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04.02.2019 17:43 Alter: 11 Tage
Kategorie: Jänner/Februar 2019

Neue Wege in der Arbeitsplatzanalyse

Die Gefährdungsbeurteilung am Arbeitsplatz unterliegt der ständigen Weiterentwicklung und generiert laufend neue Erkenntnisse. Das System Captiv Motion, das die AUVA seit Kurzem in ihrer Präventionsarbeit einsetzt, bietet die Möglichkeit, durch detaillierte Bewegungsanalyse auch im Bereich der manuellen Lastenhandhabung kurzfristig Arbeitsunfälle sowie langfristig Muskel- und Skeletterkrankungen zu vermeiden.


© N. Lechner

Ein hoher Anteil von arbeitsbedingten Rückenerkrankungen ist auf manuelle Lastenhandhabung oder damit verbundene Zwangshaltungen zurückzuführen. Dabei können neben Hebetätigkeiten auch beim Ziehen und Schieben von schweren Lasten oder bei statischer Arbeit, zum Beispiel an Maschinen, intensive Belastungen für das Muskel-Skelett-System auftreten. Die Video- und Bewegungsanalyse im Rahmen des Systems Captiv Motion soll dabei helfen, diese aufzuzeigen und Arbeitsprozesse zu verändern – einfach, unkompliziert und kabellos.

Drahtlose Übertragung

Als Verfahren zur Beurteilung der Gefährdung bei Belastungen des Muskel- und Skelettsystems standen bisher unterschiedliche Screeningmethoden wie zum Beispiel die Leitmerkmalmethode zur Verfügung, die zumeist auf Beobachtungen basieren. Captiv Motion ist demgegenüber ebenso wie das CUELA-Verfahren1 als Messverfahren für Experten zu sehen und spielt in der höchsten Liga der Bewegungs- und Belastungsanalyse (siehe Infokasten). Im Rahmen von Bewegungs- und Körperhaltungsanalysen werden Gelenkwinkel, Winkelgeschwindigkeiten und Beschleunigungen ausgewählter Segmente des Körpers ermittelt und Winkelwerte, die bei statischen Haltungen, bei manuellen Tätigkeiten oder auch bei aller Art von Lastenhandhabung auftreten, genau unter die Lupe genommen. Eine Vielzahl von Sensoren lässt zu, dass biomechanische und physiologische Parameter gleichzeitig gemessen werden. Die erfassten Werte werden drahtlos über Bluetooth an einen Datenlogger übertragen. Die kabellosen Sensoren in Größe einer Zündholzschachtel werden dabei lediglich mittels Manschetten über oder unter der Kleidung angebracht und stellen keine Einschränkung der Bewegungsfreiheit am Arbeitsplatz dar.

Langzeit- und Schwerpunktauswertung

Neben dem Erfassen der physiologischen Daten wird zeitsynchron eine Videoaufzeichnung erstellt, um die Daten im Anschluss synchronisieren zu können. Alle Bilder und Messwerte lassen sich beliebig einander zuordnen und synchron darstellen, sodass der Nutzer in Echtzeit beliebige Messpunkte oder Videosequenzen ansteuern und auswerten kann. Aus den bestehenden Video- und Messreihen sind die relevanten Daten zur Bearbeitung zu extrahieren.2 Die Intervalle bzw. Zeitpunkte der Datenauswertung sollten an den Punkten der größten zu erwartenden Belastung erfolgen. Neben einer Langzeitauswertung über einen vollständigen Bewegungszyklus bietet sich auch eine schwerpunktmäßige Auswertung an. Am Ende stehen mehrere Möglichkeiten zur Darstellung der benötigten Ergebnisse zur Verfügung (Grafiken, Tortendiagramme, Tabellen usw.), um für Vorträge, Schulungen oder Reports das passende Material zur Verfügung zu haben.

Vielfältige Möglichkeiten

Als Referenzwerte zur Analyse der Körperhaltungen werden die Winkel aus der ÖNORM EN 1005-4 „Menschliche Körperliche Leistung – Teil 4: Bewertung der Körperhaltung und Bewegungen bei der Arbeit an Maschinen“ herangezogen. Zur besseren Beurteilung weisen aber auch wissenschaftliche Quellen für die verschiedenen Bewegungsrichtungen der Extremitäten Grenzbereiche aus, an denen man sich bei den Auswertungen der speziell untersuchten Segmente orientieren kann (Quelle: ISO 11226: Ergonomie – Evaluierung von Körperhaltungen bei der Arbeit. Beuth, Berlin 2000). Neben den unterschiedlichen Gelenkwinkel- und Körperhaltungsbestimmun­gen können mit dem dazugehörigen Sensor durch Bestimmung der Arbeitsherzfrequenz aber auch Belastungen des Herz-Kreislauf-Systems abgeleitet werden.
Die Analysen können nicht nur dazu verwendet werden, geeignete Maßnahmen auf der technischen, organisatorischen und persönlichen Ebene abzuleiten und Belastungen am bestehenden Arbeitsplatz zu reduzieren, sondern sind auch zur Planung neuer Arbeitsplätze heranzuziehen.
Die AUVA in Gestalt des Autors bietet diese Analysen für Betriebe aller Sparten im Rahmen ihrer Präventionsarbeit an. Das System lässt zudem laufend mit Neuerungen aufhorchen, sodass in Kürze etwa die Daten eines „Eye-Tracking-Systems“ mit den übrigen Daten der Sensorik synchronisierbar sind.    (nl/ph)

Info & Kontakt:
Mag. Norbert Lechner, AUVA Hauptstelle – Unfallverhütung und Berufskrankheitenbekämpfung, Fachgruppe Ergonomie
Tel.: 059393/21710 Norbert.lechner(at)auva.at

CAPTIV Motion L7000 der französischen Firma TEAERGO ist ein hochmodernes und flexibles System für die Aufzeichnung und Analyse physiologischer Messwerte kombiniert mit einer Videoaufnahme. Inertialmesssensoren, wie sie von TEAERGO hergestellt werden, sind kabellos und werden auch als T-Sens-Sensoren bezeichnet.

Die Hardware besteht aus

  • Beschleunigungssensoren zur Messung von Gelenkwinkel, Winkelgeschwindigkeiten sowie -beschleunigungen
  • Herzfrequenzsensor
  • Sensorik für Oberflächen-EMG (Elektromyographie)
  • Drucksensoren mit Dehnmessstreifen
  • Kraftsensor zur Bestimmung der Newton beim Ziehen von Lasten
  • Sensor zur Erfassung der Haut – sowie Umgebungstemperatur Haut

Messwerte werden drahtlos über Bluetooth an einen Datalogger übertragen und anschließend in die Software eingespielt.

Info & Kontakt: www.teaergo.com

1 Das Institut für Arbeitsschutz der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (IFA) entwickelte das CUELA-Messverfahren. CUELA steht für Computer-Unterstützte Erfassung und Langzeit-Analyse von Belastungen des Muskel-Skelett-Systems und ermöglicht eine kontinuierliche Erfassung und Analyse physischer Belastungsfaktoren.
2 Mittels Live-Receiver kann die Bewegung sogar während der Tätigkeit mitverfolgt werden.