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Nicht ohne meine Maske

Virologen sind in ihrem Beruf einem Risiko aus­gesetzt, das derzeit auch alle anderen Menschen nur zu gut kennen. Wie gehen sie damit um?

Assoc.-Prof. Dr. Christoph Steininger, Klinische Abteilung für Infektionen und Tropenmedizin am AKH Wien

Wohl selten zuvor stand ein Berufsbild so intensiv im Fokus des Interesses wie derzeit jenes des Virologen. Corona sei Dank liefern die Medien fast täglich aktuelle Einschätzungen von namhaften Virologen, was das Covid-19-Virus kann, was es nicht kann, wer am meisten gefährdet ist und wer nicht, wie lange es uns erhalten bleibt oder wann es eine Impfung dagegen geben könnte. Eines ist klar: Virologen beschäftigen sich ein Berufsleben lang mit Viren. Sie forschen, erstellen Diagnosen und beraten bezüglich relevanter Vorsichtsmaßnahmen, möglicher Therapien und Gefahren. Derzeit sind selbst sie mitunter überfragt, denn zu neu und unbekannt ist das Virus, das derzeit die ganze Welt in Atem hält. Dabei sind es eben diese neu auftretenden Viren wie Sars-CoV-2, die eine besondere Faszination ausüben – mit ihnen bietet sich von gestern auf heute ein riesiges Forschungsgebiet – und jede Menge Gefahren.

Viren auf der Spur

Die Arbeit des Virologen fokussiert allerdings bei Weitem nicht nur neue, unbekannte Viren, sondern vor allem bekannte, die eine Bedrohung darstellen. Dazu gehören so bekannte Namen wie Herpes, HIV, Masern, Röteln, Noroviren, Hepatitis, aber auch Grippe oder Schnupfen. Prävention ist ein zentrales Thema, wenn es um Viren geht, denn Therapien, also Maßnahmen zur Heilung, unterliegen anderen Kriterien als etwa bei Bakterien, die mit Antibiotika bekämpft werden können.

Doch zurück zum Beruf des Virologen. Assoc.-Prof. Dr. Christoph Steininger von der Klinischen Abteilung für Infektionen und Tropenmedizin am AKH Wien ist ausgebildeter Facharzt für Innere Medizin und Facharzt für Virologie. „Meistens sind Virologen Fachärzte für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie“, erzählt Steininger. „Es gibt aber auch das Sonderfach Klinische Mikrobiologie und Hygiene oder den Beruf des medizinischen Mikrobiologen. Trotz verschiedener Grundausbildungen arbeiten sie alle als Virologen.“ Mit einem Studium der Medizin, Biologie oder Biochemie besteht jedenfalls eine gute Voraussetzung. Unterschiede bestehen etwa darin, ob sich die Virologen mit Diagnostik und Forschung beschäftigen oder mit der Patientenbetreuung. Auch Wissenschaftler ohne medizinischen Hintergrund, zum Beispiel Biologen, können Virologen sein. Für die breite Bevölkerung sind vor allem die Fragen der möglichen Ansteckung mit Viren, des Verlaufs der Virusinfektion und -erkrankung sowie der Bekämpfung der Infektion interessant. Das sind die Faktoren, die derzeit unseren Alltag ungemein schwierig gestalten.

Das Risiko der Ansteckung

Das größte Risiko, dem ein Virologe selbst ausgesetzt sein kann, ist jenes der Ansteckung. „Im Krankenhaus besteht die Gefahr der Weitergabe einer Infektion über das Personal und Patienten. Das ist auch der Grund, warum wir Virologen fast paranoid sind, wenn es um Eigenschutz geht – dabei geht es nämlich nicht nur um uns selbst, sondern auch um die Weitergabe an andere“, erzählt Steininger. „Entsprechend essenziell ist es, sorgfältig zu arbeiten und alle erforderlichen Schutzmaßnahmen wie Schutzkleidung, Mund-Nasen-Schutz, Handschuhe, Händedesinfektion et cetera zu treffen, denn Lücken haben weitreichende Konsequenzen.“

Freilich beschäftigen sich Virologen mit „Horrorviren“ wie Corona oder Ebola, doch auch vermeintlich harmlosere Viren wie Influenza, die „echte“ Grippe, können fatale Folgen haben. Immerhin sterben in Österreich jährlich rund 1.000 Menschen an der Influenza oder ihren Folgen. „Der wichtigste Schutz ist natürlich die Impfung. Bei uns an der Infektionsabteilung im AKH ist das medizinische Personal selbstverständlich zu hundert Prozent geimpft“, versichert der Virologe. Er selbst ist gegen alles geimpft, was möglich ist.

Steininger betont den zweiten Faktor, der unverzichtbar ist: „Außerdem stellt die Hygiene im Spital eine der wichtigsten Maßnahmen im Kampf gegen Viren dar. Krankenhäuser sind diesbezüglich sehr sichere Orte, weil sie hohe Hygienestandards erfüllen.“ Steininger trägt immer eine Maske, wenn er Patientenkontakt hat, seit Covid-19 steht zudem Händehygiene zuoberst auf der Prioritätenliste. „Vor jedem Zimmer steht ein Spender mit Desinfektionsmittel. Ich verwende es immer, unzählige Male täglich“, versichert der Experte. Schlimmeres sei dennoch möglich: „Die Ebola-Epidemie in Afrika von 2014 bis 2016 stellte Virologen vor immense Herausforderungen. Auch in Österreich gab es Übungen für den Ernstfall. Im Falle von Ebola müssen besondere Schutzanzüge mit Sauerstoffversorgung getragen werden. Das ist sehr anstrengend und unangenehm und das Handling ist kompliziert.“ Die Bilder aus Afrika, auf denen Virologen und andere Helfer in Ganzkörperanzügen mit Schwerkranken und Verstorbenen arbeiten, haben sich in die Köpfe eingebrannt und lassen sich angesichts der Coronapandemie nicht unbedingt leicht verscheuchen.

Risikominimierung als Berufsfokus

„Eine gewisse Risikobereitschaft muss natürlich auch vorhanden sein, aber das trifft letztlich jeden Mediziner“, so Steininger. Der Virologe ist überzeugt, dass er und seine Kollegen sicherer leben als andere, weil sie sich der Gefahren viel eher bewusst sind, sich bewusster schützen und mehr auf Hygiene achten. In diesem Beruf geht es immerhin tagtäglich darum, Risiken zu minimieren.
Wer Virologe werden möchte, muss eine große Faszination für die Wissenschaft und die Bereitschaft, sich stets auf Neues einzulassen, mitbringen, denn in der Virologie gibt es laufend neue Entwicklungen. Das ist aber genau das, was Steininger besonders spannend und schön findet. Außerdem sind es die großen Erfolge und Errungenschaften, die den Mediziner faszinieren: „Es werden immer mehr Impfungen und Therapien gegen Viruserkrankungen entwickelt. Vor nicht allzu langer Zeit war Hepatitis C noch eine große Bedrohung, heute ist sie heilbar. Das sind die Highlights von uns Virologen“, sagt ­Steininger abschließend. Intensive Forschungen haben gegen Hepatitis C, eine Leberentzündung, Heilungsmöglichkeiten gebracht – das wurde 2020 mit dem Nobelpreis honoriert. Bleibt zu hoffen, dass wir das auch bald für Corona sagen können.

Virologie – Epidemiologie – Infektiologie

Die Virologie erforscht Viren und Virusinfektionen sowie deren Eigenschaften, wie sie sich vermehren und die Behandlung und Vorbeugung ausgelöster Erkrankungen. Virologen arbeiten meist in der Forschung und im Labor, als Humanmediziner auch mit Patienten.

Die Epidemiologie befasst sich mit den Ursachen, der Verbreitung und den Folgen von Krankheiten. Sie untersucht außerdem die Faktoren, die Verbreitung und Verlauf beeinflussen. Epidemiologen arbeiten vor allem in der Forschung, manchmal auch bei Behörden.

Die Infektiologie beschäftigt sich mit der Diagnostik, Erforschung und Behandlung von Infektionskrankheiten. Infektiologen sind in der Forschung und als Ärzte tätig.

Das größte Risiko, dem ein Virologe selbst ausgesetzt sein kann, ist jenes der Ansteckung.
Das größte Risiko, dem ein Virologe selbst ausgesetzt sein kann, ist jenes der Ansteckung.
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