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Haltung bewahren

Muskel- und Skeletterkrankungen sind bei Arbeitern auf Gerüsten häufig. Studien belegen, dass Gerüstbauer häufig gesundheitsschädliche Körper­haltungen einnehmen und hohe ­Gewichte umsetzen müssen.

Wissenschaft, Forschung und Industrie zu verbinden ist seit vielen Jahren ein wichtiger Aspekt der Zusammenarbeit der AUVA-Fachgruppe Ergonomie und der FH Technikum Wien. Eines dieser Projekte ist die Durchführung von Bewegungsanalysen beim Gerüstbau auf Baustellen der Rohrer Group. Dabei zeichnete der Student Christoph Hartwein mithilfe von Messsystemen der AUVA Bewegungen beim Aufbau von Gerüsten auf. Im Anschluss wurden die Daten mit Unterstützung von AUVA-Ergonomie-Experten Mag. Norbert Lechner und
Dr. Matthias­­­ Scherer, MSc, Forschungsexperte für Rehabilitationstechnik, analysiert und interpretiert. Die Forschungsdaten sollten aufzeigen, ob die These, wonach es im Gerüstbau alle fünf Sekunden zu einer ungesunden Körperhaltung kommt, zutrifft oder nicht.

Hohes Risiko am Bau

Die österreichische Gesetzgebung schreibt für Gerüstbauer keine spezielle Ausbildung vor. Sofern eine geschulte Aufsichtsperson anwesend ist, darf grundsätzlich jeder ohne physische oder psychische Einschränkung als Gerüstbauer tätig sein. Studien im Gerüstbau sind schwierig, da eine Vielzahl an Faktoren die Datenerfassung beeinflusst. Arbeitsvorgänge sind nicht immer gleich, die Messungen können nur unter trockenen Wetterbedingungen durchgeführt werden, und das Messequipment bestehend aus Sensoren, an Manschetten angebracht, kann neben dem ohnehin benötigten Ausrüstung der Arbeiter störend sein. So findet sich allgemein recht wenig Literatur, zudem weisen Untersuchungen meist eine relative kleine Zahl an Befragten aus. Dennoch belegen die wenigen Daten, dass Gerüstbauer über 40 Prozent ihrer Arbeitszeit gesundheitsschädliche Körperhaltungen einnehmen und zu rund 15 Prozent ihrer Arbeitszeit schweres Material tragen. Darüber hinaus haben Arbeiter in der Bauindustrie ein potenziell höheres Risiko, an Muskel-Skelett-Beschwerden zu erkranken. Rückenschmerzen und chronische Rückenschmerzen sind im Gerüstbau stark ausgeprägt.

Beanspruchung der Arbeiter

Ursprünglich aus Holz und Seilen gefertigt, bestehen die heutigen Gerüste überwiegend aus metallischen Bauteilen wie Aluminium. Die Masterarbeit wurde im Rahmen des Auf- und Abbaus von Stahlrahmengerüsten durchgeführt. Ziel war es, die Rückenwinkel während der Tätigkeiten zu erfassen, um in weiterer Folge Rückschlüsse auf die Beanspruchung der Arbeiter zu ziehen. Zudem sollte herausgefunden werden, welche Arbeitsschritte eine kritische Körperhaltung bedingen, die dem Muskel-Skelett-System schaden kann. Lösungen wie gefährdende Bewegungsabläufe der Gerüstbauer reduziert oder verhindert werden könnten, wurden überlegt. Als Mess-System wurde das Motion Capturing System „CAPTIV“ der Fachgruppe Ergonomie verwendet. Das System, besteht unter anderen aus Beschleunigungssensoren, die die Bewegung des Menschen im dreidimensionalen Raum erfassen. Ein Datenlogger empfängt via Bluetooth die Daten in Echtzeit und kabellos, in der Software werden diese mit einer Videoaufnahme synchronisiert und ausgewertet.

Bewertung der physischen Belastungen

Zur Beurteilung der physischen Belastung wurde auf das CUELA-System („Computerunterstützte Erfassung und Langzeit-Analyse von Belastungen des Muskel-Skelett-Systems“) zurückgegriffen. Es gibt an, ab welchem Grad eine ungesunde ­Körperhaltung vorliegt. Es wurden drei Bereiche (rot, gelb und grün) definiert, wobei sich der Arbeiter grundsätzlich stets im grünen Bereich bewegen sollte. Steht der Gerüstbauer aufrecht, so hat er einen Rückenwinkel von null Grad. Diese Neutral­position wurde zum Kalibrieren vor jeder Messung eingenommen. Parameter wie das Gewicht der zu tragenden Objekte oder die Dauer eines Arbeitsschrittes wurden nicht berück­sichtigt.

Die drei verschiedenen Kategorien sind „neutraler/grüner“ (Flexion/Rückenwinkel nach vorne unter 20 Grad), „mittelgradiger/gelber“ (Flexion 20 bis 60 Grad) und „endgradiger/roter” Winkelbereich (Flexion über 60 Grad). Die Daten wurden mit den Sensoren des CAPTIV-Systems aufgezeichnet und mit einem Datenlogger erfasst. Zusätzlich dazu wurde mit einer Videokamera der Arbeitsprozess aufgezeichnet, um beispielweise auch kombinierte Bewegungen zu detektieren.

Praktische Messungen sind schwierig

Die durchgeführten Messungen bestätigten die zu Beginn erwähnte Problematik von Studien zum Gerüstbau. Exoskelette können, wenn sie tätigkeitsbezogen und korrekt eingesetzt werden, Erleichterung und eine Reduktion der Beanspruchung mit sich bringen. Im Gerüstbau können sie aber auch als Störfaktor und zusätzliche Gefährdung erscheinen.

Eine Empfehlung ist die konsequente Schulung der Mitarbeiter und die Sensibilisierung und Bewusstmachung für die Gefährdungen, denn: der Arbeitsplatz „Gerüstbau“ lässt kaum ein körpergerechtes Arbeiten zu.

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Die österreichische Gesetzgebung schreibt für Gerüst­bauer keine spezielle Ausbildung vor.
© Norbert Lechner
Bildschirmabbildung von computerunterstützten Belastungsanalysen
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Bildschirmabbildung von computerunterstützten Belastungsanalysen
Das CUELA-System („Computerunterstützte Erfassung und Langzeit-Analyse von Belastungen des Muskel-Skelett-Systems“) beurteilt die physischen Belastungen.