Direkt zur Hauptnavigation springen Direkt zum Inhalt springen Jump to sub navigation

Gesundheit am Arbeitsplatz: Klimawandel fordert Arbeitsmedizin

Es ist nicht nur die UV-Strahlung, die in der Arbeitswelt zunehmend neue Herausforderungen mit sich bringt. Der Klimawandel hat auf vielfältige Weise Einfluss auf die menschliche Gesundheit.

Extremwetterereignisse wie Dürren oder Hitzewellen erhöhen zum Beispiel das Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen, können die Atemwege belasten oder wirken sich negativ auf die psychische Gesundheit aus. Überschwemmungen können direkt auf die Hygienesituation in einer Region Einfluss nehmen, indem sie die Schadstoffbelastung punktuell erhöhen oder das Auftreten von Infektionen begünstigen. Darüber hinaus zeigt sich bereits deutlich, dass die wärmeren Temperaturen zu einer verlängerten Pollenflugsaison führen und damit die Allergiebelastung erhöhen. Die Dauer der belastenden Phasen nimmt zu, neue Allergene treten auf und neu ist auch das sogenannte Thunderstorm-Asthma. Dabei führen rasch wechselnde atmosphärische Bedingungen zum Aufplatzen der Pollen. Die kleinen Bruchstücke dringen tief in die Schleimhäute der unteren Atemwege ein und können Asthmaanfälle bei Menschen auslösen, die bis dahin noch keine Atemprobleme hatten. All das sind aktuelle Themen, denen sich die Arbeitsmedizin mehr und mehr widmen muss, da sie einen direkten Einfluss auf die Gesundheit der Arbeitskräfte haben.

Dr. Heinz Fuchsig, Arbeits- und Umweltmediziner sowie Mitglied im Referat für Umweltschutz der Ärztekammer für Tirol beschreibt, wie sich Klimaveränderungen auch auf die Arbeit der Arbeitsmedizin auswirken und welche Themen dringend im Auge behalten werden müssen.

Wo liegen für Sie die größten Herausforderungen des Klimawandels aus Sicht der Arbeitsmedizin?
Fuchsig: Wir beobachten, dass die steigende Hitze die meisten Probleme für die menschliche Gesundheit verursacht, vor allem auch, weil man ihr kaum auskommt. Mitarbeitenden in allen Arbeitsbereichen künftig eine angemessene Kühlung zu verschaffen, wird eine große Herausforderung für die Arbeitswelt. So hat etwa ein indischer Professor am Weltkongress der ISEE, der internationalen Society for Environmental Epidemiology, dramatische Zahlen präsentiert: Weltweit müssen bereits rund 350 Millionen Menschen ihre Arbeit vom Tag in die Nacht verlegen, weil die Temperaturen tagsüber die körperliche Arbeit ohne Schaden für die Gesundheit nicht mehr zulassen.

Sind derartige Auswirkungen der ­Klimakrise auch in Mitteleuropa bereits spürbar?
Auf jeden Fall, obwohl wir das Glück haben, dass in unseren Klimazonen die Kombination von Hitze und Feuchtigkeit nicht so drastisch spürbar ist wie auf anderen Kontinenten. Der menschliche Körper muss eine relativ stabile Kerntemperatur von etwa 37 Grad Celsius aufrechterhalten, damit die Zellen und Körperfunktionen einwandfrei funktionieren. Um diese Temperatur zu regulieren, geben wir Wärme über die Haut ab. Schwitzen beschleunigt diesen Prozess. Gleichzeitig kann der Körper die Temperatur nicht mehr im Lot halten, wenn wir extremer Hitze ausgesetzt sind. Dann kann nicht schnell genug abkühlt werden und eine fatale Kettenreaktion folgt: Sie beginnt mit Konzentrationsverlust, Kopfschmerzen oder Schwindel und geht rasch bis hin zur Überlastung des Herzens oder zum Stillstand von Nieren und Leber.

Ist dieser Zeitpunkt bei allen Menschen in etwa gleich?
Diese Thermoregulation des Körpers hängt von einer Reihe von Faktoren ab, wie etwa dem Alter, dem Gesundheitszustand oder dem Aktivitätsniveau. Um einen guten Durchschnittswert anzugeben, gibt es die sogenannte Kühlgrenztemperatur. Sie berücksichtigt die ­Temperatur und die Luftfeuchtigkeit und sie gibt an, wie sehr der Mensch in der Lage ist, durch Schweißabgabe die Temperatur zu regulieren. Ab einer Kühlgrenztemperatur von 35 Grad Celsius kann der Körper nicht mehr genug Wärme durch die Verdunstung von Schweiß verlieren. Es gibt Schätzungen, wonach ein gesunder, im Schatten ­ruhender Mensch Kühlgrenztemperaturen von etwa 35 Grad Celsius und 100 Prozent Luftfeuchtigkeit für ungefähr sechs Stunden überleben kann. Eine Studie mit fitten jungen Männern musste bereits bei 31 Grad Celsius und 100 Prozent Feuchte abgebrochen ­werden. Harte körperliche Arbeit endet bei 7 Grad Celsius niedrigeren Temperaturen, außer es ist wesentlich ­trockener.

Was bedeutet das nun für die Arbeitswelt, aber auch das Privatleben der Mitarbeitenden?
Die Hitze ist ein enormer Produktivitätskiller und wir finden sie nicht nur in Innenräumen, die sich gut beschatten und klimatisieren lassen. Im Sitzen haben wir eine Wohlfühltemperatur von rund 21 Grad, bei körperlicher Arbeit wären 12 bis 19 Grad Umgebungstemperatur ideal. Das ist outdoor im Sommer praktisch nicht machbar.
Wir wissen auch, dass im Sommer viel mehr Mitarbeitende unausgeschlafen an den Arbeitsplatz kommen, weil ihnen die Erholung im Schlaf fehlt. Hat es über 25 Grad Celsius in Schlafräumen, muss der Körper den Kreislauf so aktiv halten, dass die erforderliche Wärme abgegeben wird, dass das Herz auch in der Nacht nicht in den Ruhemodus fallen kann. Das heißt, die Nächte bringen kaum Abkühlung und erholsamen Schlaf.

Kann sich der:die Einzelne auf diese Klimaeinflüsse vorbereiten und „klimaresilienter“ werden?
Mit regelmäßigem Ausdauersport kann man sowohl das Schwitzen als auch das Herz auf höhere Belastungen trainieren. Leider geht der Trend hier auch in die Gegenrichtung, denn viele Jobs im Freien, wie etwa bei Wald- und Forstarbeiten, werden heute von Technik und Maschinen unterstützt. Die Mitarbeitenden waren früher noch in besserer körperlicher Form, weil sie es gewohnt waren, sich unter anstrengenden Bedingungen zu bewegen. Heute ist das aber nicht mehr der Fall, sodass die Belastungen steigen, die Resilienz der Menschen aber rückläufig ist.

Wie können nun Betriebe auf diese neuen Risiken reagieren?
Alle Gefahren durch Extremwetterlagen, die ein Unternehmen betreffen könnten, müssen evaluiert werden. Es braucht klare standardisierte Methoden und ­Ansprechpartner:innen, die wissen, wie im Anlassfall damit umzugehen ist. Nehmen wir als Beispiel ein Hochwasser: Abgesehen von den hohen psychischen Belastungen, die hier auftreten können, muss es klare Anweisungen geben, wann zum Beispiel Firmen-­Tiefgaragen noch betreten werden dürfen. Auch Überlegungen, wie Mitarbeitende in diesen Fällen mit ihren Angehörigen kommunizieren, müssen überlegt werden. Hier können Gefahren entstehen, die im Normalbetrieb ein Unternehmen nicht betreffen, in Extremfällen aber lebensgefährlich sein können. In Österreich existiert auch eine Waldbrand­risikokarte der Universität für Bodenkultur, die ­angibt, wie realistisch die Chancen stehen, dass Rauch von Waldbränden die ­Luftqualität in bestimmten Regionen derart verschlechtert, dass man zum Beispiel nicht mehr ins Freie gehen darf. Das kann für ein Unternehmen, in dem Allergiker:innen mit Lungenproblemen beschäftigt sind, in Extremsituationen durchaus ein Thema werden. In Kanada hat jeder:jede Bürgermeister:in ein Partikelmessgerät und weiß, wann Events im Freien abgesagt werden müssen, wann vulnerable Gruppen in geschlossenen Räumen bleiben müssen oder wann Orte wegen zu hoher Feinstaubbelastung zu evakuieren sind.

Welche Tipps haben Sie für Arbeitgeber:innen?
Bereiten Sie sich vor! Es gibt zunehmend Informationsmaterial und Tagungen, die diese Themen adressieren, wie etwa das AUVA-Merkblatt „M.plus 012 Sommerliche Hitze - Präventionsmaßnahmen“. Wir haben noch keine ausreichenden Hilfsmittel zur Evaluierung all dieser Gefahren, dennoch: Nähern Sie sich dem Thema in kleinen Schritten an, das ist besser als abzuwarten! (rh)

09-arbeitsmedizin.png
© anypix/iStock