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03.12.2018 13:52 Alter: 7 Tage
Kategorie: Dezember 2018

Traumapatienten im Mittelpunkt

Die Forschungserfolge des Ludwig Boltzmann Instituts für Traumaforschung und das 20-jährige Firmenjubiläum der Trauma Care Consult GmbH (TCC) standen im Mittelpunkt eines hochkarätig besetzten Symposiums, das in Wien stattgefunden hat.


© ipopba/iStock

Moderne medizinische Versorgung reduziert die Unfallfolgen selbst bei schweren Verletzungen auf ein mögliches Minimum. Forschung zum Wohle von Unfallpatienten hat in Wien eine lange Tradition und gerade das Traumzentrum am Standort Lorenz Böhler gilt als Pionier in der wirtschaftlich erfolgreichen Unfallforschung. „Die enge Einbindung unseres Forschungszentrums in den Klinikbetrieb der AUVA ermöglicht wissenschaftliche Erkenntnisse, die zur Lösung ganz konkreter medizinischer Probleme beitragen“, erklärt Prof. Dr. Heinz Redl, Leiter des Ludwig Boltzmann Instituts für Experimentelle und Klinische Traumatologie am AUVA-Forschungszentrum. „Damit diese Erkenntnisse aber auch in den Regelbetrieb einer Klinik einfließen können, bedarf es umfangreicher Entwicklungsarbeit und komplexer Zulassungsprozesse.“ Diese Kompetenzen finden Redl und sein Team bei den Partnern aus der Wirtschaft. Die zahlreichen Kooperationen des Forschungszentrums können sich sehen lassen: sie reichen von der Blutstillung, der Regeneration von Weichteilen und Nerven sowie der Behandlung von Sepsis, bis hin zu zukunftsweisenden Methoden wie dem 3D-Druck von Organen, dem Einsatz von Stammzellen oder der Entwicklung von Zellmodellen im Mikrochip-Format.

Partnerschaft über viele Jahre

Die Trauma Care Consult (TCC) ist ein „Spin off“-Klein- und Mittelunternehmen, das 1998 gegründet wurde und über 20 Jahre Erfahrung in der Traumaforschung verfügt. Sie ist Partner des Ludwig Boltzmann Instituts für experimentelle und klinische Traumatologie sowie von verschiedenen akademischen Einrichtungen in nationalen und internationalen Projekten. Als Vertragsforschungsorganisation bietet sie maßgeschneiderte Forschung von In-vitro Tests bis hin zu präklinischen Studien – vom Labortisch bis hin zum Krankenbett. Darüber hinaus teilt die Trauma Care Consult ihr Wissen und ihre Erfahrungen durch klinische Beratung oder praktische Schulungen. Einer der Höhepunkte der Firmengeschichte war die Unterstützung der Entwicklung eines heute weltweit im Einsatz stehenden Applikators für Fibrin zum Zusammenfügen von Wunden. Basierend auf dieser Expertise und dank der engen Zusammenarbeit mit dem Forschungszentrum der AUVA, konnte TCC dann in späteren Jahren Fibrinkleber mit Beimengung von Wachstumsfaktoren erproben und so einen wichtigen Beitrag zur Regeneration von Knochen, Weichteilen und Wunden im Allgemeinen leisten. „Die Stärke der TCC ist ihr Netzwerk von Spezialisten, insbesondere an den AUVA-Kliniken. Hier finden wir Experten für Knochen und Wundheilung sowie für Nervenregeneration, Hernien und Bauchwand-OPs ebenso wie Unfallchirurgen und Orthopäden,“ sagt Dr. Paul Slezak, Co-Geschäftsführer der TCC. Durch die Kombination von wissenschaftlicher Exzellenz und enger Verbindung zu den Kliniken hat Trauma Care Consult eine einzigartige Perspektive auf die aktuellen klinischen Bedürfnisse. „Lösungen werden gefunden und zur Anwendung gebracht. Dazu sind wir immer auf der Suche nach Menschen, die unsere Vision teilen und uns dabei unterstützen, wissenschaftliche Entdeckungen zum Leben zu erwecken,“ fasst Slezak zusammen.

Störungen der Blutgerinnung rasch erkennen

Schwerverletzte haben meist viel Blut verloren und entwickeln im Laufe der Unfallheilbehandlung eine Blutgerinnungsstörung mit unterschiedlichen Ursachen. Etwa 25 Prozent aller Schwerverletzten zeigen schon bei der Aufnahme in den Schockraum Gerinnungsstörungen. Mit dem sogenannten ROTEM-Verfahren kann die Stärke des Blutverlustes und der Mangel an einzelnen Blutbestandteilen eingeschätzt werden. Die Einnahme von Gerinnungshemmern – den so genannten „Blutverdünner“ - oder lebensbedrohliche Zustände wie die Fibrinolyse werden so rasch erkannt und behandelt. Ein Mangel an Blutbestandteilen wird umgehend erkannt und in Verbindung mit anderen Warnzeichen aus dem Labor gebracht werden kann. Zu diesem Zweck werden bestimmte Messungen direkt neben dem Patienten durchgeführt, um die Behandlung umgehend anpassen zu können.

Vergessene Organe

Nach einer Verletzung von Nerven außerhalb des Gehirns und des Rückenmarks, erhält das Gehirn keine Signale mehr aus dem betroffenen Gebiet, wie zum Beispiel der Hand. Das Gebiet gerät sozusagen „in Vergessenheit“. Nach dem erneuten Einwachsen des Nervs, einige Monate nach der Verletzung in das Versorgungsgebiet, muss das Gehirn wieder lernen, die erneut ankommenden Signale zu verarbeiten. Dieser Prozess ist langwierig, mühsam und hat meist nur geringen Erfolg. Ziel eines neuen Rehabilitationsansatzes ist es, dem Gehirn des Patienten zu zeigen: „Pass auf, die Hand ist noch da!“. Dies geschieht über audiovisuelles Feedback: Berührung wird hör- und sichtbar gemacht. Das Wirken mehrerer Sinne veranlasst das Gehirn, das beschädigte Areal nicht zu vergessen. Mit Hilfe von speziell entwickelten Spielen wird die Motivation der Patienten während der Therapie erhöht. Die Rehabilitation von Verletzungen der peripheren Nerven in den oberen Extremitäten wird dadurch beschleunigt und wesentlich vereinfacht.

Recycling auf höchstem Niveau

Gewebe und Zellen menschlichen Ursprungs haben hohes regeneratives Potenzial, weil sie Signale abgeben, die der Körper wiedererkennt oder im Optimalfall genau das Gewebe verkörpern, das regeneriert werden soll. Allein in Europa werden jährlich tausende Tonnen an menschlichem Gewebe entsorgt, obwohl ein großer Teil davon aufbereitet und zurück an den Patienten gebracht werden könnte. Die Plazenta ist ein typisches Beispiel für derartiges Material. Auf ihr befindet sich meist noch Amnion, die innersten, der das Fruchtwasser umgebenden Eihäute. Es wird bereits seit Jahren im klinischen Alltag als Auflage für Brandwunden und chronische Wunden eingesetzt. Am AUVA-Forschungszentrum wird darüber hinaus die Wirksamkeit von Amnion als Gleitschicht bei schmerzhaften Verklebung der Nerven untersucht.  Die Plazenta selbst verfügt über eine ausgezeichnete Blutgefäßstruktur, die in der Zukunft als Implantat Verwendung finden kann.