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Arbeitsfähigkeit nach Unfällen

Ob der Wiedereinstieg in den früheren Beruf möglich ist, wird in den Rehabilitationszentren der AUVA mithilfe des EFL-Tests festgestellt.

Kann ich wieder an meinen Arbeitsplatz zurückkehren? Diese Frage stellen sich viele Betroffene nach einem Arbeitsunfall. Eine detaillierte Antwort findet durch die Evaluation der funktionellen Leistungsfähigkeit (EFL), die im AUVA-Rehabilitationszentrum Weißer Hof in Klosterneuburg angewendet wird. Anhand des EFL-Tests ermittelt man, ob ein Wiedereinstieg möglich ist, der:die Patient:in Hilfsmittel benötigt oder zumindest anfangs die Stundenanzahl reduziert werden sollte. Diese Feststellung der individuellen Leistungsfähigkeit ist für eine erfolgreiche Wiedereingliederung am Arbeitsplatz unerlässlich und trägt auch zur Prävention von arbeitsbedingten Muskel-Skelett-Erkrankungen als mögliche Folgeerscheinung von Arbeitsunfällen bei.
Am Weißen Hof werden auch in Pandemiezeiten pro Jahr rund 800 Patienten:Patientinnen rehabilitiert und 150 bis 180 EFL-Tests durchgeführt. „Die Voraussetzung für die Durchführung einer EFL-Testung ist eine medizinisch und unfallchirurgisch stabile körperliche Verfassung“, so Oberarzt Dr. Martin Schindl, Facharzt für physikalische Medizin und allgemeine Rehabilitation.

EFL-Test

Bei Patient:innen mit fraglichem beruflichen Wiedereinstieg wird bei einem ärztlichen Vorgespräch geklärt, welche Tätigkeiten der:die Patient:in im Beruf ausüben muss, anschließend erhält er:sie Informationen über die EFL-Testung. Diese findet an zwei aufeinanderfolgenden Tagen jeweils am Vormittag statt und dauert jeweils vier Stunden.

Die Standard-EFL-Testung beinhaltet 29 verschiedene Funktionen: Hebe- und Tragetests, Aktivitäten der Fortbewegung, Arbeiten in statischen Körperpositionen, Testung der Handkraft und der Handgeschicklichkeit sowie des Gleichgewichts. Bei Bedarf kommen auf den Beruf abgestimmte arbeitsspezifische Tests dazu. „In den Standardtests ist Arbeiten auf einer schiefen Ebene nicht enthalten, aber Spengler:innen, Dachdecker:innen und Gärtner:innen müssen das können. Daher gehen wir mit ihnen zum Testen auf eine schiefe Ebene“, erklärt Christian Tesak, Leiter der Ergotherapie und verantwortlicher EFL-Therapeut des RZ Weißer Hof.

Die Festlegung der zumutbaren funktionellen Belastbarkeit erfolgt durch Beurteilung des sicheren Maximums der Bewegungsabläufe anhand klar definierter Beobachtungskriterien. Diese umfassen die Muskelre-krutierung, die Flüssigkeit des Bewegungsablaufs, die Standbreite und die Körperhaltung während der Aktivität sowie vegetative Zeichen, die mit der Anstrengung korrelieren, wie Atem- und Herzfrequenz. Bei den Hebe- und Tragetests wird das maximale sicher und ergonomisch zu hantierende Gewicht bestimmt.

Dass viele Patienten:Patientinnen nach einem Unfall verunsichert sind, was sie ihrem Körper zumuten können, zeigt auch die vor dem Test abgefragte Selbsteinschätzung. „Rund zehn Prozent überschätzen ihre Fähigkeiten, etwa ein Drittel schätzt die eigenen Fähigkeiten realistisch ein, der Rest unterschätzt sich“, so Schindl. Nach dem EFL-Test werden die Patienten:Patientinnen erneut um eine Selbsteinschätzung gebeten, die nun wesentlich realistischer ausfällt. Wichtig ist die Selbsteinschätzung, weil sie einen großen Einfluss darauf hat, ob jemand wieder imstande ist, ins Berufsleben zurückzukehren.

R:A:T-Programm

Patienten:Patientinnen mit besonderen psychosozialen und beruflichen Problemen können in das Rehabilitative Arbeitsorientierte Training (R:A:T) aufgenommen werden. Die Betroffenen weisen oft eine überdurchschnittlich lange Krankenstandsdauer auf, sind hohen beruflichen Belastungen ausgesetzt oder haben ihren Arbeitsplatz verloren. Häufig kommen auch psychische Problemlagen dazu. Die Dauer des R:A:T-Programms beträgt fünf Wochen, am Beginn wird ein verkürzter EFL-Basistest, am Ende eine vollständige EFL-Testung durchgeführt.
Anschließend an den EFL-Basistest am Anfang der Therapie wird der:die Patient:in gebeten, drei bis vier funktionelle Ziele für die Dauer des R:A:T-Programms zu benennen, die er:sie durch die Rehabilitation am Weißen Hof erreichen möchte. Dabei achten Ärzte:Ärztinnen und Therapeuten:Therapeutinnen darauf, dass der:die Patient:in nicht mit unerfüllbaren Erwartungen an die Therapie herangeht. „Manchmal werden unrealistische Ziele formuliert, etwa absolute Schmerzfreiheit. Wir erklären dann, dass der Schmerz nicht in fünf Wochen verschwinden kann“, nennt Schindl eine häufige Fehleinschätzung.

Beim R:A:T-Training werden dem:der Patienten:Patientin einfache Strategien vermittelt, wie er:sie die Schmerzen selbst lindern kann. Um Muskelverspannungen zu lösen, eignen sich z. B. Wärmepackungen. Auch das Anlegen eines TENS-Geräts, dessen elektrische Impulse gegen Nerven-, Muskel- und Gelenkschmerzen helfen, lässt sich leicht erlernen. Zusätzlich wird der:die Betroffene psychologisch und verhaltenstherapeutisch begleitet.

Das R:A:T-Training beinhaltet neben herkömmlichen Übungen, etwa an Krafttrainingsgeräten, als zentrales Element das Arbeitssimulationstraining. Der:die Patient:in muss auch komplexe Bewegungen durchführen, die er:sie im Beruf braucht. Schindl erläutert das am Beispiel eines Landschaftsgärtners: „Der Gärtner simuliert das Einsetzen von Pflanzensetzlingen in der Hocke, mit Rotation und Neigung des Oberkörpers und einem dem Setzling entsprechenden Gewicht. Dann muss er aufstehen, ein paar Schritte gehen und den Vorgang wiederholen.“

Hilfsmittel

Manchmal ist es sinnvoll, den:die Patienten:Patientin durch medizinische oder technische Hilfsmittel zu unterstützen. Im Reha-Zentrum Weißer Hof stehen sowohl einfache Hilfsmittel wie Gelenkmanschetten zur Stabilisierung verletzter Gelenke zur Verfügung als auch typische Hilfsmittel zur Bewältigung von schweren Lasten, etwa ein Hubwagen. Bewährt sich ein getestetes Hilfsmittel, wird die Anschaffung am Arbeitsplatz im abschließenden EFL-Bericht empfohlen.

Häufig beginnen Patienten:Patien­t­­­­­innen, die an ihren Arbeitsplatz zurückkehren, mit einer geringeren Stundenzahl, die mit der Verbesserung der Leistungsfähigkeit gesteigert wird. Die auf Basis des EFL-Tests formulierte Empfehlung kann auch lauten, dass bestimmte ­Tätigkeiten nur wenige Stunden am Tag ausgeführt werden sollten. Lässt sich ein Arbeitsplatzwechsel nicht ­vermeiden oder ist das Dienstverhältnis bereits gelöst, weiß man durch den EFL-Test, welche anderen Berufe sich für den:die Betroffenen:Betroffene ­eignen. (rp)

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© Martin Lusser