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Eventbericht: Forum Prävention 2024

Schwerpunkte waren die Auswirkungen der ­Digitalisierung auf die Arbeit, an die aktuellen ­Herausforderungen angepasste Präventions­konzepte und die Vision einer Welt ohne schwere oder tödliche Arbeitsunfälle.

Digitale Technologien verändern die Arbeitswelt. Der Nutzen der Digitalisierung für sichere und gesunde Arbeitsplätze zog sich als roter Faden durch das Forum Prävention 2024, das von 4. bis 6. Juni in der Congress Messe Innsbruck stattfand. Insgesamt nahmen 910 Personen an der Veranstaltung teil, davon 113 Vortragende bzw. Vorsitzende, 135 Aussteller:innen von rund 60 Firmen und 662 Besucher:innen. „Beim Forum Prävention 2024 steht das Thema Digitalisierung im Vordergrund, zum Beispiel Künstliche Intelligenz (KI) und die neue Maschinenverordnung, Drohnen, Exoskelette, aber auch die psychische Belastung durch Arbeitsverdichtung“, sagte DI Georg Effenberger, Leiter der Abteilung für Unfallverhütung und Berufskrankheitenbekämpfung der AUVA und fachlicher Leiter des Forums Prävention, in seinen einleitenden Worten. Mag. (FH) Roland Pichler, der neue Generaldirektor-Stellvertreter der AUVA, wies auf die Bedeutung einer guten Gesundheitsvorsorge hin: „Es braucht ein Bewusstsein in der Bevölkerung, welchen Wert wir mit unserem Gesundheitssystem haben.“ Nehme man Prävention ernst, müsse man im Sinn von Vision Zero die Vermeidung von Unfällen und Berufskrankheiten anstreben.

Techno-soziale Arbeitswelt

Seine Vision einer „techno-sozialen Arbeitswelt“ stellte Prof. Dr. Franz ­Kühmayer, Trendforscher am Frankfurter Zukunftsinstitut und Mitglied des Beirats der Initiative Digitale Agenda der Europäischen Kommission, in seiner Keynote vor. Er beschrieb vier Dimensionen von New Work, einer neuen Art des Arbeitens, die durch Digitalisierung, Globalisierung, mobiles oder hybrides Arbeiten sowie eine Entgrenzung von Berufs- und Privatleben gekennzeichnet ist: Aufgrund der demografischen Entwicklung gibt es weniger Menschen im erwerbsfähigen Alter, gleichzeitig wünscht sich der Großteil der Beschäftigten eine Arbeitszeitverkürzung. Soll die Arbeitswelt weiterhin funktionieren, braucht man neue Ansätze. Schon heute ist die klassische Dreiteilung in Ausbildung, Erwerbsarbeit und Pension durch eine fragmentierte Biografie abgelöst worden, die sich durch mehrere Jobwechsel, lebenslanges Lernen und flexibles Arbeiten auszeichnet. Doch nicht jede:r erlebt den Abschied vom „neun bis fünf“-Arbeitsalltag in Präsenz als Befreiung, die Kehrseite der Medaille sind Vereinsamung und Entsolidarisierung.

Das im Zeitalter der Industrialisierung von Frederick Winslow Taylor ent­wickelte Konzept des „wissenschaftlichen Managements“ geht davon aus, dass es „eine beste Art“ gibt, eine Arbeit auszuführen. In einer von ständigen Veränderungen geprägten Arbeitswelt seien jedoch frische Ideen und Innovationen gefragt, so Kühmayer.

Die von Unternehmen geforderten Maßnahmen für mehr Nachhaltigkeit werden oft als Bedrohung für die Wirtschaft und die Arbeitsplatzsicherheit gesehen. Kühmayer betonte den positiven Effekt: „Wenn Ausgaben für Nachhaltigkeit und Klimaneutralität nötig sind, sorgt das für einen wirtschaftlichen Aufschwung.“

Künstliche Intelligenz beeinflusst die Arbeit tiefergehend als andere Technologien. „Früher hat die Technik nur kognitiv nicht anspruchsvolle Tätigkeiten ersetzt, heute ersetzt sie auch anspruchsvolle Tätigkeiten, wenn diese routinemäßig ausgeführt werden“, erklärte Kühmayer. Das wird berufliche Rollenbilder zunehmend verändern; so kann zum Beispiel in einem Callcenter der Großteil der Anfragen durch eine KI beantwortet werden, während sich die Mitarbeiter:innen auf komplizierte Fälle wie Kulanzlösungen konzentrieren.

Digitalisierungskampagne

Die Auswirkungen digitaler Technologien sind auch Thema der Kampagne „Sicher und gesund arbeiten in Zeiten der Digitalisierung“ der Europäischen Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz (EU-­OSHA). Österreich wird bei der EU-OSHA durch das Bundesministerium für Arbeit und Wirtschaft, dem das Arbeitsinspektorat angehört, vertreten.

Mag.a Martina Häckel-Bucher, stellvertretende Leiterin der Abteilung Internationaler technischer Arbeitsschutz im Zentral-Arbeitsinspektorat, fasste die Ziele der europäischen Kampagne zusammen. Diese möchte über Chancen und Risiken digitaler Technologien aufklären und für ihre Auswirkungen auf den Arbeitsschutz sensibilisieren. Es soll vermittelt werden, wie sich die neuen Technologien sicher und produktiv einsetzen lassen und Gefahren ­evaluiert werden können.

Die AUVA knüpft mit ihrer Kampagne 2024 bis 2026 „Gemeinsam sicher digital“ an jene der EU-OSHA an. Dr.in Marie Jelenko, Leiterin der AUVA-Präventionskampagne, referierte über Inhalte und Ablauf von „Gemeinsam sicher digital“. Vorab führte die AUVA eine Online-Befragung durch, um die mit Digitalisierung verbundenen Herausforderungen und Anliegen der Unternehmen besser kennen zu lernen. Die rund 600 Befragungsteilnehmer:innen stammten insbesondere aus den Berufsfeldern der Arbeitssicherheit, Arbeitsmedizin und Arbeitspsychologie und beanworteten Fragen zur betrieblichen Ist-Situation, zu wichtigen Handlungsfeldern und zum Unterstützungsbedarf für die Gestaltung einer sicheren und gesunden Arbeitswelt im Kontaxt der Digitalisierung.

Ob die mit digitalen Technologien verbundenen Risiken in Bezug auf Sicherheit und Gesundheit systematisch in der Arbeitsplatzevaluierung berücksichtigt werden, war ebenfalls Gegenstand der Erhebung. „57 Prozent der Befragten haben mit ‚nein‘ oder ‚eher nein‘ geantwortet, da besteht Verbesserungsbedarf“, stellte Jelenko fest. Die Risiken seien für viele schwer erfassbar, Richt- und Leitlinien sowie Evaluierungsgrundlagen würden fehlen.

Während der Laufzeit ihrer Kampagne wird die AUVA nach einem allgemeinen Überblick über Digitalisierung am Arbeitsplatz die Themenbereiche „New Work – mobiles hybrides Arbeiten“, „Robotik und künstliche Intelligenz“ sowie „digital unterstützende Systeme im Arbeitnehmer:innenschutz“ behandeln. Den Betrieben steht ein breites Informationsangebot mit Veranstaltungen, Beratungsgesprächen, Schulungen und digitalen Tools zur Verfügung, zusätzlich Publikationen, Folder, Artikel­serien in den AUVA-Magazinen und Blog-Beiträge.

Ein innovatives Präventionskonzept

Um den Herausforderungen einer digitalisierten Arbeitswelt begegnen zu können, sind neue Konzepte zur Vermeidung von Unfällen und berufsbedingten Erkrankungen gefragt. Teil des Forums Prävention war das Seminar der Internationalen Vereinigung für ­Soziale Sicherheit (IVSS), eines weltweiten ­Forums von Sozialversicherungsträgern. Zu den Schwerpunkten des IVSS-Seminars zählte Safety II als innovatives Präventionskonzept.

Der Psychologe und Ergonom Prof. Dr. Steven Shorrock, Projektleiter für Sicherheitsentwicklung bei Eurocontrol, der Europäischen Organisation zur Sicherung der Luftfahrt, stellte das herkömmliche Sicherheitskonzept Safety I dem neuen Safety II gegenüber. Der traditionelle Ansatz Safety I konzentriert sich darauf, Fehler und Unfälle zu verhindern, indem man herauszufinden versucht, warum sie sich ereignet haben. Dabei wird von einem einfachen Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung ausgegangen. Den Menschen sieht man als potenzielle Fehlerquelle.

Bei Safety II dagegen wird das System als Ganzes betrachtet. Der Fokus liegt nicht darauf, warum Dinge nicht funktionieren, sondern warum sie funktionieren. Normale Arbeitsabläufe, denen traditionelle Sicherheitskonzepte zu wenig Aufmerksamkeit schenken, sind dabei ebenso von Interesse wie außergewöhnliche Leistungen. Der Mensch gilt dabei als Ressource. Die meisten Mitarbeiter:innen würden einen guten Job machen wollen, betonte Shorrock, es gehe darum, zu verstehen, wie Menschen Sicherheit herstellen. Safety II dient als Ergänzung zu Safety I, nicht als Ersatz.

Dr. Thomas Mühlbradt, Professor für Arbeits- und Ingenieurpsychologie am FOM Hochschulzentrum Aachen, befasste sich in seinem Vortrag mit Methoden, um im Rahmen des Safety-II-Konzepts aus dem Arbeitsalltag zu lernen. Die Grundlage für seine Überlegungen bilden drei Axiome:
„Komplexität ist der Feind von Sicherheit“, so Mühlbradt. Der Mensch erlebt Komplexität als Mangel an Transparenz, Erklärbarkeit und Vorhersagbarkeit in Situationen, in denen man handeln bzw. Entscheidungen treffen muss. Auf der Verhaltensebene zeigt sich Komplexität durch eine Vielzahl von Interaktionen, eine hohe Bandbreite unterschiedlicher Handlungsweisen und das Entstehen lokaler Regeln, die mit den Modellen nicht übereinstimmen. Es gilt daher, die Modelle „komplexitätsfest“ zu machen.

Das Axiom „Sicherheit ist mehr als die Abwesenheit von Fehlern“ erläuterte Mühlbradt anhand eines Beispiels aus der zivilen Luftfahrt. Um unerwünschte harte Landungen zu vermeiden, müsse man an die „im Alltag verborgenen Nicht-Ereignisse“, in diesem Fall die weichen Landungen, herankommen. Diese machen den Großteil der Ereignisse aus, denn laut Axiom 3 liegen 95 Prozent des Lernpotenzials zwischen den beiden Extremen Fehler bzw. Unfall und exzellente Leistung.

Mühlbradt führte einige Methoden an, um ein System resilient gegenüber ­Veränderungen und Störungen zu machen, darunter Simulationstrainings, in denen Problemlösungsstrategien im Team erprobt werden. Die aus der Luftfahrt stammende Funktionale Resonanzanalysemethode (FRAM), mit der sich Muster der Funktionsweise eines Systems identifizieren lassen, kann mit Learning Teams kombiniert werden. Das Resilience Assessment Grid mit Verhaltensmarkern (VM-RAG) misst Resilienz anhand von Indikatoren wie Kenntnis der Arbeitsumgebung oder rechtzeitiges Anfordern von Hilfe.

Vision Zero

Vision Zero, die Vision einer Welt ohne schwere Arbeitsunfälle und Berufskrankheiten, war ein weiterer Schwerpunkt des IVSS-Seminars. Sabine Herbst von der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) stellte die „7 Goldenen Regeln“ von Vision Zero für Sicherheit, Gesundheit und Wohlbefinden bei der Arbeit vor:

  1. Leben Sie Führung – zeigen Sie Flagge!
  2. Gefahr erkannt – Gefahr gebannt!
  3. Ziele definieren – Programm aufstellen!
  4. Gut organisiert – mit System!
  5. Maschinen, Technik, Anlagen – sicher und gesund!
  6. Wissen schafft Sicherheit!
  7. In Menschen investieren – Motivieren durch Beteiligung!

Mithilfe eines von der IVSS erstellten Leitfadens lässt sich überprüfen, inwieweit diese Regeln in einem Unternehmen bereits etabliert sind und wo noch Verbesserungsbedarf besteht. Auch Arbeitsinspektoren:-inspektorinnen nutzen den Leitfaden, so Herbst: „Eine moderne Arbeitsinspektion muss sich für die Durchsetzung der Rechte von Arbeitnehmern:Arbeitnehmerinnen einsetzen und proaktiv an Vision Zero arbeiten, damit Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz weiterhin gewährleistet sind.“

Ana Ercoreca de la Cruz, Generalsekretärin der Internationalen Vereinigung der Arbeitsinspektion (iali), zeigte sich überzeugt davon, dass die Arbeitsinspektion dazu beitragen kann, die Präventionskultur in Unternehmen zu ändern. Neue Herausforderungen würden sich durch geänderte Arbeitsformen und Digitalisierung stellen.

Unklarheiten gibt es laut Ercoreca de la Cruz darüber, wann Unfälle im Homeoffice als Arbeitsunfälle zu werten sind. Ein richtungsweisendes Urteil fällte der Gerichtshof von Cáceres in Spanien: Der Sturz eines Mitarbeiters im Homeoffice auf dem Weg von seinem Telearbeitsplatz zur Toilette wurde als Arbeitsunfall anerkannt.

Die Präsidentin des Europäischen Netzwerks der Arbeitsschutz- und Gesundheitsorganisationen (ENSHPO) Lic.a Mireya Rifá Fabregat wies auf den Zusammenhang zwischen Arbeitnehmer:innenschutz und Umweltschutz hin. Umweltschäden, etwa durch die Klimaänderung, wirken sich auch negativ auf die Arbeitsbedingungen aus. Speziell junge Menschen wollen für Unternehmen arbeiten, denen Nachhaltigkeit und Klimaschutz Anliegen sind. ENSHPO hat daher das Vision-Zero-Konzept erweitert und einen ergänzenden Leitfaden veröffentlicht: „Die 7 Goldenen Regeln – zum Schutz der Umwelt und unserer Zukunft“. (rp)

Große Veranstaltungshalle mit Bühne und gefülltem Zuschauerraum. Auf der Bühne sitzen drei Personen auf einer Couch und ein Redner spricht mit Mikrofon zum Publikum. Im Hintergrund befindet sich eine Wand mit Veranstaltungstitel und Logos und darüber ein großer Bildschirm.
910 Personen nahmen am Forum Prävention 2024 teil.
© Martin Vandory