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Auswirkungen von Vibrationen

Ganzkörper- und Hand-Arm-Vibrationen können Muskel-Skelett-Erkrankungen verursachen. Beim Mostviertler ­Kultur- und Ergonomie-Symposium wurde ­gezeigt, wie man sich schützen kann.

Spiegel richten, Sitz einstellen, ­losfahren – wer sich als Fahrer eines Traktors, Staplers oder ­Baufahrzeugs an diese Reihenfolge hält, tut seiner Wirbelsäule etwas Gutes. In der Praxis wird auf das Einstellen des Sitzes oft vergessen, und ein automatischer Sitz ist Unternehmen häufig zu teuer. Die Folge können vibrationsbedingte Muskel-Skelett-Erkrankungen (MSE) sein.

Dem Thema „Gesundheitliche Auswirkungen von Vibrationen bei der Arbeit“ widmete sich das 15. Mostviertler Kultur- und Ergonomie-Symposium in der Bundesanstalt für Landtechnik (BLT) in Wieselburg. Die hybrid abgehaltene Veranstaltung fand im Rahmen des aktuellen AUVA-Präventionsschwerpunkts „Packen wir’s an!“ (www.auva.at/mse) zur Vermeidung arbeitsbedingter MSE statt, der vom Frühjahr 2021 bis zum Herbst 2022 dauert und an die europäische Kampagne der EU-OSHA „Gesunde Arbeitsplätze – Entlasten Dich!“ anknüpft.

Um eine Gesundheitsgefährdung durch Vibrationen zu vermeiden, sind in der Verordnung Lärm und Vibrationen ein Auslösewert und ein Expositionsgrenzwert festgelegt worden, die sich auf einen Zeitraum von acht Stunden beziehen. Ab dem Auslösewert besteht ein Gesundheitsrisiko; er sollte, soweit es nach dem Stand der Technik möglich ist, nicht überschritten werden. Eine Überschreitung des Expositionsgrenzwerts ist nicht zulässig, der Arbeitgeber muss sofort Maßnahmen setzen.

Bei der Art der Schwingungen unterscheidet man zwischen Ganzkörper- und Hand-Arm-Vibrationen, für die unterschiedliche Auslöse- und Expositionsgrenzwerte gelten. „Ganzkörpervibrationen werden primär durch Fahrzeuge verursacht, die Schwingungen hängen stark vom Untergrund ab“, erklärt Ing. Thomas Manek, MBA, stellvertretender Leiter der Abteilung für Unfallverhütung und Berufskrankheitenbekämpfung in der AUVA-Hauptstelle. Eine starke Vibrationsbelastung besteht bei Traktoren, forstwirtschaftlichen Arbeitsmaschinen, Baufahrzeugen und Gabelstaplern, die auch im Gelände fahren.

Ganzkörpervibrationen

Die wichtigste Maßnahme zum Schutz vor Ganzkörpervibrationen wird laut DI Manfred Nadlinger vom BLT oft außer Acht gelassen – die Ausstattung eines Fahrzeugs mit einem ergonomisch günstigen Sitz, der auf den Fahrer eingestellt ist. Bei einem mechanisch gefederten Sitz sind insbesondere leichte Personen starken Schwingungen ausgesetzt. Zu bevorzugen ist ein Sitz, der sich automatisch auf das Gewicht des Fahrers einstellt.
Auch durch die Beseitigung von Fahrbahnunebenheiten kann man dazu beitragen, die Vibrationsbelastung zu vermindern. Der Fahrer schont seine Wirbelsäule, wenn er unebene Stellen vermeidet, die Geschwindigkeit reduziert und möglichst aufrecht sitzt. „Unter Schwingungsbelastung verstärken sich die Nachteile einer schlechten Sitzhaltung“, so DI Michael Wichtl, Mitarbeiter der sicherheitstechnischen Prüfstelle der AUVA und Geschäftsführer der Österreichischen Arbeitsgemeinschaft für Ergonomie (ÖAE).

Hand-Arm-Vibrationen

Durch handgeführte Geräte verursachte Hand-Arm-Schwingungen können Knochen- und Gelenksveränderungen von den Fingern bis zum Schultergelenk auslösen. Vibrationsbedingte Durchblutungsstörungen an den Händen wie die „Weißfingerkrankheit“ und andere Erkrankungen durch Erschütterung sowie erschütterungsbedingte chronische Erkrankungen von Schleimbeutel und Sehnen können als Berufskrankheit anerkannt werden.

„Forstarbeiter, die in ihrer Ausbildung über Schäden durch Vibrationen aufgeklärt worden sind, stellen ihre Tätigkeit ein, wenn sie bemerken, dass ihre Finger weiß werden, dann ist das Weißfingersyndrom reversibel. Angelernte Arbeiter machen oft weiter, dann ist die Erkrankung nicht mehr reversibel“, erläutert Prof. DI Dr. Stephan Letzel, Vorstand des Instituts für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin an der Johannes Gutenberg Universität in Mainz. Um bleibende Gefühllosigkeit und Bewegungseinschränkungen der Finger zu verhindern, sollte man die Tätigkeit sofort unterbrechen und sich aufwärmen.

Schutzmaßnahmen

Für Schutzmaßnahmen vor Vibrationen gilt die STOP-Rangfolge: Substitution vor organisatorischen bzw. technischen Maßnahmen und zuletzt personenbezogene Maßnahmen. Beispiele für Substitution sind der Ersatz einer Schlagbohrmaschine durch einen Bohrhammer, einer Stichsäge durch eine Kreissäge oder von Nieten durch Verschrauben.

Bei den technischen Maßnahmen steht laut Ing. Dr. Frank Gillmeister vom Ingenieurbüro Gillmeister in Dortmund, der auch für „Die Ergonomie.Experten.de“ und das deutsche Ergonomie Kompetenznetzwerk (ECN) tätig ist, eine Trennung des Beschäftigten von der Maschine im Vordergrund. Das kann zum Beispiel durch eine Abstützung von Abbauhämmern und schweren Bohrhämmern auf Lafetten erfolgen. Lässt sich eine Tätigkeit durch eine ferngesteuerte Maschine erledigen, etwa einen Rasenmäher oder eine Rüttelwalze, bedeutet das einen kompletten Wegfall der Vibrationsbelastung. Mit nachträglich angebrachten schwingungsisolierten Handgriffen erzielt man oft nicht den gewünschten Effekt.
Die Arbeit mit vibrierenden Handmaschinen auf mehrere Personen aufzuteilen, um die Expositionszeit zu verkürzen, ist die wichtigste organisatorische Maßnahme. Wie lange jemand tatsächlich mit einer Maschine arbeitet, kann mit einem in die Versorgungsleitung eingebauten Betriebsstundenzähler genau erfasst werden.

Antivibrationshandschuhe als Persönliche Schutzausrüstung (PSA) reduzieren die Vibrationen meist nicht ausreichend, ihr Vorteil liegt vor allem im Schutz vor Kälte. Nachteilig wirkt sich eine durch die Polsterung verminderte Sensibilität aus, die oft dazu führt, dass eine höhere Andruckkraft aufgewendet wird – und diese verstärkt die Belastung durch Vibrationen. Die Verwendung von PSA sollte daher wirklich die letzte der Maßnahmen sein, wenn alle anderen ausgeschöpft sind. (rp)

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