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04.03.2019 12:36 Alter: 16 Tage
Kategorie: März 2019

Schulalltag ohne Kompromisse

In Österreich leiden rund 190.000 Schüler an einer chronischen Krankheit. Sie selbst und ihre Eltern stehen damit oft vor enormen Herausforderungen, denn Bildungseinrichtungen haben immer noch viele Vorbehalte und Vorurteile.


© Imgorthand/iStock

Rheuma verbindet man mit alten Menschen, doch allein in Österreich ist auch rund eines von tausend Kindern betroffen ist. Bettina Strohmayer, Mutter einer rheumakranken 16‐jährigen Tochter, die in Wien ein Gymnasium besucht, weiß aus eigener Erfahrung um die Schwierigkeiten Bescheid, die dadurch im Schulalltag auftreten. „Die große Herausforderung ist die Kommunikation mit der Schule. Meine Tochter spricht ohnehin ungern über ihre Krankheit. Ich denke, das ist bei vielen Kindern so: Wenn sie Schmerzen haben, ziehen sie sich zurück, allerdings wird das dann oft als mangelndes Engagement im Unterricht missverstanden. Und wenn ein Kind sagt ‚Mir geht’s nicht gut‘, dann sollte das gerade in so einem Fall nicht weiter hinterfragt werden“, fordert Strohmayer.

Die Probleme beginnen schon bei der Schulanmeldung und reichen bis zu Schwierigkeiten, die Therapie in den Schulalltag einbauen zu können oder krankheitsbezogene Bedürfnisse durchzusetzen. „Wegen der Krankheitsschübe, die ja oft sehr rasch und unvorhergesehen eintreten, kommt es zu vielen Fehlstunden. Den versäumten Stoff muss ich dann mit meinen Kindern nacharbeiten, das ist nicht einfach“, erzählt auch Karina Trost, Mutter einer 11‐jährigen und einer 18‐jährigen Tochter, die beide von der chronisch entzündlichen Darmerkrankung Morbus Crohn betroffen sind. Gerade das Bewusstsein für jene chronischen Erkrankungen, die keinen sichtbaren Makel hinterlassen, fehlt oft völlig – nicht nur im schulischen Setting, auch später am Arbeitsplatz.

Neue Haftungsregelung für Pädagogen

Die Benachteiligung chronisch kranker Kinder und Jugendlicher war 2014 auch der Anlass, um eine parlamentarische Bürgerinitiative zu dem Thema zu starten, 2015 wurde eine Enquete dazu abgehalten. Die dabei geforderte Ausweitung der Amtshaftung wurde schließlich 2017 beschlossen. „Seither sind Pädagogen, die chronisch kranke Kinder im Unterricht unterstützen, rechtlich auf der sicheren Seite, die Republik übernimmt die Haftung“, erklärt Dr. Lilly Damm, Gesundheitswissenschaftlerin am Zentrum für Public Health der MedUni Wien und viele Jahre Bundesschulärztin. „Kinder mit chronischen Erkrankungen sind in den Schulen nach wie vor benachteiligt“, weiß Damm. Sie schlägt drei Maßnahmen vor, um Diskriminierungen chronisch kranker Schüler zu beseitigen:

  • Eine adäquate Erste‐Hilfe‐Ausbildung mit regelmäßigen Auffrischungen für alle Lehrer: Derzeit ist es in der Ausbildung der Pädagogen ausreichend, den Erste‐Hilfe‐Kurs der Führerscheinprüfung nachzuweisen. Doch an Schulen ist oft mehr erforderlich: Wissen über Handlungsbedarf bei Unterzuckerung oder einem epileptischen Anfall ist wesentlich.
  • Bewusstseinsbildung für chronische Erkrankungen in der Aus‐ und Weiterbildung von Pädagogen: Untersuchungen belegen, dass chronisch kranke Kinder bei gleicher kognitiver Begabung im Durchschnitt schlechtere Noten bekommen. Von manchen Lehrern wird den Kindern nicht einmal geglaubt, wenn sie beispielsweise von Schmerzen berichten. Das schade sowohl im Bildungs‐ als auch Krankheitsverlauf.
  • Assessments bei der Aufnahme chronisch kranker Kinder und Jugendlicher an Schulen: Für Eltern chronisch kranker Kinder gleicht die Schulsuche einer Herbergssuche. Manche Schulen lehnen chronisch kranke Kinder ab, weil sie befürchten, sie nicht adäquat betreuen zu können.

Plattform vernetzt Experten

„In Österreich gibt es zu wenig medizinisches Supportpersonal an den Schulen, weshalb hierzulande mehr von den Pädagogen abverlangt wird“, zeigt Paul Kimberger, Bundesvorsitzender der Gewerkschaft Pflichtschullehrerinnen und ‐lehrer, die Kehrseite auf. „Anfang der 1990er‐Jahre haben die Schulen die ersten Integrationsklassen eingeführt, jetzt stehen wir vor der Herausforderung der Inklusion. Allerdings ist dieser Weg noch lange nicht abgeschlossen und muss auch gesamtgesellschaftlich mitgetragen werden. Die Erfahrung zeigt, dass die Probleme chronisch kranker Kinder noch zu wenig ernst genommen werden“, so Kimberger. Unterstützung kommt von der Initiative „chronisch_konkret“, die 2016 von AbbVie und dem Haus der Barmherzigkeit ins Leben gerufen wurde. Die Plattform bietet Betroffenen, aber auch Experten aus Wissenschaft und Medizin sowie wichtigen Vertretern der Behörden und der Politik die Möglichkeit, die aktuellen und künftigen Herausforderungen von chronischen Erkrankungen zu diskutieren und nachhaltige Verbesserungen und Lösungen zu erarbeiten.