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04.12.2017 10:31 Alter: 141 Tage
Kategorie: Dezember 2017

Alternsgerechtes Arbeiten: Ältere Mitarbeiter mit „Mehrwert“

Bei dem Vorarlberger Beleuchtungskonzern Zumtobel ist alternsgerechtes Arbeiten ein Top-Thema.


Alle Altersgruppen profitieren von einer Zusammenarbeit, da jede Generation unterschiedliche Stärken aufweist und einer vom anderen lernen kann. Fotos: © Zumtobel

„Wir wissen, dass die Loyalität und das Commitment zum Unternehmen bei Mitarbeitern über 50 Jahren ausgeprägter sind. Das Markenbewusstsein und der Beitrag zum Image des Unternehmens von älteren Arbeitnehmern sind ein nicht zu unterschätzender Mehrwert“, lobt Mario Wintschnig, MSc, Head of Health & Age bei der Zumtobel Group AG, die Vorzüge der älteren Generation. Probleme, die mit dem Alter zunehmen, etwa eine geringere Arbeitsbewältigungsfähigkeit oder längere Krankenstände, ließen sich mit Maßnahmen zu alternsgerechtem Arbeiten in den Griff bekommen, ist der Betriebsökonom überzeugt.
Um erfahrene Mitarbeiter möglichst lange und bei guter Gesundheit im Unternehmen zu halten, hat Zumtobel alternsgerechtes Arbeiten zum Top-Thema der nächsten fünf Jahre erklärt. Im Rahmen von „Nestor Gold bewegt“, einer Zwischenstufe zu dem für eine generationen- und alternsgerechte Organisationsstruktur verliehenen Gütesiegel „Nestor Gold“, wurde bereits eine Reihe von Maßnahmen gesetzt. Diese kommen nicht nur den über 50-Jährigen zugute, erklärt Wintschnig: „Was bei den älteren Mitarbeitern der Gesunderhaltung dient, ist als Prävention für die jüngeren Generationen zu sehen.“

Voneinander lernen

Alle Altersgruppen profitieren auch von einer Zusammenarbeit, da jede Generation unterschiedliche Stärken aufweist und einer vom anderen lernen kann. Während Ältere ihre langjährige Berufserfahrung und, zum Beispiel im Vertrieb, auch ihre Kontakte einbringen, punkten die Jungen durch höhere Flexibilität. Sie halten bei der raschen technologischen Entwicklung, den immer kürzer werdenden Produktentwicklungszyklen und der stetigen Sortimentserweiterung durch neue Mitbewerber am Markt leichter mit als ihre älteren Kollegen.
Kurt Plaickner, Training Manager bei Zumtobel, kann auf 40 Jahre im Lichtgeschäft, in Produktentwicklung und Konstruktion ebenso wie im internationalen Vertrieb, zurückblicken. Seine Erfahrungen teilt er seit rund zwei Jahren mit Jüngeren. „Ich rate, eine Übergabe an die nächste Generation früh genug vorzubereiten, und auch dazu, die jüngeren Kollegen ehestmöglich in die Märkte mitzunehmen und auf die marktspezifischen Gegebenheiten vor Ort aufmerksam zu machen. Man sollte den jungen Mitarbeitern dabei helfen, ein Gespür für die Erwartungen der Kunden zu entwickeln, denn erfahrungsgemäß ist ein Wechsel auch für den Kunden eine Umstellung“, so Plaickner.
Dieser Umstieg funktioniert meist nicht so schnell, wie es ein motivierter junger Kollege manchmal gerne hätte, gibt der Training Manager zu bedenken. Geringere Geduld des Nachwuchses ist aber nicht der einzige Unterschied zwischen den Altersgruppen. Die Generation 50+ orientiert sich eher am Unternehmenswohl, die Jüngeren an Gleichgesinnten und an persönlichen Interessen. Um trotzdem eine möglichst reibungslose Zusammenarbeit zu gewährleisten, hat Zumtobel ein Tandem-Modell entwickelt, bei dem man einem erfahrenen einen jungen Mitarbeiter zur Seite stellt und das Team in Form von Moderation, zum Teil durch externe Berater, begleitet.

Wertschätzung für Ältere

Für Ältere spielt die Wertschätzung, die ihnen entgegengebracht wird, eine wesentliche Rolle. Diese erlebe er immer wieder im Austausch mit Kollegen und Besuchern, so Plaickner, wenn er seine Erfahrungen im Kunden-Dialog-Management weitergebe, sowohl bei Trainings und Kundenbesuchen als auch bei Führungen durch das Lichtforum von Zumtobel, wo Veranstaltungen und Ausstellungen zum Thema Licht, Architektur und Kunst stattfinden. „Das Wichtigste für mich ist, dass ich mich immer noch in meinem geliebten und gewohnten beruflichen Umfeld bewegen kann“, betont der Training Manager.
Plaickner genießt es, sich jetzt mehr seiner Familie widmen zu können, für die früher, als er beruflich viel auf Reisen war, oft wenig Zeit geblieben ist. Durch ein neues Arbeitszeitmodell könne er „im richtigen Tempo in den Ruhestand driften“. Die Altersteilzeit nehmen bei Zumtobel pro Jahr im Schnitt bis zu zehn Beschäftigte in Anspruch. Weitere Möglichkeiten, die speziell die älteren Mitarbeiter nutzen, sind die laut Kollektivvertrag statt einer Lohnerhöhung wählbare Freizeitoption und die bezahlte Freistellung in Form eines Sabbaticals. Strebt jemand eine Reduktion der Arbeitszeit an, wird in persönlichen Gesprächen eine individuell passende Lösung gefunden.
Eine Verringerung der Stundenanzahl gibt es auch im Rahmen der betrieblichen Wiedereingliederung nach Langzeitkrankenstand. Betroffen sind vor allem Ältere, da diese zwar seltener, dann dafür aber länger krank sind. Unter den Gründen für mehr als sechs Wochen dauernde Ausfälle führen Muskel-Skelett-Erkrankungen, psychische Erkrankungen und Krebs. Die Wiedereingliederung mit einer schrittweise gesteigerten Anzahl an Arbeitsstunden wurde an den Unternehmensstandorten in Dornbirn und Umgebung ein Jahr erprobt und als geeignet empfunden.
In Absprache mit den Arbeitsmedizinern, auf Wunsch des Betroffenen auch mit externen Ärzten und Psychologen, wird eine geringere, gesundheitsförderliche Stundenzahl festgelegt und innerhalb von zwölf Wochen an die gewohnte Arbeitszeit herangeführt. Herzraten-Variabilitäts-Messungen garantieren, dass sich der Rückkehrer dabei nicht überlastet. Etwa die Hälfte der Mitarbeiter, die dieses auf freiwilliger Basis wählbare Modell in Anspruch nehmen, kehren an ihren früheren Arbeitsplatz zurück, die Übrigen wechseln zu einer Tätigkeit, die ihren aktuellen Fähigkeiten und Bedürfnissen besser entspricht. Abgesehen von einem einzigen Fall konnten bisher alle Wiedereingegliederten im Unternehmen bleiben.

Prävention psychischer Belastungen

Damit es am besten erst gar nicht zu längeren Krankenständen kommt, setzt Zumtobel auf Prävention. In vielen Bereichen des Unternehmens werden Hotspots der psychischen Belastung am Arbeitsplatz evaluiert, zum Beispiel in der Produktion bei bestimmten Linien. Von jeder dieser Linien wählt man nach Kriterien wie Alter oder Geschlecht eine Arbeits-Bewertungs-Skala-Gruppe von Mitarbeitern repräsentativ aus, für die es vertiefende Workshops gibt. Bei diesen ist alternsgerechtes Arbeiten eines der wesentlichen Themen.
Zur Prävention körperlicher Beschwerden werden ergonomisch günstige, alternsgerechte Arbeitsplätze geschaffen. In der Produktion sind rund 60 Prozent der Tisch-Arbeitsplätze bereits elektrisch höhenverstellbar. Eine Höhenverstellung wird eingerichtet, wenn ein Mitarbeiter laut ärztlichem Gutachten gesundheitliche Beschwerden aufweist sowie bei allen neu gestalteten oder neu geschaffenen Arbeitsplätzen, auch in der Verwaltung. Hebehilfen kommen in der Produktion und im Versand dort zum Einsatz, wo Produkte auf Paletten gestapelt werden. Abwechslung sowie unterschiedliche Bewegungsabläufe und damit eine Vermeidung einseitiger Belastungen bringt ein Einzelplatzsystem, bei dem ein Mitarbeiter eine komplette Leuchte herstellt.
Eine Erleichterung speziell für die Generation 50+ betrifft die Beleuchtungsstärke. „Ältere Menschen brauchen doppelt so viel Licht wie jüngere, um bei identischen Bedingungen gleich gut sehen zu können“, erklärt Wintschnig. Aus diesem Grund wurden die Arbeitsplätze in der Produktion zusätzlich zur Hallenbeleuchtung mit einer individuell einstellbaren Arbeitsplatzbeleuchtung auf LED-Basis ausgestattet. Alle Mitarbeiter an einem fixen Arbeitsplatz in der Produktion können ihre individuelle Beleuchtungsstärke je nach Sehaufgabe und dem ihrem Alter entsprechenden Lichtbedarf wählen.

Sport und gesunde Jause

Während Maßnahmen zur Arbeitserleichterung von Personen mit Muskel- und Skeletterkrankungen, die meist in fortgeschrittenerem Alter auftreten, besonders positiv aufgenommen werden, sind die reiferen Semester für sportliche Aktivitäten oft nur schwer zu begeistern. Quer durch alle Altersgruppen interessieren sich die Männer eher für Sport, die Frauen hingegen für klassische Gesundheitsthemen. Gesundes Obst für Produktionsmitarbeiter kommt flächendeckend sehr gut an; auch die „gesunde Jause“ verdrängt so langsam die klassische Leberkässemmel und erfährt zunehmende Beliebtheit.
Wintschnig, der nicht nur Head of Health & Age, Betriebsrat, Sicherheitsvertrauensperson und Integrationsbeauftragter ist, sondern auch Beirat des Werkssportvereins, sorgt dafür, dass die Mitarbeiter möglichst viele günstige Sportangebote zur Auswahl haben, damit jeder etwas Passendes findet. Die Möglichkeit, mit nur zweimal sieben Euro im Jahr Mitglied beim Werkssportverein zu sein, wird von rund 400 der über 2.000 Beschäftigten genutzt. Zu den bestehenden Sektionen wie Fußball, Volleyball und Tischtennis wird bald Laufen dazukommen. Schon jetzt ist Zumtobel beim Business Run mit den meisten Läufern von allen Vorarlberger Unternehmen vertreten.
Seit Kurzem gibt es bei Zumtobel auch Iyengar-Yoga-Kurse, an denen Produktionsmitarbeiter in der Arbeitszeit und Angestellte in ihrer Freizeit teilnehmen können, wobei der Arbeitgeber die Hälfte der Kosten übernimmt. Mit einigen Fitness-Centern hat das Unternehmen Partnerschaften abgeschlossen, die den Mitarbeitern günstige Packages garantieren. Zumtobel hat den Beschäftigten auch über Leasing E-Bikes zur Verfügung gestellt, damit man sich auf dem Weg zur Arbeit oder in der Freizeit ebenfalls sportlich betätigen kann.
Über Sportangebote und andere Aktivitäten im Bereich der Gesundheit werden die Mitarbeiter in „Gesundheitsbriefen“ informiert, etwa zu Beginn des ersten firmeninternen Iyengar-Yoga-Kurses, anlässlich der flächendeckenden Ausstattung mit Defibrillatoren oder der Einführung höhenverstellbarer Arbeitsplätze. Umfassendere Informationen, zum Beispiel über die Ergebnisse der Evaluierung der Arbeitsfähigkeit und die daraufhin beschlossenen Maßnahmen, erhält die Belegschaft in speziellen Informationsveranstaltungen. Wer lieber elektronische Medien nutzt, kann sich im „Lightweb“, dem firmeninternen Intranet, über den Bereich „Health & Age“ informieren.