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Arbeitsmediziner sind „Health Manager“

Durch ihre vielfältigen Funktionen trägt die Arbeitsmedizin wesentlich zur Gesundheit der Bevölkerung bei. Der Nutzen der betrieblichen Gesundheitsvorsorge ist unumstritten und wird von allen Playern in Politik und Wirtschaft ­geschätzt. Doch es fehlt an Nachwuchs.

Konkret hat Österreich derzeit 500 Arbeitsmediziner zu wenig und das, obwohl Belege für den Wert der arbeitsmedizinischen Versorgung vorhanden sind: „In der Praxis gilt es, auf unterschiedliche Situationen und Bedürfnisse in den Betrieben zu reagieren. Mental Health rückte in Zeiten der Pandemie in den Vordergrund, so litten etwa die einen unter der Doppelbelastung Homeoffice und Homeschooling, die anderen unter Isolation“, fasst Dr. Susanne ­Schunder-Tatzber, Head of Corporate Health Management bei der OMV AG und Vizepräsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Arbeitsmedizin (ÖGA), zusammen. In einem internationalen Konzern ist die Installation einer komplexen arbeitsmedizinischen Struktur sinnvoll, doch auch in kleineren Betrieben sollte die Arbeitsmedizin als „Health Management“ verstanden werden. „Sie ist das Bindeglied zwischen Betrieb und Mitarbeitern“, sagt Schunder-Tatzber.

Vorsorge rechnet sich

„Die Gesundheit der Beschäftigten ist von wirtschaftlicher Relevanz für jedes Unternehmen“, analysiert Dr. Roswitha Hosemann, Fachärztin für Arbeitsmedizin in der Allgemeinen Unfallversicherungsanstalt AUVA und Vorsitzende des Wissenschaftlichen Beirates der ÖGA. Bei den Arbeitsunfällen zeigt sich in den letzten zehn Jahren ein erfreulicher Trend nach unten. Investitionen in die Gesundheit der Mitarbeiter kommen auch den Betrieben zugute. Dies schlägt sich nicht zuletzt durch mehr Motivation und geringere Fehlzeiten nieder. Studien belegen einen Mindestnutzen von eins zu fünf pro Euro, der für die Gesundheitsförderung eingesetzt wird. „Gesundheitsschutz und betriebliche Gesundheitsförderung entlasten zusätzlich das Gesundheitssystem“, so Hosemann. Arbeitswelten ändern sich rasant, mit neuen Gefährdungen und Belastungen, wie etwa durch die Digitalisierung oder mobiles Arbeiten. „Das erfordert rasch Maßnahmen, um möglichen gesundheitsschädlichen Auswirkungen nachhaltig entgegensteuern zu können. Nach wie vor gibt es in der Arbeitsmedizin Potenziale zu aktivieren“, ergänzt die Medizinerin.

Image verbesserungswürdig

In der Arbeitsmedizin gibt es aktuell zu wenig Nachwuchs bei gleichzeitigem Wachsen der Wirtschaft. Ihre Sichtbarkeit lässt zu wünschen übrig, obwohl sie als Ankerpunkt noch vor der kurativen Grundversorgung wirkt. „Viele Menschen gehen erst zum Arzt, wenn sie ein Problem haben. Prävention kann dem vorbeugen. Die Arbeitsmedizin erreicht hier auch diejenigen, die sich sonst zu wenig um ihre Gesundheit kümmern“, stellte Dr. Artur Wechselberger, Präsident der Ärztekammer für Tirol und Leiter des Referats Arbeitsmedizin der Österreichischen Ärztekammer, fest. „Solche Qualitäten und deren gesamtgesellschaftliche Wirkung müssen ins Blickfeld gerückt werden“, ergänzte Wechselberger.

Ausbildung und Forschung als Schlüssel

Oft wechseln Mediziner aus pragmatischen Gründen in die Vorsorge und erkennen erst dann, wie vielfältig dieser Bereich ist. „In der Ausbildung haben sie dazu wenig Möglichkeiten, die Arbeitsmedizin ist in Österreich – außer in Wien – kein großes Thema im Studium. Das muss sich dringend ändern. Bereits die jungen Studierenden müssen die Prävention in ihrer Bedeutung erkennen können“, fordert Ao.Univ.-Prof. Dr. Richard ­Crevenna, MMSc. MBA, von der Medizinischen Universität Wien. Er leitet die Universitätsklinik für Physikalische Medizin, Rehabilitation und Arbeitsmedizin, an der die Prävention namhaft vertreten ist.
Aus deutscher Perspektive zeichnet Prof. Dr.  Thomas Kraus ein anderes Bild zu arbeitsmedizinischer Lehre und Forschung: „An unserer Hochschule haben wir derzeit 40 wissenschaftliche Mitarbeiter in interdisziplinären Teams und unterschiedlichen Spezialgebieten“, schildert der Leiter des Institutes für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin an der Uniklinik RWTH Aachen. Die Forschung wird weitgehend durch die Einwerbung von Drittmitteln ermöglicht, vor allem aus Berufsgenossenschaften und der Industrie. Die Ergebnisse nutzen dem Arbeitnehmerschutz wie der Volkswirtschaft. „In der studentischen Ausbildung ist es wichtig, die Schnittstellen zwischen kurativer und präventiver Medizin entlang des gesamten Studiums aufzuzeigen“, so Kraus, nur dadurch könne das Verständnis für die Notwendigkeit der Vorsorge geschaffen werden.

Berufsbild Arbeitsmediziner

DDr. Karl Hochgatterer, MSc, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Arbeitsmedizin und der Österreichischen Akademie für Arbeitsmedizin und Prävention, ruft die Definition des Berufsbilds der Arbeitsmediziner in Erinnerung: „Die arbeitsmedizinische Tätigkeit findet immer im Setting ‚Unternehmen‘ statt. Im Zentrum steht der Arbeitnehmerschutz durch präventivmedizinische Aufgaben. Dazu kommt das Management der beruflichen Wiedereingliederung.“ Damit unterstützen die Arbeitsmediziner die Arbeitgeber bei der Erfüllung ihrer gesetzlichen Pflichten: beim Gesundheitsschutz, bei der auf die Arbeitsbedingungen bezogene Gesundheitsförderung und bei der menschengerechten Arbeitsgestaltung. „Dies gilt es nicht nur zu erhalten, sondern auch zu fördern. Der aktuelle Mangel dünnt das System aus und führt zu einer Überlastung der aktiven Arbeitsmediziner“, so Hochgatterer abschließend. 

Foto: von links nach rechts: Richard Crevenna, Artur Wechselberger, Susanne Schunder-Tatzber, Imma Baumgartner, Thomas Kraus, Karl Hochgatterer, Roswitha Hosemann
V.  l.  n.  r.: Richard Crevenna, Artur Wechselberger, Susanne Schunder-Tatzber, Imma Baumgartner, Thomas Kraus, Karl Hochgatterer, Roswitha Hosemann