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04.02.2019 15:36 Alter: 11 Tage
Kategorie: Jänner/Februar 2019

Endstation Frühpension

Aktuelle Studienergebnisse zu den Krankheitskosten bei Multipler Sklerose (MS) zeigen, dass etwa die Hälfte aller Betroffenen im erwerbsfähigen Alter nicht arbeitet. Die Folgen sind finanzielle Benachteiligung und soziale Isolation sowie erhebliche Kosten für die Volkswirtschaft.


Verschiedene Instrumente wie etwa fit2work oder die befristete Arbeitszeitreduktion sind aktuelle Ansätze, um „Disability Management“. © Minerva /fotolia umzusetzen.

Multiple Sklerose ist eine chronisch-entzündliche Autoimmunerkrankung des zentralen Nervensystems, die meist bei jungen Erwachsenen auftritt. In Österreich gibt es etwa 13.500 Betroffene. Meist beginnt die Krankheit mit einem akuten Schub und verschlechtert sich über Jahre nicht. Nach etwa 10 bis 15 Jahren verschlimmern sich die Symptome aber kontinuierlich. Der Schweregrad der Erkrankung wird über die sogenannte EDSS (Expanded Disability Status Scale) auf einer Skala von 0 bis 10 definiert. „Diese sagt jedoch nur bedingt etwas über die Arbeitsfähigkeit der betroffenen Patienten aus, denn es macht einen Unterschied, welcher Tätigkeit nachgegangen wird“, erklärt Priv.-Doz. Dr. Jörg Kraus, Neurologe in Zell am See und Präsident der Österreichischen Multiple Sklerose Gesellschaft (ÖMSG). Die Kosten der Erkrankung pro betroffene Person schwanken laut Studie zwischen 25.100 und 73.800 Euro pro Jahr. Auffällig hoch ist der hohe Kostenanteil für die Frühpensionen, die bereits bei Personen mit einem mildem Krankheitsverlauf knapp ein Viertel der Gesamtkosten ausmachen. Bei höherem Behinderungsgrad steigen sie weiter an, dazu kommen starke Kostentreiber wie Pflege und Sozialdienste dazu. Europaweit zeigte sich, dass der Verlust der Arbeitskraft der Volkswirtschaft teuer zu stehen kommt: 33 Prozent der von der Erkrankung verursachten Kosten kommen durch den Ausfall der Produktivität der betroffenen Patienten zustande.

Mit Unterstützung länger arbeitsfähig

„54 Prozent aller Studienteilnehmer im erwerbsfähigen Alter arbeiten nicht, 43 Prozent davon gaben MS als Grund dafür an,“ fasst Univ.-Prof. Dr. Thomas Berger, MSc, von der Medizinischen Universität Wien das zentrale Ergebnis der österreichischen Daten zusammen. 73 Prozent der arbeitenden MS-Patienten berichteten, dass die Krankheit ihre Produktivität bei der Arbeit beeinträchtigt. „Entscheidend für die Arbeitsfähigkeit ist, wie sehr Unternehmen ihre Mitarbeiter unterstützen. Kann jemand, der häufig von Fatigue, der starken Müdigkeit, geplagt wird, häufiger Pause machen oder Teilzeit arbeiten, wird er auch länger im Erwerbsleben bleiben können“, betont Kraus.

Verschiedene Instrumente wie etwa fit2work oder die befristete Arbeitszeitreduktion nach den Regeln des Wiedereingliederungsteilzeitgesetzes sind aktuelle Ansätze, um das in anderen Ländern bereits erprobte „Disability Management“ auch für Österreich zu adaptieren.

Als besonders wichtig sieht Dr. Bernhard Rupp, MBA, von der Abteilung Gesundheitspolitik in der Kammer für Arbeiter und Angestellte für Niederösterreich, sich um junge Menschen nach der Diagnose zu kümmern. „Ausbildungs- und Berufsentscheidungen, die ohne fachliche Beratung, unter dem Eindruck von schwerwiegenden Diagnosen getroffen werden, widersprechen häufig dem intellektuellen Potenzial und den Krankheitsverlaufsprognosen für die Betroffenen“, so Rupp. Ein Umdenken in der Gesellschaft sieht Rupp als dringend erforderlich, denn: „Von den 4,3 Millionen erwerbstätigen und arbeitssuchenden Österreichern sind mehr als zwei Millionen chronisch krank oder haben Einschränkungen. An entsprechenden Anpassungen der Arbeitsumstände wird also in naher Zukunft kein Weg vorbeiführen.“