Direkt zur Hauptnavigation springen Direkt zum Inhalt springen Jump to sub navigation

In besten Händen

Speziell ausgebildete blinde und sehbehinderte Frauen können bei der Früherkennung von Brustkrebs eine wichtige ergänzende Rolle spielen.

JacquelineGaras – kurz Jacky – hat nahezu täglich mindestens ein Blind Date. Das heißt allerdings nicht, dass sie emsig auf der Suche nach einem Partner fürs Leben ist. Vielmehr ist die sehbehinderte Frau als Medizinisch Taktile Untersucherin (MTU) für „discovering hands“ in der Brustkrebsfrüherkennung tätig. Im Rahmen einer zwischen 30 und 45 Minuten dauernden Untersuchung tastet sie Millimeter für Millimeter sorgfältig das Brustgewebe von Patientinnen jeden Alters nach Auffälligkeiten ab. Jackys ausgeprägter Tastsinn in Kombination mit einer standardisierten rund einjährigen Ausbildung ermöglicht es ihr, bereits kleinste Gewebeveränderungen – konkret im Bereich von sechs bis acht Millimetern – zu erkennen.

Außerordentliche Begabung

Mit ihrer außerordentlichen Begabung hilft Jacky Leben zu retten. Denn Brustkrebs ist in Österreich nach wie vor die häufigste Krebserkrankung bei Frauen. Jedes Jahr sind rund 5.000 Frauen von der erschütternden Diagnose betroffen. Eine gute Nachricht in diesem Zusammenhang ist allerdings, dass durch eine möglichst frühe Diagnose die Krankheitsverläufe erheblich verbessert werden können. Schließlich können mehr als 80 Prozent der Brustkrebspatientinnen im frühen Erkrankungsstadium geheilt werden. Tastuntersuchungen durch MTUs sind also eine sinnvolle Ergänzung in der Brustkrebsfrüherkennung, eine Mammografie ersetzen sie nicht. Auch erstellen die MTUs keine Diagnosen. Das bleibt die Aufgabe der Ärzte, die im Falle einer tastbaren Veränderung des Brustdrüsengewebes entscheiden, ob eine weitergehende Abklärung notwendig ist. Gleichzeitig entsteht für blinde und sehbehinderte Frauen ein neuer Arbeitsbereich, in dem das eingeschränkte Augenlicht – sonst eine Behinderung – zu einem Vorteil wird.

Dass bei Menschen mit Sehbehinderung und Blinden jene Hirnareale, die sonst zum Sehen genutzt werden, für andere Sinne wie das Hören und das Tasten genutzt werden, wird von internationalen Studien bestätigt. Die Idee, diesen überlegenen Tastsinn zur Verbesserung der Tastdiagnostik in der Brustkrebsfrüherkennung einzusetzen, geht auf den deutschen Gynäkologen Dr. Frank Hoffmann zurück. Er gründete 2011 das gemeinnützige Unternehmen discovering hands. Davor hatte er sich lange Gedanken gemacht, wie man Brustkrebs – vor allem bei jungen Frauen – noch früher erkennen kann. Denn damals waren Mammografie-Screenings für Frauen unter 50 Jahren noch keine gesetzliche Vorleistung.

Aufholbedarf in Österreich

Während die Idee, MTUs in der Brustkrebsfrüherkennung einzusetzen, in Deutschland seit Jahren etabliert ist und mittlerweile auch viele private und gesetzliche Krankenkassen die Kosten übernehmen, gibt es hierzulande noch einiges an Aufholbedarf. Eine Studie zur Wirksamkeit der taktilen Brustuntersuchung als ergänzende Untersuchungsmethode wurde jedenfalls im Mai abgeschlossen. Daran nahmen mehr als 1.200 Frauen teil. Ziel der Studie ist es, einerseits eine innovative, zusätzliche Methode zur Brustkrebsfrüherkennung in Österreich zu etablieren und andererseits ein neues Berufsbild für blinde und sehbehinderte Frauen zu schaffen. Laut Mag. Stefanie Bramböck, Geschäftsführerin von discovering hands Österreich, bestätigen die Studienergebnisse sowohl die Wirksamkeit der Methode als auch die Arbeit der Tastexpertinnen. Vom Gesundheitsministerium werden die Ergebnisse derzeit jedenfalls evaluiert. „Sobald wird das finale ‚Go‘ aus dem Gesundheitsministerium erhalten, können wir die finalen Detailergebnisse öffentlich präsentieren“, hält Bramböck fest.

Seit der Finalisierung der Studie können Frauen Tastuntersuchungen an drei Standorten in Wien buchen: im Ordinationszentrum der Privatklinik Döbling, im Diagnosezentrum Urania und in der Privatpraxis des Gynäkologen und Brustkrebsspezialisten Univ.-Doz. Dr. Michael Medl. Letzterer ist auch der Leiter der Studie. Als Studienpartner fungierte Univ.-Doz. Dr. Lucas Prayer, Radiologe und Senior Partner des Diagnose Zentrums Urania. „Die Tastuntersuchung kann eine sinnvolle und hilfreiche Ergänzung sein, sowohl für den untersuchenden Gynäkologen als auch für den Radiologen, um spezifische Bereiche der Brust eingrenzen zu können, in denen etwas Auffälliges ertastet wurde“, erklärt Preyer.

Brusttastuntersuchungen schaffen Bewusstsein

„Noch viel wichtiger ist jedoch das Bewusstsein, das durch die Brusttastuntersuchung bei Frauen geschaffen wird“, sagt Medl. Die Tastuntersucherinnen könnten sich die notwendige Zeit für Patientinnen nehmen, die Ärzten oftmals fehle, sie ausführlich zum Thema Brustgesundheit informieren und ihre Fragen beantworten. Im Rahmen der umfangreichen Ausbildung zur MTU, die zu den zentralen Aufgaben von discovering hands gehört, lernen die teilnehmenden Frauen nämlich nicht nur, wie Knoten im Brustgewebe ertastet und eigenständig Anamnesen erhoben und Befunde dokumentiert werden. Ein Ausbildungsschwerpunkt liegt auch in der Kommunikation mit den Patientinnen.

Diesen Herbst ist jedenfalls die Ausbildung weiterer MTUs geplant, wie Bramböck verrät. Damit soll nicht nur die Brustgesundheit aller Frauen gefördert werden, sondern letztlich auch die Inklusion von Frauen mit Sehbehinderung am Arbeitsmarkt vorangetrieben werden. „Sollten Gynäkologinnen und Gynäkologen Interesse daran haben, discovering-hands-Tastuntersuchungen in ihrer Praxis anzubieten, freuen wir uns sehr über eine Nachricht“, erlaubt sie sich einen Aufruf zu starten. (pb)

Info & Kontakt

Die taktile Brustuntersuchung wird nach einem eigens entwickelten, standardisierten und qualitätsgesicherten Untersuchungskonzept durchgeführt. In einer 30- bis 45-minütigen Untersuchung im Sitzen und Liegen tastet die Tastuntersucherin das Brustgewebe systematisch in allen drei Ebenen ab, sodass auch Knoten in der Tiefe festgestellt werden können. Patentierte Orientierungsstreifen bilden dabei ein Koordinatensystem, das den Untersuchungsbefund für andere zu jedem Zeitpunkt exakt nachvollziehbar macht. Die Kosten einer Tastuntersuchung liegen bei 84 Euro.

Tel.: 0650 49 56 568, E-Mail: officediscovering-handsat, www.discovering-hands.at

04-DiscoveringHands-33_WEB.jpg
© Sima Prodinger