< vorhergehender Beitrag
03.12.2018 12:37 Alter: 8 Tage
Kategorie: Dezember 2018

Berufskrankheit Krebs

Versicherten, deren Krebserkrankung als Berufskrankheit anerkannt worden ist, stehen Maßnahmen der medizinischen, sozialen und beruf­lichen Rehabilitation zu.


Ist eine Krebserkrankung durch die berufliche Tätigkeit verursacht, muss der behandelnde Arzt das melden. © Gina Sanders/Fotolia

Durch krebserzeugende Arbeitsstoffe gefährdete Organe und Bereiche im Körper. © F. Hutter

Krebs – diese Diagnose kann jeden treffen. Pro Jahr erkranken in Österreich rund 40.000 Menschen an Krebs. Die Früherkennung und eine entsprechend rasche medizinische Behandlung kann die Heilungschancen bei vielen Krebsarten erhöhen. Im Rahmen des Präventionsschwerpunkts „Gib Acht, Krebsgefahr!“ hat sich die AUVA neben der Vorbeugung auch zum Ziel gesetzt, bereits erkrankte Arbeitnehmer über Unterstützungsmaßnahmen zu informieren: In welchen Fällen wird Krebs als Berufskrankheit anerkannt und welche Ansprüche haben Betroffene?

Meldung verpflichtend

Sollte der Verdacht bestehen, dass eine Krebserkrankung durch die berufliche Tätigkeit verursacht worden ist, muss der behandelnde Arzt die Erkrankung innerhalb von fünf Tagen an die AUVA bzw. an den zuständigen Unfallversicherungsträger melden. Wenn zum Beispiel im Rahmen einer arbeitsmedizinischen Untersuchung im Betrieb eine Krebserkrankung durch den Beruf vermutet wird, ist der Arbeitgeber verpflichtet, Meldung zu erstatten. Ebenfalls möglich ist eine Meldung durch die Betroffenen selbst oder durch eine Interessenvertretung.
Die Meldung ist die Voraussetzung, aber keine Garantie dafür, dass eine Krebserkrankung als Berufskrankheit anerkannt wird. Die Bedingungen für die Anerkennung als Berufskrankheit hat der Gesetzgeber in § 177 des Allgemeinen Sozialversicherungsgesetzes (ASVG) geregelt. In Anlage 1 sind die Erkrankungen aufgelistet, die zum Teil nur in bestimmten, zum Teil in allen Branchen als Berufskrankheiten gelten. Auch Erkrankungen, die nicht in Anlage 1 angeführt sind, können über die sogenannte Generalklausel als Berufskrankheit anerkannt werden.

Liste der Berufskrankheiten

„In der Liste sind 53 Berufskrankheiten aufgezählt“, erklärt der Arbeitsmediziner Dr. Gilbert Engin-Deniz von der AUVA-Landesstelle Wien. Durch die Generalklausel kann jede Krebserkrankung als Berufskrankheit anerkannt werden, wenn die folgenden drei Bedingungen erfüllt sind:

  1. Es gibt gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse zur krebserzeugenden Wirkung des Stoffes oder der Strahlung.
  2. Es wird festgestellt, dass die Krankheit ausschließlich oder überwiegend durch die Verwendung schädigender Stoffe oder Strahlen am Arbeitsplatz entstanden ist.
  3. Der zuständige Minister stimmt zu.

„Eine Rentenleistung wird jedoch erst ab einer 50%igen Minderung der Erwerbsfähigkeit gewährt“, ergänzt Engin-Deniz. Das durch Asbest verursachte Pleuramesotheliom, ein bösartiger Tumor des Brustfells, wird von den in Anlage 1 stehenden Krebserkrankungen mit Abstand am häufigsten als Berufskrankheit anerkannt. Es folgt Lungenkrebs, der durch den Kontakt mit Asbest entstanden ist. Auch Kehlkopfkrebs durch Asbest findet sich in der Berufskrankheiten-Liste. Damit ist der in Österreich seit 1990 verbotene Asbest für über 86 Prozent aller als Berufskrankheit anerkannten Krebsfälle verantwortlich.
Asbest wurde früher in unterschiedlichen Bereichen eingesetzt. Daher treten auch in Branchen, in denen man es nicht vermuten würde, durch Asbest verursachte Krebserkrankungen auf. „Maler sind mit asbesthältigen Farben, Bodenleger mit asbesthältigen Bodenbelägen und Feuerwehrmänner mit asbesthältiger Hitzeschutzkleidung in Kontakt gekommen“, nennt Prim. Dr. Barbara Machan, Ärztliche Leiterin der Abteilung für Berufskrankheiten und Arbeitsmedizin an der Rehabilitationsklinik Tobelbad, einige Beispiele.

Krebserzeugende Stoffe

Der Staub von Hartholz steht an zweiter Stelle unter den Stoffen, die Krebs als Berufskrankheit zur Folge haben. Holzstaub kann bei Beschäftigten in holzbe- und verarbeitenden Betrieben Adenokarzinome der Nasenhaupt- und Nasennebenhöhlen auslösen. „Diese Krebsart kommt in der nicht exponierten Normalbevölkerung sehr selten vor, daher ist keine bestimmte Dauer der Exposition Voraussetzung für die Anerkennung als Berufskrankheit“, so Engin-Deniz.
Auch andere am Arbeitsplatz verwendete oder entstehende Stoffe können Krebs verursachen. Dazu zählen Lungenkrebs durch Chrom(VI)-Verbindungen, wie sie beispielsweise beim Galvanisieren verwendet werden, ebenso wie Krebs der ab­leitenden Harnwege durch aromatische Amine, die z. B. bei der Arbeit mit Azofarbstoffen in der Gummi- und in der Lederindustrie zum Einsatz gekommen sind. Lungenkrebs durch Quarzstaub bei Silikose steht seit 2013 auf der Liste der Berufskrankheiten; davor wurde diese Erkrankung bei einigen Betroffenen über die Generalklausel als Berufskrankheit anerkannt.
Machan erinnert sich an einen weiteren Fall mit einem nicht in der Berufskrankheiten-Liste enthaltenen Stoff, bei dem die Generalklausel zur Anwendung gekommen ist: „Ein 62-jähriger Mann war viele Jahre lang in der Kfz-Wartung tätig. Dabei hatte er intensiven Hautkontakt mit Altöl und teerhältigem Unterbodenschutz. 2017 entdeckte man bei ihm einen bösartigen Tumor der Harnblase, der durch Polyzyklische Aromatische Kohlenwasserstoffe verursacht worden war. Die Krebserkrankung wurde nach der Generalklausel als Berufskrankheit anerkannt.“
Lungenkrebs durch Polyzyklische Aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) sollte nach Ansicht der Ärztin in die Liste der Berufskrankheiten aufgenommen werden, ebenso wie bösartige Tumore der Lunge, die durch gleichzeitiges oder aufeinanderfolgendes Einwirken von PAK und Asbest verursacht worden sind. Weitere „Kandidaten“ für die Berufskrankheiten-Liste sind Eierstockkrebs durch Asbest, Lungenkrebs durch Passivrauch bei Personen, die selbst nie geraucht haben, und weißer Hautkrebs durch intensive und langjährige UV-Strahlung, etwa bei beruflichem Aufenthalt im Freien. Eine Anerkennung nach der Generalklausel wäre in diesen Fällen möglich.

Arbeitsbedingte Erkrankungen

Ärzte erleben immer wieder, dass Patienten enttäuscht sind, wenn ihre Erkrankung nicht als Berufskrankheit anerkannt wird, obwohl sie am Arbeitsplatz mit gefährlichen Stoffen in Kontakt kommen. Dr. Sandra Wonisch, Fachärztin für Arbeitsmedizin an der Rehabilitationsklinik Tobelbad, erläutert den Unterschied zwischen einer Berufskrankheit und einer arbeitsbedingten – auch als arbeitsassoziiert bezeichneten – Erkrankung: „Berufskrankheiten sind ein kleiner Teil der arbeitsassoziierten Erkrankungen. Die Berufskrankheiten-Liste erfasst nicht alle in Zusammenhang mit dem Beruf stehenden Erkrankungen, sie wird durch Novellen an die jeweiligen neuen medizinischen Erkenntnisse angepasst.“
Für die Aufnahme in die Berufskrankheiten-Liste müsse das relative Risiko einer Erkrankung doppelt so hoch sein wie in der Allgemeinbevölkerung, so Wonisch. Bei häufigen Krebserkrankungen wie Lungenkrebs bei Rauchern ist die Abgrenzung zu den beruflichen Risiken und die Entscheidung über eine Aufnahme in die Berufskrankheiten-Liste oft schwierig. Umfassende wissenschaftliche Prüfungen mit Bewertung entsprechender epidemiologischer Studien sind erforderlich.
Wie sieht nun im Einzelfall die Wahrscheinlichkeit aus, dass Krebs als Berufskrankheit anerkannt wird? Zuerst muss man den behandelnden Arzt darauf hinweisen, dass man mit krebserzeugenden Stoffen arbeitet oder gearbeitet hat. Wichtig ist es, dabei nicht nur die Branche anzugeben, sondern auch die Tätigkeiten und Arbeitsstoffe. Der Arzt kann am besten beurteilen, ob ein Zusammenhang zwischen der Krebsart und den genannten Stoffen möglich ist.

Lange Latenzzeiten

Patienten und Ärzte sollten bei der Erhebung der Berufsanamnese keinesfalls auf früher ausgeübte Tätigkeiten vergessen. Wie lange es dauert, bis man nach dem Kontakt mit einem Stoff erkrankt, ist sehr unterschiedlich. „Bei wenigen Stoffen wie Benzol tritt Krebs sehr schnell auf, bei Asbest oft erst nach 40 Jahren oder später“, nennt Engin-Deniz die Latenzzeiten von zwei in der Berufskrankheiten-Liste vorkommenden Stoffen. Häufig ist die oder der Betroffene schon in Pension, wenn die Diagnose „Krebs“ gestellt wird.
Nach der Meldung des Verdachts auf eine Berufskrankheit wird ein Feststellungsverfahren eingeleitet. Im Rahmen dieses Verfahrens holt die Unfallversicherungsanstalt medizinische Befunde ein und veranlasst notwendige Untersuchungen. Falls erforderlich, erhebt der Unfallverhütungsdienst die tatsächliche Exposition, die im Rahmen der versicherten Tätigkeit stattgefunden hat. Abschließend wird ein medizinisches Gutachten erstellt und geprüft. Auf dieser Grundlage und auf Basis des Gesetzes entscheidet die Unfallversicherung über die Anerkennung als Berufskrankheit. Im Fall einer Ablehnung kann die oder der Betroffene Einspruch erheben.
Bei einem positiven Bescheid erhält die oder der Erkrankte Unterstützung, etwa eine Versehrtenrente. „Bei 100%iger Minderung der Erwerbsfähigkeit kann es sich dabei um recht hohe Beträge handeln, die den Betroffenen in dieser schwierigen Situation zumindest in finanzieller Hinsicht das Leben erleichtern“, so Machan. Dazu kommen Angebote der medizinischen Rehabilitation, zum Beispiel an der Abteilung für Berufskrankheiten der Rehabilitationsklinik der AUVA in Tobelbad, und Maßnahmen der sozialen Rehabilitation wie ein behindertengerechter Umbau der Wohnung.    (rp)