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04.03.2019 16:16 Alter: 16 Tage
Kategorie: März 2019

Achtung, Formaldehyd!

Krebsgefahr besteht in der Kunststofferzeugung und -verarbeitung aufgrund von eingesetzten Chemikalien und durch Stoffe, die im Produktions­prozess entstehen. Beim Spritzguss von Poly­­oxymethylen ist besondere Vorsicht geboten. Das Beispiel Magna Auteca im steirischen Weiz zeigt, dass sich immer Möglichkeiten finden, die Gefahren zu reduzieren.


© MiguelMalo/iStock

Weitere Informationen zu krebserzeugenden Arbeits­stoffen unter: www.auva.at/krebsgefahr

Bei der Herstellung von Kunststoffen werden zum Teil krebserzeugende Ar­­­beitsstoffe verwendet, aber auch während der Kunststoffverarbeitung können krebserzeugende Stoffe entstehen. Dazu zählt For­maldehyd, ein Zersetzungsprodukt von Poly­oxymethylen (POM).
Da im Bereich Kunststoff viele unterschiedliche Grund- und Hilfsstoffe sowie verschiedene Verfahren zum Einsatz kommen, ist es besonders wichtig zu wissen, bei welchen Tätigkeiten die Arbeitnehmer einem erhöhten Krebsrisiko ausgesetzt sind.

Vergleichsweise einfach zu erkennen ist das bei der Handhabung von zugekauften Chemikalien. Sind diese krebserzeugend, müssen sie mit dem Signalwort „Gefahr“ und dem Gefahrenpiktogramm „Gesundheitsgefahr“ ge­­­kennzeichnet sein. Der Gefahrenhinweis oder H-Satz informiert über Schwere und Art der Gefahr: „H350 Kann Krebs erzeugen“, „H350i Kann bei Einatmen Krebs erzeugen“ und „H351 Kann vermutlich Krebs erzeugen“. Bei Gemischen mit eindeutig krebserzeugenden Stoffen besteht ab 0,1 Prozent, bei Gemischen mit krebsverdächtigen Stoffen ab 1,0 Prozent eine Kennzeichnungspflicht.

Ob und in welcher Menge sich während der Produktion krebserzeugende Stoffe bilden, lässt sich nur beurteilen, wenn man genaue Kenntnisse über das Arbeitsverfahren hat. Einflussfaktoren sind zum Beispiel die verwendeten Grund- und Hilfsstoffe, Temperatur und Druck. Werden einzelne Parameter geändert, wirkt sich das auf die Palette der entstehenden Substanzen aus. Der Arbeitgeber ist verantwortlich zu ermitteln, wer welchen Gesundheitsgefahren ausgesetzt ist und welche Schutzmaßnahmen nötig sind.

Geruch als Alarmsignal für Formaldehyd

Grundsätzlich lassen sich gefährliche oder krebserzeugende Ar­­­beitsstoffe nicht eindeutig über ihren Geruch aufspüren. Nur weil etwas unangenehm riecht, muss es nicht gefährlich sein. Manche krebserzeugenden Stoffe sind sogar völlig geruchlos. Doch im Falle von Formaldehyd kann eine starke Geruchsbelastung sehr wohl ein Alarmsignal sein. Im Zweifelsfall ist es sinnvoll, dem Vorgesetzten über eine Geruchsbelastung Bescheid zu geben, damit man den Ursachen auf den Grund gehen und anhand von Messungen feststellen kann, ob Grenzwerte überschritten werden und man entsprechende Maßnahmen setzen muss.
Über einen unangenehmen Geruch klagten 2016 auch die Mitarbeiter im Werk Weiz der Magna Auteca GmbH. Dort produzieren rund 550 Beschäftigte im Spritzgussverfahren Aktuatoren, die zum Verstellen von Autospiegeln dienen. Sie werden aus
POM-Rohgranulat hergestellt, das in der Plastifiziereinheit der Anlage auf 190 bis 230 Grad erwärmt und in flüssiger Form unter hohem Druck in das Werkzeug eingespritzt wird. Die ausgeworfenen Fertigteile, die eine Temperatur von 90 bis 100 Grad haben, gelangen über ein Förderband zu den Sammelboxen. Bis zur vollständigen Abkühlung gasen die Teile aus. „Im Jahr 2015 haben wir eine neue Anlage, ein sogenanntes 16-fach-Werkzeug, installiert. Während des Probebetriebs ist eine verstärkte Geruchsbelastung aufgetreten“, erinnert sich Robert Schneider, bei Magna Auteca für Umwelt, Sicherheit, Brandschutz und Facility Management in den Werken Weiz und Klagenfurt zuständig. Welcher Stoff frei wurde, konnte durch einen Blick in das Sicherheitsdatenblatt geklärt werden: In Abschnitt 10 war als mögliches Zersetzungsprodukt Formaldehyd angeführt.

Giftig, ätzend, krebserzeugend

Bei Formaldehyd handelt es sich um einen schon bei Zimmertemperatur gasförmigen, stechend riechenden Stoff, der Krebs im Nasen-Rachen-Raum verursachen kann. Formaldehyd ist auch giftig und ätzend; darüber hinaus steht es im Verdacht, das Erbgut zu schädigen. Mit einer Novelle der CLP-Verordnung (Classification, Labelling and Packaging) wurde die Einstufung von Formaldehyd im Jahr 2016 von „Kann vermutlich Krebs erzeugen“ auf „Ist eindeutig krebserzeugend“ geändert. Eine Novellierung der Grenzwerte-Verordnung brachte 2017 eine Herabsetzung des Grenzwerts für Formaldehyd von 0,5 auf 0,3 ppm.
Ob dieser Wert auch beim Betrieb der neuen Anlage eingehalten werden konnte, stellte Magna Auteca anhand von Messungen fest, die Experten der AUVA durchführten. „Mit 0,2 bis 0,7 ppm sind die gemessenen Werte zum Teil über dem Grenzwert gelegen. Vor allem bei den Sammelbehältern für die fertigen Teile hat es Überschreitungen gegeben. Auch die Gesamtbelastung der Spritzgusshalle mit Formaldehyd ist durch das Ausgasen der Teile angestiegen“, fasst Schneider die Ergebnisse zusammen.

Der nächste Schritt bestand darin, die Schadstoffquelle zu identifizieren. Diese war schnell gefunden, so DI Dr. Gernot Riesenhuber, Fachkundiges Organ Chemie, vom Unfallverhütungsdienst der AUVA-Landesstelle Graz: „Bei der neuen Anlage ist der Durchsatz höher. Die vielen frischen heißen Spritzgussteile haben in Summe eine große Oberfläche, von der Formaldehyd abdampft.“ Eine Substitution von POM durch einen anderen Kunststoff war nicht möglich, da Magna Auteca als Zulieferbetrieb auch bezüglich der Arbeitsstoffe Vorgaben hat. Die AUVA schlug daher vor, die Quelle mit einer Absaugung einzuhausen.

Absaugung der Sammelbehälter

Direkt über den Sammelbehältern mit den Fertigteilen wurde eine Absaughaube installiert. Diese saugt die belastete Luft ins Freie ab, wobei die Formaldehydkonzentration bereits in der Lüftungsanlage so stark sinkt, dass die ins Freie gelangende Luft nicht mehr umweltrelevant belastet ist. Sollte die Absaugung ausfallen, stoppt automatisch auch die Produktion. „Wir haben das Formaldehyd nicht gänzlich beseitigen können, aber zum Großteil durch die Absaugung erfasst. Neuerliche Messungen haben Werte zwischen 0,1 und 0,12 ppm ergeben“, erläutert Schneider. Damit rechtzeitig Maßnahmen gesetzt werden können, falls es wieder zu Grenzwertüberschreitungen kommen sollte, wiederholt man die Messungen in jährlichen Abständen.
Die Messprotokolle legte man auch dem Arbeitsinspektorat vor, mit dem laut Schneider ein gutes Einvernehmen herrscht: „Der Arbeitsinspektor hat uns dabei unterstützt, ein Verzeichnis der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer anzulegen, die der Belastung mit Formaldehyd ausgesetzt sind.“ Da die Produktion der Aktuatoren automatisiert erfolgt, halten sich die Beschäftigten nur kurzfristig in jenen Bereichen auf, in denen eine höhere Konzentration von Formaldehyd in der Luft vorliegt.
„Beim Spritzguss von Poly­oxymethylen gibt es Tätigkeiten, bei denen die Mitarbeiter einer höheren Exposition gegenüber Formaldehyd ausgesetzt sind, auch wenn sie nicht ständig an den Maschinen stehen. Dazu zählen Störungsbehebung, Reinigung im Inneren einer Maschine und Umrüstung von Werkzeug oder Material“, erklärt Riesenhuber. Für diese Arbeiten empfiehlt die AUVA das Tragen einer Atemschutzmaske mit Filter gegen Formaldehyd.

Brandgefährlicher Spritzkuchen

Wird das Material oder das Werkzeug gewechselt, muss die Düse freigespritzt werden. Dabei bildet sich ein sogenannter Spritzkuchen, der sich aufgrund der hohen Temperatur thermisch zersetzt, wobei Formaldehyd frei werden kann. Der Spritzkuchen sollte in einem Behälter vollständig in Wasser eingetaucht werden und dort auskühlen. Das praktiziert man bei Magna Auteca schon lange und hat laut Schneider einen zusätzlichen Vorteil: „Das Formaldehyd wird im Wasser gebunden und gleichzeitig die Brandgefahr durch den heißen Spritzkuchen minimiert.“
Eine weitere Schutzmaßnahme, die Magna Auteca bereits vor der Inbetriebnahme der neuen Anlage getroffen hat, ist das Abdecken der Förderbänder und der Boxen, in denen die heißen Formteile gesammelt werden. Die Einlagerung der Teile erfolgt erst, wenn sie nicht mehr ausdunsten. Eine andere Möglichkeit besteht darin, die Sammelbehälter in einem Bereich aufzustellen, in dem sich möglichst wenige Personen aufhalten und eine effektive Lüftung gegeben ist.
In der Praxis werden lokale Absaugung und Hallenbelüftung meist kombiniert. Wenn sich eine vollständige Erfassung der mit Formaldehyd belasteten Luft an der Entstehungsquelle durch Absaugen der Spritzgussmaschinen, der Auswurfstellen und der Sammelboxen nicht sicherstellen lässt, ist zusätzlich eine raumlufttechnische Anlage erforderlich. Diese sollte bei Luftströmungen in Richtung Hallendecke nach dem Prinzip der Schichtenlüftung arbeiten. (rp)

Diisocyanate in der Kunststoffbranche

In der Kunststofferzeugung wird eine weitere Gruppe von Stoffen verwendet, die gesundheitsgefährlich ist. Es handelt sich dabei um Diisocyanate, Diphenylmethandiisocyanate (MDI) und Toluoldiisocyanate (TDI), die als krebsverdächtig eingestuft sind. Diisocyanate kommen zum Beispiel bei der Produktion von Lacken und Klebstoffen sowie von PU-Schäumen – etwa im Baubereich als Schäume für die Montage und zu Dichtungszwecken oder für Matratzen, Autositze und Schuhsohlen – zum Einsatz. Aus isocyanathältigen Gussmassen stellt man Formteile, Halbzeuge und Beschichtungen her.
Im Vordergrund steht hier allerdings nicht die Krebsgefahr, sondern die allergieauslösende Wirkung. Isocyanate können etwa allergische Hautekzeme verursachen und über Einatmen oder über Hautkontakt Asthma anbahnen. Der Krebsverdacht gründet sich auf Erfahrungen mit chronischer Entzündung der Atemwege durch langjähriges Einatmen von Isocyanat-Konzentrationen weit über dem MAK-Wert (MAK = Maximale Arbeitsplatzkonzentration). Die Einhaltung des MAK-Werts schützt somit (auch) vor der krebsverdächtigen Wirkung. Zur Beurteilung der Belastung durch Diisocyanate sollte unbedingt das Sicherheitsdatenblatt herangezogen werden.