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MSE-Prävention mit AUVAfit

Beschwerden des Bewegungs- und Stützapparats sind häufig der Grund, AUVAfit in Anspruch zu nehmen. Aus dem Präventionsprogramm entstandene Lösungen wurden bei der AUVA-Informationsveranstaltung in Bad Ischl vorgestellt.

Oft sind es Aussagen wie „Die Kollegen:Kolleginnen müssen viel heben, es gibt bereits Fälle von Rückenschmerzen“, die die AUVA-Berater:innen zu hören bekommen, wenn sie in einem Unternehmen ein AUVAfit-Projekt durchführen. „Auch eine hohe Unfallhäufigkeit oder psychische Belastungen werden zum Anlass genommen, das kostenlose Präventionsprogramm zu buchen“, erklärte Martina Lettner, BSc MPH, Ergonomin in der AUVA-Landesstelle Linz, bei der Veranstaltung „Belastungen reduzieren, MSE vorbeugen – innovative Lösungen und AUVAfit-Praxisbeispiele“ kürzlich in Bad Ischl.

AUVAfit besteht aus den Modulen Ergonomie und Arbeitspsychologie, die man einzeln oder in Kombination in Anspruch nehmen kann. Arbeitspsychologin Mag. Eva Petershofer, ebenfalls von der AUVA-Landesstelle Linz, beschrieb in ihrem Vortrag den Ablauf eines AUVAfit-Projekts. Nach Klärung des Auftrags, Feststellung des Handlungsbedarfs und Bildung einer Steuerungsgruppe erfolgt die Vertragsunterzeichnung. Dann werden bis zu acht Arbeitsplätze ausgewählt und die Belastungen analysiert. Auf Basis der Ergebnisse erarbeiten die AUVA-Berater:innen gemeinsam mit dem Unternehmen geeignete Maßnahmen.

Neben körperlichen können auch psychische Belastungen Muskel-Skelett-Erkrankungen (MSE) verursachen oder verstärken. Mag. Maria Reiter, Arbeitspsychologin in der AUVA-Landesstelle Graz, unterschied zwischen positivem kurzfristigem Stress, der körperliche Aktivierung, erhöhte Konzentration und gesteigertes Durchhaltevermögen bewirkt, und negativem Dauerstress. Dieser hat oft körperliche Auswirkungen wie Verspannung der Muskulatur und dadurch Beschwerden im Kopf, Nacken- und Schulterbereich. Auch die Wahrscheinlichkeit für Unfälle steigt.
Arbeitsunfälle und arbeitsbedingte Erkrankungen, von denen 20 Prozent auf MSE entfallen, verursachen hohe Folgekosten, die in Österreich auf 9,9 Milliarden Euro pro Jahr geschätzt werden. Laut Stefanie Wunderl, MSc, Fachkundiges Organ Ökonomie in der AUVA-Hauptstelle, müssen die betroffenen Arbeitnehmer:innen einen hohen Kostenanteil selbst tragen. Dazu zählen Eigenbeteiligung an den Behandlungskosten, Einkommensverlust bei langem Krankenstand und eine geringere Haushaltsproduktion. Langfristig kommt auch der Verlust an gesunden Lebensjahren dazu.

Belastungen vermeiden

Um Folgekosten von MSE und menschliches Leid zu verhindern, sollten rechtzeitig vorbeugende Maßnahmen gesetzt werden. Beispiele für gelungene Präventionsprojekte in Deutschland präsentierte Prof. Dr. Rolf Ellegast, stellvertretender Direktor des Instituts für Arbeitsschutz (IFA) der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung e. V. (DGUV). So wurden etwa Vakuumhebehilfen für Gepäcktransferzentralen an Flughäfen angeschafft, die die Belastung um zwei Drittel reduzieren konnten. Im Bereich der Elementarpädagogik diente eine nach ergonomischen Gesichtspunkten gestaltete „Muster-Kita“ anderen Kindergärten als Vorbild.

Stephan Huis, MSc, wissenschaftlicher Mitarbeiter der deutschen Berufsgenossenschaft Nahrungsmittel und Gastgewerbe (BGN), beschrieb, wie ein an die Bedürfnisse der Beschäftigten angepasster Arbeitsplatz in seiner Branche aussehen sollte: Die Arbeitshöhe muss an die jeweilige Person angepasst werden können, zum Beispiel durch einen verstellbaren Arbeitstisch. Steht dieser nicht zur Verfügung, schafft eine Arbeitsflächenerhöhung oder ein Podest Abhilfe.

Auf die Verringerung der Belastung beim Ziehen und Schieben schwerer Lasten hat sich die Blickle Räder und Rollen GmbH spezialisiert. Für ErgoMove, ein elektrisches Antriebssystem für Transportgeräte, wurde Blickle mit dem Innovationspreis 2021 ausgezeichnet. „Beim Anfahren des Wagens mit elektrischer Unterstützung ist für den:die Bediener:in kein bis wenig Kraftaufwand erforderlich. Speziell in engen Gassen, beim Drehen am Stand und bei mehreren hintereinander fahrenden Transportgeräten bietet ErgoMove eine große Erleichterung“, so Markus Spannberger, Geschäftsführer von Blickle.

Good-Practice-Beispiele

Die Alfred Wagner Stahl-Technik & Zuschnitt GmbH erhielt für im Rahmen eines AUVAfit-Projekts erarbeitete Maßnahmen 2016 und 2018 die Goldene Securitas. „In der Kommissionierung sind Hubameisen zum Arbeiten auf richtiger Höhe angeschafft worden. Die Schleifer haben einen automatischen Wendetisch bekommen. Das Abräumen aus der Scheuertrommel wird nicht mehr händisch gemacht, sondern mit mobilen Krananlagen mit Elektromagneten“, so Christian Aufreiter, Betriebsleiter von Wagner Stahl.

Für die G4S Secure Solutions AG stand bei ­AUVAfit die Reduktion psychischer Belastungen im Vordergrund. Das Sicherheitsunternehmen ist im Anhaltezentrum Vordernberg mit der Ausführung logistischer Aufgaben in Zusammenarbeit mit der Polizei betraut. Laut Betriebsleiterin Monika Haidn ergab eine Befragung der Mitarbeiter:innen, dass vor allem die Work-Life-Balance verbessert werden sollte, was durch einen neuen Dienstplan verwirklicht wurde. Dazu kamen Coachings für Führungskräfte, Schulungen zum Thema soziale Kompetenzen für die Belegschaft und Maßnahmen zur Stärkung des Gemeinschaftsgefühls.

Peter Lammer und Bernhard Tichy präsentierten eine Steh- und Arbeitshilfe, die sie entwickelt hatten. Lammer, von Beruf Koch, konnte nach einem Motorradunfall keine Tätigkeiten im Stehen mehr ausführen. Er wollte wieder an seinen früheren Arbeitsplatz zurückkehren und wandte sich an seinen Freund Tichy, der einen Prototyp des Geräts konstruierte. „Das Hilfsmittel nimmt das Gewicht von den Beinen, man sitzt im Stehen“, beschrieb Tichy. Gemeinsam mit Lammer gründete er die Standing Ovation GmbH, die Steh- und Bewegungshilfen für Personen mit eingeschränkter Belastbarkeit der Beine produziert.

Mag. Mario Frei, Projekt-Kooperationspartner der AUVA, referierte über das derzeit laufende AUVAfit-­Projekt bei Blumen Karin Floristik & Geschenke von Inhaberin Karin Pelz in Oberösterreich. Bisher geplante und zum Teil umgesetzte Maßnahmen sind die Anschaffung eines höhenverstellbaren Tisches zum Binden von Gestecken und eines Transportwagens für schwere Vasen. Auch ein weiterer Punkt, der im Rahmen der MSE-Prävention nicht vernachlässigt werden sollte, steht auf dem Programm: die Förderung des Bewusstseins für eine ergonomische Arbeitshaltung.(rp)

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Die Teilnehmer:innen wurden zu aktiven Bewegungspausen animiert.
© R. Reichhart