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04.02.2019 15:58 Alter: 11 Tage
Kategorie: Jänner/Februar 2019

Was wir von Clowns lernen können

Entscheidungen treffen, Risiken bewerten, Ver­antwortung übernehmen. Im Joballtag ist immer wieder Selbstvertrauen gefragt.


Auch wenn die Rolle des Clowns auf den ersten Blick nicht attraktiv ist, so kann man sich von ihr viel für das eigene Selbstvertrauen abschauen. © lisafx/istock

Mangelt es der Überzeugung, dass aus eigener Kraft etwas bewegt werden kann, so nützt die beste Ratgeberliteratur oft nicht. Die „Best of“-Tipps-und-Tricks-Check­­­­­­­­­listen für mehr Selbstvertrauen klingen meist nur in der Theorie ganz einfach, geht es an die praktische Umsetzung, zeigt sich das angelesene Wissen als wenig hilfreich. Was es jetzt braucht, ist ein Perspektivenwechsel und der könnte wohl nicht besser funktionieren, als wenn man in die Rolle eines anderen schlüpft. Dazu braucht es gar nicht viel Schminke und Verkleidung, sondern nur ein wenig Fantasie: Stellen Sie sich jetzt vor, sie wären ein Clown. Gar nicht so einfach, denn so wirklich attraktiv ist die Rolle auf den ersten Blick schon gar nicht: Clowns werden ausgelacht, verspottet und sind die wahren Loser in der Manege unter Glitzer und Glamour. Warum sie es aber dennoch immer schaffen und was man sich von ihnen abschauen kann, zeigt die Praxis.

Mehr als nur eine rote Nase

Anstatt an Problemen zu scheitern, ist ein Clown immer in der Lage mutig weiterzumachen und nach neuen und oft ungewöhnlichen Lösungen zu suchen. Ab in die Maske, muss es also heißen, wenn wieder einmal nichts geht wie es soll und eine neue Orientierung gefragt ist. Mit einem „anderen Gesicht“ beziehungsweise hinter der großen roten Nase fällt es plötzlich ganz leicht, sich auf die Suche nach jenen Persönlichkeitsanteilen zu machen, die bisher verborgen waren. Übertreiben, untertreiben oder es bunt treiben – nichts davon ist falsch oder richtig. Und dann offenbart sich der Narr, der eine der größten menschlichen Ängste verloren hat: die Angst sich lächerlich zu machen. Durch das Annehmen der eigenen Schwäche und Verletzlichkeit befreit sich der Clown von inneren und äußeren Zwängen und handelt selbstbewusster als jede Führungskraft im dunklen Anzug und Krawatte. Denn wer sich nicht davor fürchtet, sich lächerlich zu machen, der kennt auch keine Angst vor dem Scheitern. Clowns verlieren immer und doch stehen sie immer wieder auf und probieren es aufs Neue. Deshalb sind sie wohl auch so beliebt, denn sie machen das, wofür wir uns schämen und genieren, aber doch insgeheim gerne machen würden.

Ein Stück Autobiografie

Einer der diesen Prozess genau kennt ist Dr. Christopher Straberger. Der Welser Rechtsanwalt hat in seiner Freizeit in einer Theatergruppe gespielt. „Das waren klassische und meist sehr ernste Stücke“, erinnert sich der Jurist. Über einen Freund kam er auf die Idee etwas gänzlich Neues zu probieren: Er ließ sich als Profi-Clown ausbilden. „Ich habe mir anfangs keine Gedanken gemacht, was ich damit für ein Ziel verfolgen möchte. Ich habe gespürt, dass ich das machen will und so habe ich es auch umgesetzt.“ Ein großes Stück Selbsterfahrung später stand „Crito“ – so sein Künstlername – erstmals auf der Bühne: als Clown und ganz alleine. „Als Clown schlüpft man nicht einfach in eine Rolle, lernt Texte und versucht das gut rüber zu bringen. Man gibt immer etwas von sich selbst preis, jede Show ist ein Stück Autobiografie“, erinnert sich Crito. Dass sein Brotberuf als Rechtsanwalt und sein zweites Standbein als Clown wohl unterschiedlicher nicht sein könnten, stört nicht: „Die beiden können viel voneinander lernen“, lacht Straberger und beschreibt: „Die wichtigste Lektion ist, dass auch jemand, der im Leben vielleicht keine so guten Karten gezogen hat, ein sehr wertvoller Mensch ist und die gleichen Sorgen, Ängste und Freuden hat wie der im Nadelstreif. Ich habe auch gelernt, nicht immer alles so ernst zu nehmen und mich über viele kleine Dinge im Leben zu freien. Ein Clown kann sein Leben genießen, ohne teure Kleidung, teures Auto oder materielle Dinge. Einfach freuen und lachen wie es Kinder tun, das war eine wichtige Lektion.“ An sich selbst zu glauben und Selbstvertrauen zu entwickeln war für Crito ein zentrales Element auf seinem Weg. „Als Anwalt muss ich immer professionell agieren, was nicht heißt, dass ich Spaß an der Sache haben darf. Ich bin beruflich oft mit Konflikten konfrontiert und habe als Clown gelernt, dass auch einmal etwas misslingen darf, aber dass es kein Grund ist, aufzugeben“, erzählt Straberger. Clowns lösen die Konflikte spielerisch mit viel Leichtigkeit, ohne persönlich an diesem Scheitern zugrunde zu gehen.

Zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Ein wenig Clown steckt wohl in jedem von uns, denn wir alle tragen den Konflikt in uns, zu sein wie wir sind und gleichzeitig so, wie es andere – der Chef, die Eltern, der Partner, die Kinder – von uns erwarten. Unzählige Konflikte erleben wir ständig – allein Fragen wie: Soll ich Schokolade oder Gemüse essen? Soll ich besser vor dem Fernseher sitzen oder ins Fitnesscenter gehen? Soll ich die Arbeit noch fertig machen oder sie bis morgen liegen lassen? Soll ich mein Angebot abschicken oder noch mal drüber lesen? Der Clown hat es hier leicht: Er steht genau in der Mitte, blickt in eine Richtung, geht aber in die andere und stellt damit alles auf den Kopf. Damit gelingt es ihm ganz deutlich auf diese Widersprüche und Konflikte hinzuweisen.
Kein Wunder, dass manche Menschen sogar richtig Angst vor Clowns haben – die so genannte „Coulrophobie“. In vergangen Jahrhunderten waren Clowns meist soziale Randfiguren, Zuwanderer, Landstreicher. Nicht besser gemacht hat es der Umstand, dass weltweit bekannte Verbrechen mit Clownmasken verübt wurden und auch Horrorfilme wie „ES“ dieses Bild übernommen haben. Der Begriff geht schon fast als Schimpfwort durch, wie zum Beispiel die Wortkombination des „Politclown“.

Starten Sie los!

Doch nun genug der negativen Assoziationen – die Frage muss viel eher lauten: Was können wir vom Clown lernen, um unser Selbstvertrauen auf Vordermann zu bringen und in unserer Leistungsgesellschaft zu überzeugen, ohne immer der Erste, der Schnellste oder der Beste zu sein – sondern einfach der mit der roten Nase?

Die besten Tipps, mit denen Sie sofort beginnen können!

  • Verschaffen Sie sich Luft. Wie das geht – ganz einfach, atmen Sie! Unser Körper macht es den ganzen Tag von selbst: das Ein- und Ausatmen. Und dennoch haben wir oft das Gefühl, dass uns buchstäblich die Luft ausgeht. Die „Schnelllebigkeit“ und das „Zuviel“ münden dann in einer Form der Kurzatmigkeit, das heißt, der Raum zum Atmen wird rasch zu eng und damit auch unser Handlungsspielraum. Denn die Atmung bringt Sauerstoff in den ganzen Körper, bleibt uns „die Luft weg“, so hat das unmittelbare Auswirkungen auf die Muskultur, die Haltung und Ihr Wohlbefinden. Der erst Schritt ist daher, sich in Achtsamkeit zu üben, also in der Gegenwart präsent zu sein und aufmerksam sein, für das, was im Körper – also zum Beispiel beim Atmen – passiert. TIPP: Ob im Meeting, am Schreibtisch, im Auto, im Lift oder auf der Toilette – beobachten Sie Ihren Atem, zählen Sie langsam bis zehn, jede Zahl ist ein Ein- oder Ausatmen. Hier gibt es kein „richtig“ oder „falsch“ – in dem Moment, wo Sie Ihr Atmen beobachten, sind Sie automatisch aufmerksam und achtsam.
  • Bleiben Sie mit der Aufmerksamkeit bei sich. Hören Sie auf sich ständig zu fragen, was die anderen von ihnen halten. Das erzeugt einen unnötigen Druck „so sein zu müssen, wie …“Fokussieren Sie den Blick auf sich selbst und stellen Sie sich in den Mittelpunkt des Interesses. Unser größter Gegner ist immer der Zweifel, die schlechte Bewertung durch andere Menschen. Legen Sie den Fokus nicht auf die Bewertung, sondern auf den Menschen – wie er ist, was er macht, wie er aussieht …
    Nehmen Sie ein Handtuch und tun Sie so, als ob Sie sich abtrocknen würden. Sagen Sie nach jeder Bewegungssequenz – Handtuch nehmen, Handtuch umhängen … – laut STOPP. So werden Sie langsamer und fokussierter.
    Tipp 2: Wenn Sie das nächste Mal jemandem die Hand geben, fokussieren Sie sich auf einen Körperteil, etwa den Kopf, den Bauch, die Brust – wie verändert sich Ihr Händedruck, wenn mehr dahinter steckt als nur eine Hand?
  • Lassen Sie sich nicht hetzen! Was machen Clowns, wenn sie was Neues entdecken? Sei nähern sich auf umständliche Art und Weise, kommen nahe, gehen weg, lassen sich Zeit zu entdecken – aber sie wollen Kontakt und bekommen immer wieder Feedback. Es ist wie ein Spiel und läuft ganz ohne Druck. Versuchen Sie diesen Druck auch aus Gesprächen zu nehmen, Fragen zu stellen, Antworten abzuwarten, Kontakt aufzubauen. Machen Sie aus dem Gespräch ein Spiel!
  • Lernen Sie zu staunen! Ein lautes „Ahhh“ drückt so einfach aus, wenn wir einem Thema oder Gegenstand Wertschätzung entgegenbringen. In dem Augenblick sind sie aktiv, lassen sich inspirieren und sind weg von dem Druck alles wissen zu müssen. Denn: Staunen erlaubt neugierig zu sein und zu fragen.
  • Werden Sie Komplize! Wie gehen Sie auf Gesprächspartner zu – als Feind, als Freund, als Zwilling? Das beste Beziehungsangebot, das der Clown dem Publikum macht, ist der Komplize, denn sein Versprechen lautet: „Wir gehören zusammen.“ Die Basis ist Vertrauen und gegenseitige Inspiration.

Nachgefragt bei ...

… Alexander Schneller, Zirkusdirektor Circus Pikard

Fällt es Ihnen als Zirkusdirekter schwerer mit Clowns zu arbeiten als mit anderen Artisten bzw. Mitarbeiten?
Vielleicht nicht schwer, aber auf jeden Fall anders. Artisten haben meist eine oder zwei Nummern und sind mit ihrem Auftritt in der Manege zufrieden. Nicht so der Clown! Er möchte dem Programm seine Note verleihen, er möchte durch das Programm führen und dem Spiel einen roten Faden geben und eine persönliche Note verleihen. Er fühlt sich geehrt, wenn er eine Bühne bekommt und mit dem Publikum interagieren kann.

Clowns machen oft genau das Gegenteil von dem, was man erwartet – sind sie auch im realen Leben so? Ist das schwierig für Sie als Chef?

Richtige gute Clowns sind sehr sensibel und rasch beleidigt. Das würde man kaum glauben, wenn man sie auf der Bühne so sieht. Sie setzen sich die rote Nase auf und sind tatsächlich wie ausgewechselt. Oft sind sie innerlich auch sehr zerrissen, weil man fast erwartet, dass sie einfach gut drauf sein müssen. Meine Schwester ist mit einem Clown verheiratet und kennt diese Situation sehr genau. Artisten sind da viel einfacher, sie brauchen Licht, ihre Bühne und sind dann für sich. Clowns sind vielschichtige Persönlichkeiten.

Gibt es etwas, was Sie von einem Clown für Ihre Arbeit als Zirkusdirektor schon gelernt haben oder etwa was Sie noch lernen möchten?

Da gibt es sehr viel! Vor allem das gute Timing. Ein Gag klappt nur dann, wenn das Timing passt. Ist eine Geste oder eine Mimik um drei Sekunden zu früh oder zu spät, ist meist die Pointe weg. Das Zweite, was ich gerne lernen möchte, ist die Spontaneität. Clowns arbeiten ja sehr viel mit dem Publikum. Da weiß man nie, was kommt und wie die Personen reagieren. Und dann sofort etwas umzusetzen, ohne Vorbereitung, ist schon sehr bewundernswert.
Und das Dritte, was ich sehr gerne lernen möchte: Ich hätte gerne die Gabe, Menschen so zum Lachen zu bringen, wie es ein Clown kann.

Die meisten Firmen in Österreich haben eine ausgeprägte Fehlerkultur – gesucht wird nach dem, der Schuld hat oder was falsch gemacht hat – wie halten Sie das in Ihrem Team?

Grundsätzlich sind wir eine große Zirkusfamilie. Die meisten von uns sind tatsächlich auch verwandt. Unser Team besteht aus etwa 16 Mitarbeitern, das ist überschaubar. Was uns auszeichnet, ist auf jeden Fall eine hohe Toleranzschwelle, denn wir leben und arbeiten auf sehr engem Raum zusammen, bei vielen Nummern ist das Risiko immer präsent. Wir schauen aufeinander.
Clowns sind die Personen im Team, die immer als Erste ansprechen, wenn etwas nicht passt oder sie etwas stört. Sie brauchen in der Tat viel Aufmerksamkeit im Team und fühlen sich rasch ungeliebt. Da ist meine Rolle als Chef oder Teamleader gefragt. Ich muss großen Wert auf Kommunikation im Team legen. Nachfragen, hinterfragen, diskutieren – das gehört auch zur Aufgabe des Zirkusdirektors.