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Assistenz­systeme für mehr Sicherheit

Durch Fahrer:innenassistenzsysteme lassen sich Unfälle verhindern. Was diese Systeme leisten können, war kürzlich Thema einer AUVA-Veranstaltung.

Schon heute sind zahlreiche Fahrzeuge mit Fahrer:innenassistenzsystemen ausgestattet, die die Verkehrssicherheit erhöhen. Eine Reihe dieser Systeme ist seit Juli 2022 für neu typisierte Kraftfahrzeuge, ab Juli 2024 für alle neu zugelassenen Kfz verpflichtend. Informationen über Möglichkeiten, Grenzen und praktische Erfahrungen mit Assistenzsystemen gab es bei der AUVA-Veranstaltung „Wie Assistenzsysteme das Fahren sicherer machen“ im Rahmen des AUVA-Präventionsschwerpunkts „Komm gut an!“

Die Zahl der verkehrsbedingten Arbeitsunfälle mit schwer oder tödlich Verletzten ist nach wie vor hoch. Mag. Jan Patzourek, Generaldirektor-Stellvertreter der AUVA, ist überzeugt, dass assistiertes Fahren zu einer deutlichen Verbesserung der Situation beitragen kann: „Die Chancen sind enorm, durch Fahrer:innenassistenzsysteme ein höheres Maß an Sicherheit zu erzeugen, aber man muss den richtigen Umgang damit lernen.“

Ungebremst auf die Gegenfahrbahn

Lässt sich ein Unfall trotz des Einsatzes von Assistenzsystemen nicht vermeiden, ist zumindest das Risiko für schwere Verletzungen geringer. Peter Schwaighofer, BSc, Verkehrssicherheitsexperte in der Abteilung Unfallverhütung und Berufskrankheitenbekämpfung der AUVA-Hauptstelle, nannte als Beispiel die früher häufigen Unfälle von Lkw durch das Abkommen von der Fahrbahn: „Der Lkw ist ungebremst auf die Gegenfahrbahn gekommen. Durch Abstandsregeltempomat und Spurhalteassistenten kann man so einen Unfall zwar oft nicht verhindern, aber die Geschwindigkeit reduzieren und das Fahrzeug im Fahrstreifen halten.“

Verlassen darf man sich allerdings nicht darauf, dass Fahrer:innenassistenzsysteme menschliche Fehlleistungen immer ausgleichen. Bei ­Witterungsverhältnissen wie Nebel, starkem ­Regen oder Schneefall, aber auch auf schmalen Bergstraßen und Fahrbahnabschnitten mit mehreren Bodenmarkierungen stoßen viele Systeme an ihre Grenzen. Fehlbedienung durch den:die Lenker:in erhöht ebenfalls das Risiko, einen Unfall zu verursachen.

Unfallforschung zeigt Potenziale auf

Wie groß das Potenzial von Fahrer:innenassistenzsystemen zur Verhinderung von Verkehrsunfällen ist, hat Dr.-Ing. Matthias Kühn, Leiter des Bereichs Fahrzeugsicherheit in der Unfallforschung der Versicherer (UDV) vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e. V. (GDV), anhand von Unfalldaten erhoben. Für Pkw liegt das Sicherheitspotenzial zwischen zwei Prozent für den Totwinkelwarner und knapp 45 Prozent für den Notbremsassistenten mit Fußgänger:innen- und Radfahrer:innenerkennung. Auch bei Lkw und Bussen ergibt sich der höchste Nutzen mit zwölf bzw. 15 Prozent für den Notbremsassistenten.

DI Dr. Ernst Tomasch vom Institut für Fahrzeugsicherheit der TU Graz referierte über den Versuch mit einem Assistenzsystem, das Lkw- bzw. Busfahrer:innen warnt, wenn Radfahrer:innen oder Fußgänger:innen gefährdet sind. Im Versuchszeitraum hatte keines der Fahrzeuge einen Unfall. Anschließend wurde der Effekt des Warnsystems anhand einer Computersimulation mit realen Unfalldaten analysiert. 15 bis 24 Prozent der Unfälle hätten sich vermeiden lassen; die größte Wirkung gab es bei Unfällen mit von links kommenden Fußgängern:Fußgängerinnen.

Technische Systeme für die Praxis

Damit ein System Lenker:innen bei ihren Fahraufgaben unterstützen kann, benötigt es die entsprechenden Daten, die von Sensoren geliefert werden. DI Hans Pflügl von der niederösterreichischen Firma EYYES GmbH, die Hard- und Software für Safe-Artificial-Intelligence-Anwendungen entwickelt, bot einen Überblick über die derzeit verwendeten Sensortypen. Man unterscheidet zwischen akustischen Systemen mit ­Ultraschall, elektromagnetischen mit Radar sowie optischen mit Mono- bzw. Stereokameras, Infrarotkameras und Kameras, die mit Laserlicht arbeiten.

Welche Assistenzsysteme mit welchen Sensortypen für Lkw zu empfehlen sind, hängt vor allem davon ab, wofür ein Fahrzeug eingesetzt wird. Für alle Lkw empfahl Hans Heßner, Fachreferent für Straßengüterverkehr bei der deutschen Berufsgenossenschaft Verkehr, die automatische Feststellbremse. Diese wird ab September 2024 für neue Lkw-Typen und ab September 2026 für Neufahrzeuge verpflichtend: „Unfälle durch wegrollende Fahrzeuge sind nicht sehr häufig, aber schwer. Rund ein Drittel der Unfälle mit wegrollenden Fahrzeugen endet tödlich.“

Ing. Michael Nikowitz, MSc, BSc von der Sektion II – Mobilität des Bundesministeriums für Klimaschutz, Umwelt, Energie, Mobilität, Innovation und Technologie (BMK) berichtete über Studien mit Systemen, die Fahrer:innen nicht nur unterstützen, sondern automatisiert Fahraufgaben übernehmen. Diese Möglichkeit, „Beifahrer:in“ im eigenen Auto zu sein und andere Dinge zu erledigen, könnte zu einem höheren Fahraufkommen führen. Derzeit sind die Technologien allerdings noch nicht ausgereift bzw. straßentauglich, denn die Fehleranfälligkeit und der Datenverbrauch sind noch sehr hoch. Darüber hinaus fehlt die Akzeptanz für selbstfahrende Fahrzeuge.

Akzeptanz im Bereich Lkw

Wie man bei Lkw-Fahrern:-Fahrerinnen die Akzeptanz für aktuell verfügbare und sicherheitsrelevante Assistenzsysteme erhöhen kann, berichtete Isabel Höfler, BA, die im Familienunternehmen Höfler Transport & Logistik GmbH tätig ist. Beim Kauf neuer Zugmaschinen und Hängerzügen werden die Fahrer:innen einbezogen, vor dem ersten Einsatz erhalten sie eine Einschulung. Assistenzsysteme werden von den Fahrern:Fahrerinnen als hilfreich betrachtet und sparen dem Unternehmen Kosten und Ärger, so Höfler: „Wir haben weniger Auffahrunfälle, weil der Abstand besser eingehalten wird, und weniger Radarstrafen.“

Das BMK ließ unter anderem im Rahmen des Projekts „Arbeitsplatz Cockpit“ erheben, wie Lkw-Berufskraftfahrer:innen über Assistenzsysteme denken. Mag. Raffaela Neustifter vom Kuratorium für Verkehrssicherheit fasste die Aussagen zusammen. Die Befragten empfanden Kameras und Bildschirme anstelle von Spiegeln als Verbesserung, Eingriffe der Systeme ins Fahrgeschehen oft als störend. Insgesamt fiel die Bilanz erfreulich aus: In zwölf von 20 Interviews wurden Assistenzsysteme bezüglich der Verkehrssicherheit positiv hervorgehoben, nur in sechs Interviews kamen deutlich negative Aspekte zur Sprache. (rp)

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Oft können Assistenzsysteme Unfälle nicht verhindern, aber zumindest die Folgen abschwächen.
© Chesky_W/iStock
Gruppe der Vortragenden stehend und sitzend in zwei Reihen
Nationale und internationale Vortragende boten geballtes Wissen aus Forschung und Praxis. V. l.: Matthias Kühn (GDV), Michael Nikowitz (BMK), Hans Pflügl (EYYES GmbH), Ernst Tomasch (TU Graz), Hans Heßner (BG Verkehr), Peter Schwaighofer (AUVA-Hauptstelle), Dominik Scholz (AUVA-Landesstelle Wien), Isabel Höfler (Höfler Transport & Logistik GmbH), Raffaela Neustifter (KFV), Moderatorin Margit Bacher
© R. Reichhart