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03.12.2018 12:25 Alter: 8 Tage
Kategorie: Dezember 2018

Mensch und Maschine im Einklang

Das AUVA-Rehabilitationszentrum Weißer Hof zählt zu den Pionieren, wenn es darum geht, Schwerverletzte auf dem Weg zurück in ein „normales“ Leben zu begleiten. Ein Baustein dazu ist das Exoskelett – für viele die erste Möglichkeit, die eigene Umwelt wieder aus einer neuen Perspektive zu erleben.


Foto © R. Reichhart

Vor zwei Jahren im Dezember wurde erstmals am Weißen Hof ein Patient mithilfe des Exoskelettes therapiert. Mittlerweile haben knapp 50 Reha-Patienten mit dem Therapiegerät ihre persönlichen Rehabilitationsfortschritte erlebt. Exoskelette wurden entwickelt, um Patienten früher als bei der traditionellen Rehabilitation zu mobilisieren. Wie ein zweiter Anzug wird das Medizingerät dazu an den Körper des Patienten „montiert“ und dann können selbst Patienten mit Querschnittlähmung wieder erste Schritte gehen, vorausgesetzt sie sind be­lastungsstabil. Eine Gehhilfe in Form eines Rollators oder Krücken sind aber dennoch erforderlich. Limitiert ist das Therapiegerät lediglich durch die Größe und das Gewicht der Patienten: Sie müssen von ihren Abmessungen her in den „Anzug“ passen.

Fremdgesteuert und doch selbstbestimmt

Fast wie zwei Synchronschwimmer bewegen sich Marianne Worisch, Leiterin der Physiotherapie, und ihr Patient den Gang entlang: „Zum Einsatz kommt das Exoskelett überwiegend bei Patienten, die eine Restfunktion in den Beinen haben. Das Ziel ist dann, ein paar Schritte zu gehen oder auch mehrere Längen am Barren. Wie weit es gehen soll, wird jeweils individuell mit den Patienten besprochen.“ Hilfsmittel ist ein Motor für Knie und Hüfte, der über die an den Beinen angelegten Manschetten die Gehbewegung simuliert. Dabei übernimmt das Gerät nur jene Aufgaben, die der Patient selbst nicht übernehmen kann. So kann es darauf programmiert sein, das komplette Gewicht zu tragen oder nur ein Bein zu unterstützen – je nach Anforderungen und körperlicher Fitness. Rund eine Stunde täglich umfasst die Therapie, doch das schafft nicht jeder auf Anhieb: „Am Anfang ist das für den Kreislauf der Patienten sehr belastend, denn sie sind gewohnt, zu sitzen“, erklärt Worisch. Meist sind auch zwei Physiotherapeuten im Einsatz, wenn das Exoskelett angelegt wird, denn: „Der Patient kann oft nicht mithelfen.“ Ist der „Anzug“ an, beugt der Patient den Oberkörper nach vorne, das Gewicht wird auf die Füße verlagert und dann startet das Exoskelett seine Arbeit: „Es streckt den Körper in eine aufrechte Position und übernimmt die Gangbewegung“, erklärt die Physiotherapeutin. Genau genommen muss der Patient gar nichts dazu tun – außer sich auf das Gerät einlassen, denn das führt Bewegungen aus, die vielleicht nicht immer als angenehm empfunden werden. Unterschiedliche Modi lösen Schritte manuell aus, geben akustische Signale, sobald die Gewichtsverlagerung einen Schritt zulässt, oder lösen die erforderliche Unterstützung aus, sobald ein Bein gehoben wird. „Technikaffinen Patienten macht das Training mit dem Exoskelett auf Anhieb Spaß, aber es ist nicht so einfach, wie es aussieht und körperlich, aber auch mental sehr fordernd“, gibt Worisch Einblick und ergänzt: „Es braucht großes Vertrauen zwischen Mensch und Maschine.“

Nachgefragt bei ...

… OA Dr. Martin Schindl, Facharzt für physikalische Medizin und Rehabilitation

Bei welchen Patienten setzen Sie das Exoskelett ein? Bei Patienten mit Querschnittlähmungen und vereinzelt mit Schädel-Hirn-Trauma.

Welche Ziele werden verfolgt?
Das basale Ziel ist die Erfahrung einer senkrechten Körperhaltung. Von der funktionellen Seite her geht es um die Erlernung der motorischen Funktionalität. Wenn bei Patienten die Bewegungsmuster im Gehirn verloren gegangen oder gestört sind oder eine Weiterleitung eines Musters zum Rückenmark nicht vorhanden ist, wird über das Prinzip des motorischen Lernens unter adaptierten Voraussetzungen – eben mit dem Exoskelett – versucht, die Bewegung wieder anzubahnen. Einerseits hat das zum Ziel, die Muskeln zu kräftigen, andererseits auch die Bewegungsmuster nicht zu verlernen bzw.  dies zu reorganisieren.

Spielt der Zeitpunkt der Therapie eine Rolle? Es gibt gewisse Zeitfenster, die es zu nutzen gilt. Je länger eine Verletzung zurückliegt, umso schwieriger ist es, den Lern­erfolg zu erreichen. Wir lange das dauert, können wir nicht vorhersagen, aber wir wissen, dass das Nervensystem als Stimuli auf jeden Fall diese senkrechte Position und die rhythmische Bewegung der Beine benötigt, die von den Elektromotoren vorgegeben wird.

Was muss der Patient sonst noch für Voraussetzungen mitbringen? Interesse und Ausdauer sind auf jeden Fall gefragt.

Wo gibt es Grenzen? In der Akutphase ist oft die Stabilität des Kreislaufs ein limitierender Faktor. Bei Osteoporose, Gelenkssteifigkeit oder Schwangerschaft ist das Training mit dem Exoskelett auch nicht sinnvoll bzw. kontraindiziert.