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04.02.2019 17:13 Alter: 11 Tage
Kategorie: Jänner/Februar 2019

Krebs durch Arbeit ist vermeidbar

Einen Überblick über die verschiedenen Aspekte des Themas krebserzeugende Arbeits­stoffe, vom Erkennen der Krebsgefahr bis zu den gesundheitlichen Auswirkungen, boten AUVA-Informationsveranstaltungen. Mit Know-how, Tipps und Good-Practice-Beispielen tourten die Experten im Vorjahr durch Österreich.


Fotos © R. Gryc

Gelten auf acht Arbeitsstunden bezogene Grenzwerte auch für einen Zwölf-Stunden-Tag? Wer führt bei Verdacht auf Grenzwertüberschreitungen Messungen durch? Wird Krebs durch Passivrauch als Berufskrankheit anerkannt? Diese und andere Fragen aus dem Publikum wurden bei den Informationsveranstaltungen der AUVA mit dem Titel „Krebs durch Arbeit ist vermeidbar!“ diskutiert. Die vier Veranstaltungen fanden 2018 anlässlich des AUVA-Präventionsschwerpunkts „Gib Acht, Krebsgefahr!“ in Innsbruck, Graz, Bad Ischl und Wien statt.
Über ein interaktives Tool konnten die Anwesenden anonym Fragen stellen und an Abstimmungen teilnehmen. Dabei zeigte sich, dass sich die Mehrheit besonders dafür interessierte zu erfahren, wie man krebserzeugende Arbeitsstoffe erkennt. Mit einem Durchschnittswert von knapp 60 Prozent führte dieses Thema vor Good-Practice-Beispielen, dem Zusammenhang zwischen Krebs und Arbeit, der Sicht von Behörden und Interessenvertretungen sowie Krebserkrankungen als Berufskrank­heiten.

Abseits der Veranstaltungen gibt es weitere Informationen zum Schutz vor krebserzeugenden Ar­­beitsstoffen und zur Hygiene bei gefährlichen Arbeitsstoffen auf dem YouTube-Kanal der AUVA (www.auva.at/youtube) in den bei­­den Videos „Krebserzeugende Arbeitsstoffe“ und „Hygienemaßnahmen“.

Gib Acht, Krebsgefahr!

Zu Beginn der jeweiligen Informationsveranstaltung präsentierten Mag. Marie Jelenko und Dr. Silvia Springer sowie Mag. Norbert Neuwirth, alle von der AUVA-Hauptstelle, den Präventionsschwerpunkt der AUVA „Gib Acht, Krebsgefahr!“. Eine Erhebung der AUVA hatte gezeigt, dass die Verantwortlichen in den Betrieben bereit sind, ihre Mitarbeiter zu schützen, aber in vielen Fällen zusätzliche Informationen benötigen. Abhilfe schaffen nun kostenlose Betriebsberatungen speziell zum Thema Krebs am Arbeitsplatz, vergünstigte Schulungen, interaktive Online-Tools und eine Reihe neuer Merkblätter.

Während des Arbeitsprozesses entstehende krebserzeugende Ar­­beitsstoffe lassen sich oft nur schwer erkennen. Umso wichtiger ist es zu wissen, bei welchen Tätigkeiten krebserzeugende Stoffe freigesetzt werden können. In welchem Ausmaß Arbeitnehmer gegenüber diesen Stoffen exponiert sind, lässt sich durch Vergleichsarbeitsplätze oder durch Messungen, die von der AUVA auf Anfrage durchgeführt werden, feststellen, wie Neuwirth nach einer Anfrage aus dem Publikum erklärte. Auch bei der Planung und Umsetzung von Schutzmaßnahmen bietet die AUVA Unterstützung.

Beratung und Kontrolle

Beim Präventionsschwerpunkt „Gib Acht, Krebsgefahr!“ kooperiert die AUVA mit dem Arbeitsinspektorat und stimmt ihre Materialien fachlich mit diesem ab, um den Betrieben akkordierte Informationen bieten zu können. Bei den Informationsveranstaltungen wurde der Beratungs- und Kon­trollschwerpunkt der Arbeitsinspektion von Dipl.-Ing. Katrin Arthaber vom Zentral-Arbeitsinspektorat, Dipl.-Ing. Uta Remp-Wassermayr vom Arbeitsinspektorat Oberösterreich Ost bzw. Dipl.-Ing. Guido Steinhauser vom Arbeitsinspektorat Vöcklabruck erläutert.
Im Rahmen des Schwerpunkts besuchten Arbeitsinspektoren Be­­triebe, die mit krebserzeugenden Stoffen arbeiten. Zu den am häufigsten festgestellten Problemen zählten Unklarheiten, welche PSA zu verwenden war, Mängel bei der Unterweisung und die Überschreitung von Grenzwerten. Diese beziehen sich auf einen Acht-Stunden-Tag und müssen bei zwölf Arbeitsstunden umgerechnet werden, antwortete Arthaber auf die Frage eines Teilnehmers. Dabei kann es sich nicht um eine lineare Berechnung handeln, da die Belastungen mit zunehmender Arbeitsdauer überproportional ansteigen. Die Arbeitsinspektion arbeitet bereits an einer Lösung.

Krebs als Berufskrankheit

Dr. Sandra Wonisch von der AUVA-Rehabilitationsklinik Tobel­­­­­­bad bzw. Prof. Dr. Michael Kundi von der Medizinischen Universität Wien stellten arbeitsbedingten Krebs aus medizinischer Sicht dar und räumten mit einem verbreiteten Missverständnis auf: Arbeitsbedingte Erkrankungen sind nicht immer auch Berufskrankheiten. Eine Erkrankung gilt dann als Berufskrankheit, wenn sie nachweisbar durch die versicherte Tätigkeit verursacht worden ist und in der gesetzlichen Berufskrankheiten-Liste angeführt ist. Nur Versicherte, deren Erkrankung als Berufskrankheit anerkannt wurde, können auch Leistungen aus der Unfallversicherung erhalten. Scheint eine Erkrankung nicht in der Berufskrankheiten-Liste auf, kann sie unter bestimmten Bedingungen über die Generalklausel anerkannt werden. Eine Teilnehmerin erkundigte sich, ob das auch für Krebs durch Passivrauch in der Gastronomie gelte. Bisher sei in Österreich noch kein derartiger Fall über die Generalklausel anerkannt worden, allerdings würde die Möglichkeit dazu bestehen, so Wonisch.

Dem Thema Berufskrankhei­ten war ein weiterer Vortrag ge­­widmet. In diesem legten neben Dr. Wonisch auch Prim. Dr. Barbara Machan, ebenfalls von der Rehabilitationsklinik Tobelbad, so­­­­wie Dr. Heinz Fuchsig von der AUVA-Außenstelle Innsbruck den Schwerpunkt auf das Begutachtungsverfahren. Wann die Kriterien für die Anerkennung als Berufskrankheit erfüllt seien, wurde anhand konkreter Fallbeispiele erläutert, wie etwa das eines Patienten mit einem bösartigen Tumor des Brustfells – eine typische Krebserkrankung nach Asbestexposition (sh. ALLE!ACHTUNG! Ausgabe 12/18, S. 15f).

Arbeitnehmer- und Arbeitgeberpositionen

Die Position der Arbeitnehmerseite im Kampf gegen arbeitsbedingte Krebserkrankun­gen präsentierten Dr. Christoph Streissler und MMag. Petra Streithofer, beide von der Arbeiterkammer Wien, sowie Mag. Mirna Specht-Prebanda von der AK Oberösterreich. Sie wiesen darauf hin, dass die Gefahren durch krebserzeugende Stoffe insbesondere in Branchen, in denen überwiegend Frauen arbeiten, oft übersehen werden, etwa in Gesundheitsberufen oder im Reinigungsgewerbe.

Auch der Zusammenhang zwischen Nacht- bzw. Schichtarbeit und Brustkrebs wurde genannt. Eine Anerkennung als Berufskrankheit ist nach dem derzeitigen Berufskrankheiten-System nicht möglich, da über die Generalklausel nur Erkrankungen aufgrund von Stoffen oder Strahlen anerkannt werden können.

Dr. Christian Gründling vom Fachverband der Chemischen In­­­­dus­­­­trie in der Wirtschaftskammer Österreich referierte über den sicheren Umgang mit krebserzeugenden Arbeitsstoffen. Der Schwerpunkt seines Vortrags lag auf den rechtlichen Vorschriften, die bei der Arbeit mit krebserzeugenden Stoffen einzuhalten sind, darunter die Verordnung nach dem europäischen Chemikalienrecht REACH und das österreichische ArbeitnehmerInnenschutzgesetz (ASchG). Aktuell gibt es keine Bestrebungen, die Bestimmungen von REACH und ASchG zu vereinheitlichen.
„Der Ersatz krebserzeugender Stoffe ist bei der Formulierung von Gemischen einfacher als bei der Herstellung von Chemikalien durch chemische Synthese“, so Gründling. Hier müsse man die Mitarbeiter vor allem durch technische Maßnahmen schützen. Als sensible Bereiche nannte er Befüllen und Entleeren sowie Wartung und Reinigung, eine oft von externen Arbeitnehmern übernommene Tä­­tigkeit. Eine entsprechende Un­­ter­­weisung und die Vorbildfunktion von Vorgesetzten würden laut Gründling eine wesentliche Rolle bei der Vermeidung von Zwischenfällen spielen.

Good-Practice-Beispiele

Betriebe präsentierten ihre Lö­­­sun­­­­gen für den Schutz vor krebserzeugenden Stoffen. Über Good-Practice-Beispiele zu Holzstaub und Formaldehyd in der Holzbe- und -verarbeitung sowie zu Schweißrauch in der Metallverarbeitung sind bereits Artikel in „Alle!Achtung!“ erschienen. Beiträge zur Belastung durch Poly­oxymethylen im Kunststoffspritzguss sowie durch Zytostatika und Formaldehyd in Krankenanstalten werden folgen.
Die Weichenwerk Wörth GmbH, ein Gemeinschaftsunternehmen der voestalpine Weichensysteme GmbH und der ÖBB Infrastruktur AG, fertigt Weichen und Oberbaumaterial wie Bahnschwellen. Das dafür verwendete Holz ist mit dem Steinkohlenteeröl Kreosot imprägniert, das krebserzeugendes Benzo(a)pyren enthält. Um die Belastung zu reduzieren, werden die Schwellen erst zur Bearbeitung übernommen, nachdem sie drei Wochen lang ausgegast haben. Weitere Schutzmaßnahmen sind Vermeidung des direkten Kontakts mit dem eingeölten Holz, Absaugung und Hygiene.

An Informationsständen hatten die Teilnehmer die Möglichkeit, das neue, kostenlose Online-Tool der AUVA zur Erstellung eines Verzeichnisses gefährlicher Arbeitsstoffe (https://arbeitsstoffverzeichnis.auva.at) kennenzulernen. Selbst aktiv werden konnten sie zum Beispiel bei einem Stand zum Schwerpunkt Hautschutz, wo eine UV-Lampe an den Tag brachte, ob man sich beim Ausziehen von Schutzhandschuhen kontaminierte. Hygiene und Verschleppung wurden ebenfalls anhand eines praktischen Versuchs anschaulich demonstriert. Und zum Thema Asbest gab es nicht nur Informationsmaterial, sondern auch Schutzanzug und Atemschutzmaske zum Probieren. (rp)

Weitere Informationen zu krebserzeugenden Arbeits­stoffen unter: www.auva.at/krebsgefahr

Info & Kontakt:

Weitere Informationen zu Asbest und anderen krebserzeugenden Arbeitsstoffen sind in der branchenbezogenen Merkblatt-Reihe M.plus 340 nachzulesen. Die Schwerpunkt-Website www.auva.at/krebsgefahr bietet einen Überblick über alle AUVA-Materialien, Service-Angebote, Schulungen oder Seminare zu krebserzeugenden Arbeitsstoffen sowie die Rubrik „Häufig gestellte Fragen (FAQ)“. Am 15. Mai 2019 findet erstmals das Seminar mit dem Titel „Sicherer Umgang mit krebserzeugenden Arbeitsstoffen“ für Sicherheitsfachkräfte und Arbeitsmedizinerinnen und Arbeitsmediziner statt. Es wurde von der AUVA in Kooperation mit der Österreichischen Akademie für Arbeitsmedizin und Prävention konzipiert. Information und Anmeldung unter: www.aamp.at (Fortbildungsseminare)