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06.06.2017 11:52 Alter: 134 Tage
Kategorie: Juni 2017

Gesund im Kombipack

Wie mentale Fitness, eine verbesserte Körper­haltung und nachhaltige Entspannung gleichzeitig erreicht werden können, belegt die über 100 Jahre alte „F.M. Alexander-Technik“. Der ganzheitliche Ansatz hilft, angelernte Fehlhaltungen zu korrigieren, Schmerzen und Verspannungen zu lösen und einen achtsamen Umgang mit dem eigenen Körper zu erlernen.


Einfache Abläufe, richtig in den Alltag integriert, vermeiden langfristige Fehlhaltungen. © ATVD

Dass sich Stress, Ärger und Belastungen ganz direkt und unmittelbar auf den Körper auswirken und in muskulären Verspannungen und Fehlhaltungen niederschlagen, ist längst kein Geheimnis mehr. Doch das dauerhafte Verändern schädlicher Gewohnheiten und schmerzhafter Bewegungsmuster ist oft ein langwieriger Kampf mit dem inneren Schweinehund, den die meisten von uns im täglichen Smartphone-Alarm, Termin-Marathon und Deadline-Druck nur allzu oft und leicht verlieren.

Nachhaltige Veränderung spüren

Dennoch lassen sich mit der richtigen Technik Achtsamkeit und Leichtigkeit einfach und dauerhaft erlernen: Die F.M. Alexander-Technik zum Beispiel ist eine Kombination aus neuromuskulären und mentalen Anleitungen, die den Gesamtzustand und die Koordination der 214 Knochen und 650 Muskeln des menschlichen Körpers positiv beeinflussen. Dabei liegt der Fokus vor allem auf der zentralen Hals-Kopf-Rumpf-Verbindung, die den Schlüssel zu einer natürlichen Balance des gesamten Organismus darstellt.
Die vom Australier Frederick Matthias Ale­xander Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte Body- und Mind-Methode zielt darauf ab, jahrelang angelernte körperliche Fehlhaltungen und ungesunde Gewohnheiten zu erkennen und zu korrigieren bzw. zu optimieren. Sie lehrt, wie der Körper mittels mentaler Impulse, neuromuskulären Trainings sowie sanfter Körper- und Bewegungskorrekturen in seine ursprünglich natürliche Balance zurückgebracht werden kann und so Stress und Verspannungen abbaut. Im Fokus stehen das Erlernen einer gesunden Grundhaltung und Bewegungskoordination – bei größtmöglicher Gelöstheit der Muskulatur – sowie die Arbeit an „günstigen“ Bewegungsmustern für das Gehen, Sitzen, Stehen oder Liegen.

Was „richtiges“ Sitzen und Stehen bewirken kann

Zahlreiche Studien belegen die hohe und langfristige Wirksamkeit der Alexander-Technik sowohl in der Prävention als auch Schmerztherapie. So zeigt etwa das Ergebnis einer kürzlich veröffentlichten Studie unter der Leitung von Dr. Timothy Cacciatore, Forscher am Institut für Neurologie an der Universität London, dass eine ungünstige Haltungskoordination die alltäglichen Bewegungsabläufe erheblich beeinträchtigt (1). An der Alltagsbewegung „vom Sitzen zum Stehen“ untersuchte die Studiengruppe Mechanismen, die die motorischen Teilaufgaben Bewegung, Balance und Haltung wechselseitig beeinflussen. Zudem wurde die Rolle der Steifigkeit von Hüft- und Kniegelenk sowie Rumpf an einem neuromechanischen Körpermodell simuliert und untersucht. Dazu wurden Daten von gesunden, untrainierten Erwachsenen sowie von Alexander-Technik-Lehrern erhoben. Ergänzt wurde die Untersuchung durch Simulationen am Computermodell. Die Alexander-Technik-Lehrer waren unter sämtlichen Versuchsbedingungen im Gegensatz zur Kontrollgruppe viel besser in der Lage, fließend mit gleichmäßiger Geschwindigkeit aufzustehen. Die untrainierte Kontrollgruppe bewegte sich beim Aufstehen ruckartig, rascher und mit nicht gleichbleibender Geschwindigkeit.
Das Ergebnis zeigt, dass eine schlechte Haltungskoordination die Bewegungsabläufe nachhaltig stören kann. Die Ergebnisse vom Sitzen zum Stehen lassen sich auch auf andere Alltagsbewegungen übertragen, wie etwa Treppe steigen oder in die Hocke gehen. Insbesondere bei älteren Menschen sind die Bewegungsabläufe durch ungünstige Haltung und Steifigkeit eingeschränkt. Entsprechende Trainingsprogramme sollten daher nicht so sehr auf Kraft oder Schwung zielen, sondern vor allem die Haltungssteuerung im Blick haben.

Hilfe, die anhält

Weniger Schmerztage, eine deutlich höhere Leistungsfähigkeit und mehr Lebensqualität – das sind kurz gefasst auch die Ergebnisse einer randomisierten klinischen Studie, die an den englischen Universitäten Southampton und Bristol die Wirkung von Alexander-Technik im Vergleich zu herkömmlichen Behandlungsmethoden untersucht hat (2). Patienten mit chronischen Rückenschmerzen bestätigten die positiven Veränderungen auch noch ein Jahr später.
579 Patienten beteiligten sich an der Studie und erhielten entweder eine übliche allgemeinmedizinische Behandlung, sechs klassische Massage-Einheiten oder sechs beziehungsweise 24 Alexander-Technik-Stunden. Jeweils die Hälfte dieser Gruppen absolvierte zudem ein individuelles Bewegungsprogramm mit drei Beratungssitzungen bei einer medizinischen Fachkraft.
Die Messungen zur Wirksamkeit wurden unmittelbar vor der ersten Behandlung, drei Monate nach Beginn der Versuchsreihe und wieder nach einem Jahr durchgeführt. Das Ergebnis zeigt, dass die mit Abstand größte positive Wirkung bei den Patienten mit den 24 Unterrichtsstunden Alexander-Technik erzielt wurde. Die Messung nach einem Jahr zeigte darüber hinaus den Langzeiteffekt, dass die Patienten noch immer schmerzfrei und leistungsfähig waren. Sie haben offensichtlich gelernt, die für eine Aktivität notwendige Muskelspannung zu optimieren und ungünstige Bewegungsabläufe im alltäglichen Leben zu vermeiden.

Infobox

Die Alexander-Technik wird in der Regel in Einzelsitzungen vermittelt und erfolgt in bequemer Alltagskleidung. Der Patient lernt, ungünstige Gewohnheiten zu erkennen und abzubauen – zunächst mithilfe des Lehrers, später auch ganz selbstständig im Alltag. Eine Einheit dauert je nach Trainer zwischen 30 und 50 Minuten und kostet zwischen EUR 35 und EUR 70. In Österreich finden sich die führenden Experten rund um die Technik seit 2001 in der „GATOE – Gesellschaft für Alexander-Technik in Österreich“ zusammen. Hier wird die Methode in der Öffentlichkeit verbreitet und die Praxis sowie die Forschung gefördert.

Info & Kontakt:
www.alexander-technik.org, www.alexander-technik.at

Quellen:
1. Timothy W. Cacciatore, Omar S. Mian, Amy Peters, Brain L.Day: Neuromechanical interference of posture on movement – evidence from Alexander technique teachers rising from a chair. Journal of Neurophysiology, J Neurophysiol 112:719-729, 2014
2. Paul Little, George Lewith, et al., Randomised controlled trial of Alexander technique lessons, exercise, and massage (ATEAM) for chronic and recurrent back pain, BMJ 2008;337:a884