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Exoskelette zur MSE-Prävention?

Exoskelette werden als Lösung für Arbeiten, die den Stütz- und Bewegungsapparat ­belasten, angepriesen. Die AUVA berät, obder Einsatz eines Exoskeletts sinnvoll ist und analysiert dessen Wirkung.

Heben und Tragen schwerer Lasten, Arbeiten überkopf und sich ständig wiederholende Bewegungen können zu Schmerzen und Schäden des Stütz- und Bewegungsapparats führen. Exoskelette versprechen eine einfache Lösung für diese Probleme. Ob ein Exoskelett für eine bestimmte Tätigkeit allerdings wirklich sinnvoll ist oder ob andere Maßnahmen besser geeignet sind, lässt sich anhand von Bewegungsanalysen und Messungen feststellen. Im Rahmen des aktuellen AUVA-Präventionsschwerpunkts „Packen wirʼs an!“ (www.auva.at/mse) zur Verhinderung von Muskel-Skelett-Erkrankungen (MSE) befasst sich die AUVA auch mit dem aktuellen Thema der Exoskelette.
„Die Anfragen zu Exoskeletten haben zugenommen“, stellt Mag. Norbert Lechner, Fachkundiges Organ Ergonomie in der AUVA-Hauptstelle, fest. Ist ein Unternehmen an dem Punkt angelangt, an dem der Einsatz eines Exoskeletts als letztes Mittel in Betracht gezogen wird, sollte an den betroffenen Arbeitsplätzen eine genaue Tätigkeitsanalyse durchgeführt werden. Lechner hilft bei der Auswahl eines geeigneten Exoskelett-Modells und untersucht mit Motion Capturing, einer sensorbasierten Video- und Bewegungsanalyse, inwieweit Effekte auf Belastung und Beanspruchung gegeben sind.

Einsatz in der Logistik

Bewährt haben sich Exoskelette im Logistikbereich der Morandell International GmbH, die Gastronomie und Fachhandel mit Qualitätsweinen beliefert. Logistikleiter Markus Knabl, der an der Donau-Universität Krems Logistik studiert, befasst sich in seiner Masterarbeit mit dem Einsatz von Exoskeletten und hat im Vorjahr ein von der AUVA begleitetes Exoskelett-Projekt bei Morandell initiiert, dessen Ergebnisse nun vorliegen.

„Bei der Arbeit in der Logistik müssen unsere Mitarbeiter zum Teil schwere Packstücke heben, was zu Ermüdung und Ausfalltagen aufgrund von Muskel-Skelett-Erkrankungen geführt hat“, beschreibt Knabl die Ausgangssituation. Die beim Heben besonders beanspruchte Rückenstreck-Muskulatur sollte durch ein Exoskelett entlastet werden.

Drei Stück eines Exoskelett-Modells wurden für das Projekt ausgeliehen, sechs Mitarbeiter in die Verwendung eingeschult. Sie übten das An- und Ablegen, die richtige Einstellung, die Aktivierung und die zum Beispiel für längere Gehstrecken empfohlene Deaktivierung. „Man muss der Bewegung, die das Exoskelett vorgibt, folgen, dafür braucht man ein entsprechendes Training“, erklärt Lechner.

Nach Ende der Probephase evaluierte Lechner die Wirksamkeit der Exoskelette. Die Beanspruchung konnte um durchschnittlich 14,89 Prozent reduziert werden. „Mitarbeiter mit körperlichen Vorbelastungen haben gesagt, dass sie das Exoskelett unterstützt, sie fühlen sich sicherer und geführter“, so Knabl. Sie und weitere Kollegen, die sich dafür entschieden haben, werden die Exoskelette auch im Normalbetrieb verwenden. Jene Projektteilnehmer, die mit dem Tragekomfort nicht zufrieden waren, werden in Zukunft ohne Exoskelett arbeiten.

Nutzen und Risiken

„Man darf Arbeitnehmer nicht zwingen, ein Exoskelett zu tragen. Es soll zur Entlastung, nicht zur Leistungssteigerung dienen – und auch nicht so empfunden werden“, betont Lechner. Zusätzliches Gewicht, Einschränkung von Bewegungsradien, verbreiterter Körperbereich oder Einschnüren können vorkommen und die versprochene Erleichterung verhindern. Der Aufwand für das Anlegen, für das man bei manchen Modellen Unterstützung durch eine zweite Person braucht, ist ein weiterer Grund für die Ablehnung von Exoskeletten.

Bei Problemen mit Exoskeletten geht es abgesehen vom Tragekomfort um Sicherheitsrisiken und mögliche andere Gesundheitsgefahren. „Exoskelette haben das Potenzial, Belastungsspitzen zu reduzieren. Die Unternehmen sollten sich jedoch nicht nur auf Aussagen von Herstellern, die ihr Produkt verkaufen wollen, verlassen, sondern Beratung und Messtechnik von Fachleuten der AUVA heranziehen“, gibt Lechner zu bedenken.

Ähnlich argumentiert Dr. Kai Heinrich, Bereichsleiter für Muskel-Skelett-Belastungen am Institut für Arbeitsschutz der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung e.V. (IFA): „Wie bei allen neuen Technologien folgt auf eine anfängliche Begeisterung oft Ernüchterung. Exoskelette sind keine Wundermittel, lösen keine ergonomischen Probleme und sollten mit Bedacht eingesetzt werden.“

Das letzte Mittel

Als Beispiel bringt Heinrich Exoskelette zur Unterstützung des Rumpf-Rücken-Bereichs: „Das Exoskelett entfaltet seine Wirkung erst, wenn der Träger eine unergonomische Haltung einnimmt, etwa durch eine starke Rumpfvorneigung mit hoher Last. Diese Haltung sollte jedoch vermieden werden.“ Man müsse immer nach der STOP-Rangfolge – Substitution vor technischen und organisatorischen Maßnahmen sowie schließlich persönlicher Schutzausrüstung – vorgehen und dürfe Exoskelette nur als letztes Mittel in Betracht ziehen.

Konkrete Gefahren durch Exoskelette sieht Heinrich hauptsächlich durch Hängenbleiben und Bewegungseinschränkung gegeben. So kann sich in der Montage ein beweglicher Maschinenteil im Exoskelett verhaken. Exoskelette für Rumpf und Rücken schränken die Fortbewegung ein und erhöhen das Sturzrisiko.

Einen positiven Effekt hat Heinrich vor allem bei Exoskeletten festgestellt, die das Schultergelenk und die umgebende Muskulatur entlasten. Eingesetzt werden sie für länger andauernde Arbeiten überkopf, zum Beispiel bei der Montage von Fahrzeugen oder Eisenbahnwaggons. Die Kraft wird dabei aus dem Schulter- in den Rumpf-Rücken-Bereich umgeleitet. Wesentlich ist dabei die richtige Einstellung: Bei zu hoher Unterstützungsleistung muss der Träger des Exoskeletts Kraft aufwenden, um den Arm zu senken.

Zusammengefasst betrachtet Heinrich Exoskelette derzeit nur für bestimmte Einsatzbereiche als sinnvoll. Keinesfalls sollten Mitarbeiter, bei denen gesundheitliche Gründe gegen die Ausübung einer Tätigkeit sprechen, diese mit einem Exoskelett ausführen. Standardisierte Methoden zur Arbeitsplatzevaluierung existieren noch nicht; ob ein Exoskelett tatsächlich eine Entlastung bringt, könne man nach dem heutigen Wissensstand nur im Einzelfall feststellen. (rp)

Foto: Eine Logistikarbeiterin und ein Logistikarbeiter, beide mit Exoskelett, heben Schachteln von einer Palette.
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