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04.02.2019 16:19 Alter: 11 Tage
Kategorie: Jänner/Februar 2019

Was die Zukunft bringen wird

Gut vorbereitet in das neue Jahr zu gehen – dazu gehört im Business auch der Überblick über wesentliche Themen, die das betriebliche Umfeld prägen werden, selbst wenn manche dieser Überlegungen auf den ersten Blick für das eigene Unternehmen gar nicht so relevant erscheinen.


© francescoch/iStock

Mut braucht es wohl immer, wenn man sich Neuem stellen möchte. Ob privat oder beruflich, ungewisse Entwicklungen machen manchmal Angst, manchmal fordern sie uns heraus und wir müssen an Grenzen gehen, die wir bisher vielleicht noch nicht kannten. „Nur Mut!“, rät daher der Geschäftsführer des Zukunftsinstituts und Trendforscher Harry Gatterer, denn: „Die Zukunft ist noch nicht geschrieben, auch wenn es uns manchmal so vorkommt.“ Ob künstliche Intelligenz oder die Klimaerwärmung – all das sind Themen, die nur scheinbar „schon fix“ sind. Wer also seine eigene Vision für morgen und übermorgen schon heute definiert, der trägt ein gutes Stück dazu bei, diese Geschichte noch mitzuschreiben und zu gestalten. So wird aus der Unsicherheit und Angst ganz rasch eine Sehnsucht und Hoffnung. Wünschen wir uns hingegen „alles so, wie es war“, dann nicht etwa, weil es wirklich besser war, sondern es ist lediglich der Blick auf die sichere, schon bekannte Seite und verhindert, dass wir neue Ressourcen aktivieren und Potenziale entfalten.

Sei mutig!

„Visionen, also individuelle Vorstellungen von der Zukunft, kann man nicht erfinden, sondern nur finden. Fragen Sie sich, welche Potenziale, persönlich oder auch im Unternehmen, schon da sind und noch nicht gesehen werden oder probiert wurden“, rät Gatterer. Ein verlässlicher Zugang zu diesen Potenzialen sind Emotionen. „Sie sind treibende oder hinderliche Kräfte“, erklärt der Trendforscher. Gelingt es aus einer Beobachterebene, die eigenen Emotionen oder jene einer Organisation zu erkennen, identifiziert man somit die Triebwerke für die Zukunft. Dazu schlägt Gatterer vor, sich ein paar zentrale Fragen zu stellen, um diesen Emotionen auf die Spur zu kommen: „Was macht Hoffnung, was Angst? Was bringt Freude, was Leid? Wie wirkt Mitgefühl, wie Schadenfreude? Was macht stolz, und wofür entsteht Scham? Diese Bilder zu entwickeln ist nicht alltäglich und schon gar nicht trivial. Es ist eine Arbeit an der Zukunft und gegen den Zeitgeist. Es ist eine Beschäftigung mehr mit sich und der eigenen Organisation als mit der Welt da draußen“, weiß der Experte aus vielen Beratungen in Unternehmen.

Erzähl mir was!

Janine Seitz leitet die Report-Publikationen beim Zukunftsinstitut und hat sich inmitten der unpersönlichen Online-Welt auch auf die Suche nach diesen Emotionen begeben. Gefunden hat sie diese in einem Comeback des gesprochen Wortes: „Sprachassistenten sind ein Indiz dafür, dass wir auf eine neue Ära des Auditiven zusteuern. Wir sind längst von Bildern überreizt. Jetzt wollen wir wieder sprechen und zuhören“, meint die Trendforscherin. Ob Sprachassistenten wie Siri und Alexa, Podcasts oder Hörbücher – sie alle deuten darauf hin, dass das Geschichtenerzählen wieder im Trend liegt. „In den USA herrscht bereits ein regelrechter Audio-Boom. TV-Stars produzieren Podcasts, die verfilmt werden, Podcast-Macher bekommen TV-Shows, Interviews und Storytelling sind beliebte Medienformate“, weiß Seitz. Und es kommt wohl nicht von ungefähr, dass James Purnell, Leiter für Radio und Bildung bei der BBC, kürzlich eine Hitliste für britische Podcasts gefordert hat, analog zu den Musik-Charts. „Zuhören bedeutet, sich auf eine Geschichte einzulassen, Bilder im Kopf entstehen zu und Emotionen zuzulassen“, fasst Seitz die Entwicklung zusammen. Die Wirkung von Sprache ist zudem ein Bündel an Bausteinen, das viele Nuancen zulässt: Die Wortwahl, die Geschwindigkeit, die Lautstärke, die Tonlage – all das vermag unterschiedliche Bilder zu erzeugen und kann mehr als nur Fakten vermitteln.Auch in einer vernetzten Welt kann die Renaissance der Voice-Technologie neue Chancen eröffnen. So liegt zum Beispiel überall dort, wo Hände frei bleiben sollen, der Einsatz von Sprachsteuerung nahe und kann sogar Unfallrisiken reduzieren. „Voice Assistants bieten auch Potenziale für die Bedürfnisse einer alternden Gesellschaft. Schon heute greift mehr als ein Viertel der über 60-jährigen Internetnutzer auf Sprachassistenten zurück. Die Zukunft der Sprachtechnologie ist untrennbar mit der Entwicklung der Beziehung zwischen Mensch und Maschine verknüpft“, so Seitz.

Ruhe bitte!

Der berufliche und private Alltag ist von ständigen Störungen geprägt – Telefonklingeln, Pop-up-Nachrichten, Termin-Reminder und E-Mails fragmentieren unseren Arbeitstag in unendlich viele Einheiten. Eine neue Sehnsucht nach Stille ist eng verbunden mit dem Wunsch nach weniger Komplexität, Stress und Hektik. Schon 40 Prozent der Teenager fühlen sich durch die Nachrichten, die sie beständig auf dem Screen erreichen, gestresst (vgl. EMI Research Solutions 2018). Jeder dritte Schweizer wünscht sich gelegentlich eine Auszeit vom Online-Sein (vgl. xeit 2018). Gleichzeitig steigt aber die Anzahl der Menschen in Deutschland, die es wichtig finden, immer erreichbar zu sein, kontinuierlich (vgl. IfD Allensbach 2014-2018). Kein Wunder, dass Technologien und Prozesse, um Lärm zu reduzieren, ebenso boomen wie Kurse für Meditation und fernöstliche Entspannungstechniken, Urlaube in Klöstern oder Retreats. Neue Produkte wie Noise-Cancelling-Kopfhörer oder Silent Discos erobern die Märkte und sogar neue Berufsbilder wie „Urban Sound Designer“ entstehen.

Packen wir es an!

Das Prinzip der Gemeinsamkeit zieht sich durch viele Ebenen des Alltagslebens: Co-Working, Co-Mobility, Co-Creation, Co-Living. Eine vernetzte Gesellschaft baut sich gerade ihre eigenen Organisationsprinzipien, in der „Sharing“, also Tauschen und Teilen, ein wichtiges Leitmotiv ist. Mitfahrzentralen oder urbane Gemeinschaftsgärten sind nur einige Beispiele dafür.

Trendlexikon

Localnomics: Nach der Globalisierung stehen lokale Ökonomien wieder im Mittelpunkt
Premium Mediocre: Der Begriff beschreibt eine Marketingstrategie, die mittelmäßige Leistungen und Produkte als Premiumware verkauft.
Retrotopia: In retrotopischen Kulturen setzten sich Propheten des „Great Again“ durch: Wer in der Zukunft nur Probleme sieht, der verherrlicht lieber die Vergangenheit.
Slacktivismus: Wortkombination aus „Slacking“ (Herumhängen) und Aktivismus, die den Umstand beschreibt, dass wir uns vor dem Bildschirm moralisch aufregen, aber in der realen Welt nicht echt engagieren.

Zukunftsreport 2019. Das Jahrbuch für gesellschaftliche Trends und Business- Innovationen, herausgegeben von Matthias Horx, Zukunftsinstitut, 2018, www.zukunftsinstitut.de