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Gesundheitskosten: auch Lebensqualität zählt

Laut einer Studie des WIFO tragen Arbeitnehmer langfristig gesehen die höchsten Kosten für arbeitsbedingte Erkrankungen.

Auch wenn der Lohn weiterbezahlt wird, während man im Krankenstand ist, und die meisten Behandlungen vom Gesundheitssystem finanziert werden, tragen Arbeitnehmer langfristig gesehen den größten Anteil der Kosten für arbeitsbedingte Erkrankungen und Arbeitsunfälle. Zu diesem Schluss kommt eine aktuelle Studie des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung (WIFO). Präventionsmaßnahmen können eine deutliche Verringerung der Kosten für Arbeitnehmer, aber auch für Arbeitgeber sowie für das Sozialsystem bewirken.

Die im Auftrag der Bundesarbeitskammer vom WIFO erstellte Studie „Die Kosten arbeitsbedingter Unfälle und Erkrankungen in Österreich“ knüpft an einen von der Europäischen Agentur für Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz (EU-OSHA) entwickelten Ansatz zur Schätzung der Kosten von Arbeitsunfällen, arbeitsbedingten Erkrankungen und Todesfällen an. „Wir haben eng mit der EU-OSHA zusammengearbeitet, die uns ihre Berechnungsmodelle zur Verfügung gestellt hat“, erklärt Mag. Christine Mayrhuber, Senior Economist des WIFO und Co-Autorin der österreichischen Studie.

Das Top-down-Modell

Für die WIFO-Studie wurden Daten aus dem Jahr 2015 ausgewertet und das Top-down- mit dem Bottom-up-Modell kombiniert. Das Top-down-Modell zieht als Basis die vorzeitigen Todesfälle und gesundheitlichen Beeinträchtigungen durch alle Unfälle und Erkrankungen in Österreich heran und ermittelt daraus den arbeitsbedingten Anteil. Dieser umfasst mehr als 100.000 „verlorene“ Jahre, das sind rund 260 Jahre je 10.000 Erwerbstätige.

Bei den Ursachen liegen Krebserkrankungen mit 25 Prozent an erster Stelle, mit Abstand gefolgt von Verletzungen, psychischen Erkrankungen, Muskel-Skelett-Erkrankungen (MSE) und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. „Krebserkrankungen führen am häufigsten zu vorzeitigem Tod. Im Unterschied dazu haben MSE meist ‚nur‘ eine eingeschränkte Lebensqualität zur Folge und sind oft auch besser behandelbar als andere Erkrankungen“, so Mayrhuber.

Das Bottom-up-Modell

Beim Bottom-up-Modell ermittelt man zuerst die Arten der Kosten, die mit arbeitsbedingten Erkrankungen und Unfällen zusammenhängen, und zählt sie dann zusammen. Es werden drei Arten von Kosten unterschieden: direkte, indirekte und immaterielle.

Der Teil der direkten Kosten, der durch selbst bezahlte Behandlungen von den Arbeitnehmern getragen wird, liegt bei rund 129 Millionen Euro, dazu kommt die mit knapp 133 Millionen Euro bewertete häusliche Pflege durch Angehörige. 946 Millionen Euro – das sind mehr als 70 Prozent der Kosten – werden vom öffentlichen Gesundheitssystem übernommen.

Die indirekten Kosten setzen sich aus mehreren Faktoren zusammen. Der Arbeitgeber muss zum Beispiel Löhne und Lohnnebenkosten weiterbezahlen, als Ersatz für erkrankte Mitarbeiter Leiharbeitskräfte beschäftigen und für die Verwaltung aller Leistungen sorgen. Diese Kosten betragen in Summe rund 3,83 Milliarden Euro. Gehen Beschäftigte krank arbeiten, sind sie weniger leistungsfähig. Dieser Präsentismus schlägt mit 960 Millionen Euro zu Buche. Ebenfalls in die Studie einbezogen wurden Kosten für entgangene Haushaltsproduktion, zum Beispiel für Hausarbeit, Kinderbetreuung oder häusliche Krankenpflege, die auf knapp 1,6 Milliarden Euro geschätzt werden.

Den immateriellen Schaden durch den Verlust an Lebenszeit und Lebensqualität, wird in Berechnungsmodellen ein materieller Wert zugeordnet. Dieser beträgt 41.000 Euro und steht für die durchschnittliche Höhe der Investitionen, die erforderlich sind, damit eine Person ein Jahr in guter Gesundheit verbringen kann. In der Studie schätzt man die immateriellen Kosten auf rund 2,537 Milliarden Euro. Das ist mehr als ein Viertel der Gesamtkosten von knapp 9,9 Milliarden Euro, die durch arbeitsbedingte Erkrankungen und Unfälle verursacht werden. Die direkten Kosten liegen bei weniger als zehn Prozent, die indirekten bei 65 Prozent.

Muskel-Skelett-Erkrankungen

Angesichts dieser hohen Kosten sei die WIFO-Studie eine gute Grundlage, um für Präventionsarbeit zu argumentieren, betont Stefanie Wunderl, MSc, Fachkundiges Organ Ökonomie in der AUVA-Hauptstelle: „Direkte Kosten machen bei arbeitsbedingten Erkrankungen den geringsten Anteil aus, viele ‚versteckte‘ Kosten zeigen sich erst längerfristig. Vermindern lassen sie sich durch präventive Maßnahmenpakete, im Fall von Muskel-Skelett-Erkrankungen beispielsweise durch die Bereitstellung von gewarteten Hebe- und Tragehilfen sowie durch begleitende Schulungen für deren Anwendung.“ Weitere Informationen zu Schutzmaßnahmen gibt es im Rahmen des AUVA-Präventionsschwerpunkts „Packen wir’s an“ (www.auva.at/mse), der an die europäische Kampagne der EU-OSHA „Gesunde Arbeitsplätze – Entlasten Dich!“ anknüpft.
Da die Folgekosten von MSE in der WIFO-Studie nicht extra ausgewiesen werden, berechnete die AUVA Annäherungswerte für Österreich. Von insgesamt 9,9 Milliarden Euro für arbeitsbedingte Erkrankungen und Unfälle entfallen 16 Prozent auf Muskel-Skelett-Erkrankungen. Für die Arbeitgeber bedeutet das eine Kostenlast von circa 272 Millionen Euro. Die Kosten für das Sozialsystem – Behandlungs- und Verwaltungskosten sowie Transferzahlungen – werden auf 350 Millionen Euro geschätzt.

Die höchste Kostenlast tragen jedoch die von MSE betroffenen Arbeitnehmer mit Eigenleistungen und Einkommenseinbußen von etwa 430 Millionen Euro. Berücksichtigt man die Verluste von Lebensqualität und Lebensjahren aufgrund von arbeitsbedingten MSE, ergibt das langfristig eine Kostenlast von rund 960 Millionen Euro.

„Es werden nicht alle Kosten vom Sozialsystem oder vom Arbeitgeber abgefedert. Oft zahlt der Erkrankte einen Teil der Behandlungen selbst und hat durch Schmerzen und Bewegungseinschränkungen eine verminderte Lebensqualität“, so Wunderl, die aber auch eine gute Nachricht für die Beschäftigten hat: Die Anzahl der Arbeitsunfälle ist dank erfolgreicher Präventionsarbeit deutlich gesunken. Macht man – wie in der WIFO-Studie – auf die tatsächliche Höhe der Kosten aufmerksam, wird deutlich, dass sich Investitionen in die Prävention auch bei arbeitsbedingten Erkrankungen im wahrsten Sinn des Wortes auszahlen. (rp)

Mag. Christine Mayrhuber, Senior Economist des WIFO

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© LuisPortugal/iStock