschiedene Körperreaktionen erfasst, unter anderem Augenblinzeln, Puls- und Atemfrequenz, Sauerstoffsättigung, Hautleitwert und sogar Hirnströme. Daneben werden auch Umgebungsparameter registriert, etwa Geräuschpegel und Lichteinflüsse. Stressoren wie Lärm, Temperatur oder Licht wirken bei jedem unterschiedlich. „Es gibt zum Beispiel immer mehr LED-Beleuchtungen, deren Lichtstärke in sehr schnellem Rhythmus stark variiert. Wir nehmen das nicht bewusst wahr, aber unser Gehirn registriert den Reiz eben doch. Wenn man sich dieses Licht in Zeitlupe anschaut, sieht man, dass es häufig bis zur Hälfte seiner Intensität abfällt oder sogar komplett ausgeht und dann wieder ansteigt. Das strengt an. Auch bei Neonröhren gibt es diesen Effekt“, beschreibt Bieber einen Aspekt.

Um eine Möglichkeit zur Abhilfe zu schaffen, wurde das Projekt SEBA – Sensorbasiertes Erfassungssystem für psychische Belastungen und Beanspruchung am Arbeitsplatz – gestartet. Flexibel einsetzbar sollte das Messsystem sein, sichere Werte liefern können trotz körperlicher Tätigkeit. Entstanden ist ein Stirnband voller Sensoren und Schaltkreise. Die Arbeitenden sollen es etwa vier Stunden tragen, um belastbare Messwerte zu bekommen. Als Grundlage wird der individuelle Ist-Zustand aufgenommen. Der gesamte Vorgang wird über ein Smartphone gesteuert und visualisiert. Dort können auch subjektive Eindrücke eingegeben und in die Auswertung einbezogen werden.

Ende dieses Jahres beginnen die ersten Feldtests in Betrieben. Das Messgerät soll auch später nicht an die Unternehmen selbst gehen, sondern an externe Berater für betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM), die schon jetzt die herkömmlichen Arbeitsplatz-Analysen durchführen. „Die Daten aus unseren Messungen werden selbstverständlich nicht an den Arbeitgeber weitergegeben“, versichert Bieber. Nur wenn der Mitarbeiter zustimmt, werden auch seine persönlichen Messergebnisse einbezogen.