< vorhergehender Beitrag
03.07.2017 13:48 Alter: 24 Tage
Kategorie: Juli/August 2017

Luxusgut Zeit

„Zeit ist Geld“ gilt oft als entscheidender Erfolgsfaktor im Wettbewerb. Beschleunigung, Zeitdruck und Stress bringen aber nur vordergründig Vorteile. Wer sich etwa bei der Herstellung von Produkten (zu) wenig Zeit nimmt, muss mitunter Fehler in der Qualität oder gar Sicherheitsrisiken für die Mitarbeiter verbuchen.


©LdF/IStock

Am Anfang stand die Sonnenuhr und maß die Zeit anhand des Tageslichts. Die Turmuhr brachte die weitaus praktischere äquinoktiale Zeit, die zuvor nur auf Basis schwieriger Berechnungen zu erlangen war. Bis zur Einführung der Zeitzonen, das war in Österreich erst 1910, in Deutschland bereits 1893, galt die jeweils individuelle Regionalzeit. War man dazumal mit einer Taschenuhr unterwegs, musste man seine Uhr öfter auf die gerade vor Ort gültige Zeit umstellen.

Der UHRschrei

„Wir leben in einer Zeit der Beschleunigung, des Zeitmangels bzw. -drucks und haben verlernt, uns Zeit zu nehmen“, weiß Zeitmanagement-Profi Paul Lürzer, dessen Seminare für besseres Zeitmanagement sich großer Beliebtheit erfreuen. „Schneller-besser-billiger wird schon in den obersten Führungsebenen gelebt, oft mit einer guten Portion schlechtem Gewissen“, ergänzt der erfahrene Coach und bringt als Beispiel ein Unternehmen, das die Verwaltungsarbeit automatisiert, indem sie diese – samt Mitarbeitern – ins Ausland verlagert. Zwar werden auf den ersten Blick die Kosten gesenkt, allerdings steigt die Fehlerquote auf
30 Prozent. „Ich spreche hier vom UHRschrei, der sich aus heutiger Zeitmanagement-Sicht wie ein Hilferuf anhört.“ Die alten Griechen verwendeten für Zeit die Begrifflichkeiten „Chairos“ und „Chronos“. Erstere stand für Qualität bzw. den „richtigen Zeitpunkt“. Letztere stand für die Messbarkeit der Zeit. „Wir können die Zeit mit modernen Chronografen bis in Tausendstelsekunden bestimmen, allerdings sind uns die Qualität der Zeit und der rechte Augenblick verloren gegangen“, so Lürzer, der für Entschleunigung und Werteorientierung plädiert.

„Ich verzögere, also bin ich“

Wissenschaftlich mit dem Thema Zeit setzt sich Mag. Dr. Thomas Herdin auseinander. Er lehrt an der Universität Salzburg, forscht unter anderem auf den Gebieten der Interkulturellen Kommunikation und Kompetenz und lebte selbst sieben Jahre lang in Asien in einem anderen Zeitgefüge. „Wir kennen Ausdrücke, die es in anderen Kulturen zum Teil gar nicht gibt, wie Zeit gewinnen, Zeit verlieren, jemandem die Zeit stehlen oder sogar totschlagen“, weiß der Wissenschaftler, der unter anderem Mitglied im gemeinnützigen Verein zur Verzögerung der Zeit, der 1990 in Klagenfurt gegründet wurde, ist. Es handelt sich dabei um das an einer Universität gegründete, wohl umfangreichste Netzwerk von Zeit-Sachverständigen und Zeit-Interessierten im deutschsprachigen Raum. Angegliedert ist der Verein an die Fakultät für interdisziplinäre Forschung und Fortbildung (IFF) der Alpen-Adria Universität in Klagenfurt. Den Mitgliedern geht es um einen neuen, gesünderen, menschlichen Umgang mit Zeit in allen Bereichen. „Wir wollen darauf hinweisen, dass in unserer Kultur und in der heutigen Zeit der Entschleunigung wesentlich mehr Beachtung geschenkt werden sollte als der ohnehin fast automatisch auf uns eindrängenden Beschleunigung. Wir wollen einen reflektierten Umgang mit Zeit auf kollektiver Basis anregen und neue Formen des Umgangs mit dem Phänomen Zeit anstreben“, so Herdin. Er ist überzeugt, dass wir nur in einem langen Umlernprozess, der bei vielen Menschen übrigens erst mit der Krankheit einsetzt, alte Denkmuster entlernen können, um neue Zeitauffassungen erlernen zu können. Voraussetzung dabei ist, dass die Menschen wieder selbst die Regie über ihre Zeit übernehmen können und Wege finden, wie sie weniger oder gar nicht mehr „getrieben“ werden.

Zeitpolitik wird en vogue

Eine vergleichsweise junge Vokabel in diesem Zusammenhang ist „Zeitpolitik“. Mit Blick auf den Faktor „Zeit“ benennt sie eine Dimension gesellschaftlichen und politischen Handelns, die in jüngster Zeit – vor allem im Hinblick auf Lebensqualität und Nachhaltigkeit – an Bedeutung gewinnt. „Zeitpolitik“ ist sozusagen eine neue Perspektive, aus der gesellschaftliche und ökologische Probleme, Krisen oder Konflikte betrachtet werden können. „Sie macht deutlich, dass die Ursachen der Probleme oft mit zeitlichen Veränderungen des Gesellschaftsgefüges zusammenhängen. Felder der Zeitpolitik sind zum Beispiel Technik, Ernährung, Familie, Freizeit, Tourismus, Kommunikation oder Mobilität“, erklärt Herdin.
Auch auf den Kapitalmärkten hat sich die Volatilität verstärkt. „Faktoren wie politische Unbeständigkeit, hohe Schwankungsbreiten und die Geschwindigkeit, mit der Veränderungen kommen, haben sich natürlich auch auf unseren Märkten rasant erhöht“, bringt es der Vorstandsvorsitzende der Schoellerbank, Mag. Franz Witt-Dörring, auf den Punkt. Der entscheidende Einfluss des Faktors Zeit auf den Börsenerfolg ist unbestritten. In der Schoellerbank ist man davon überzeugt, dass sich erfolgreiche Geldanlage über einen langen Zeitraum entwickeln muss. Deshalb denken die Anlageexperten nicht in Tagen, Wochen oder Monaten, sondern längerfristig, und bleiben gelassen, wenn andere in der Sekunde nervös werden.

Slow als Erfolgsfaktor

Die scheinbar vorteilhaften Beschleunigungstendenzen haben oft verhängnisvolle Auswirkungen. Sich etwa bei der Herstellung von Produkten (zu) wenig Zeit zu nehmen, kann sich maßgeblich auf die Qualität selbiger auswirken. Durch optimierte – weil beschleunigte – Herstellungsprozesse können Unternehmen Kosten sparen und ihre Gewinnmargen erhöhen. „Wir sind allerdings davon überzeugt, dass man schmecken und spüren kann, ob ein Produkt die nötige Zeit bekommen hat, die es braucht“, meint Dr. August Gresser, Gründer und Geschäftsführer von „Slow Brewing“. Er hat mit „Slow Brewing“ das härteste und konsequenteste Gütesiegel am internationalen Biermarkt entwickelt und weiß, dass sich das Brauen mit Zeit sowohl auf den Geschmack als auch auf die Verträglichkeit eines Bieres auswirkt. Bei einer langsamen Reifung entstehen weniger schlecht verträgliche Fusel-Alkohole als bei beschleunigten Verfahren, wie sie oft in der industriellen Massenproduktion zum Einsatz kommen. Der Braumeister hob das Gütesiegel im Jahr 2011 aus der Taufe, weil es bis dato kein wissenschaftlich fundiertes Gütesiegel gab, das sowohl Qualität und Geschmack des Biers als auch das bewusste und faire Handeln der Brauerei bewertet und auszeichnet.
Eine der in Österreich mit dem Slow Brewing-Gütesiegel ausgezeichneten Brauereien ist Stiegl. Zeit spielt in Österreichs führender Privatbrauerei eine ganz besondere Rolle. „Das Brauen mit Zeit gehört zu unserer gelebten Philosophie. Wir setzen auf langsame Gärung und schonende Reifung statt auf schnelle Brauverfahren“, erzählt Stiegl-Chefbraumeister Christian Pöpperl. Die Privatbrauerei lässt auch den Zutaten die nötige Zeit. So werden in der eigenen Bio-Landwirtschaft am Gut Wildshut beinahe in Vergessenheit geratene Urgetreidesorten in einer achtjährigen Fruchtfolge kultiviert. Zudem unterstützt Stiegl die Organisationen „Slow Food“ und Arche Noah Österreich.

Quelle: „Luxusgut Zeit. Zeit ist Geld – Erfolgsfaktor oder Trugschluss?“, Wildshuter Feldgespräche – Gesprächsreihe auf Initiative der Stiegl-Brauerei, Salzburg