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Richtig heben mit der App

Die AUVA-App „Heben und Tragen“ war bei der Baufirma Porr zur Jahresunterweisung im Einsatz.

Der Lehrling geht mit geradem Rücken in die Hocke, hebt einen Pflasterstein von der Palette und richtet sich langsam auf. Seitlich von ihm steht eine Sicherheitsfachkraft und fotografiert mit dem Handy. Sie markiert in der AUVA-App „Heben und Tragen“ auf der Aufnahme Handgelenk, Ellbogen, Schulter und Lendenwirbelsäule, gibt Geschlecht, Alter, Körpergröße und -gewicht des Lehrlings sowie das Gewicht der Last ein. Das von der App berechnete Ergebnis ist erfreulich: „geringe Druckbelastung“ der Lendenwirbelsäule. Auch Tipps zum Heben und Tragen können angezeigt werden.

„Die App ist ein gutes Tool, schnell und einfach zu handhaben“, so Ing. Erwin Orsolits, Health & Safety Manager bei der Porr AG. Er war an der Vorbereitung der Jahresunterweisung 2019 beteiligt, die sich mit richtigem Heben und Tragen befasste. Dieses Thema wurde auf Wunsch der Führungskräfte als Schwerpunkt für die rund zweieinhalb Stunden dauernde Unterweisung in Wien, Niederösterreich und dem Burgenland gewählt. Fachliche Unterstützung kam von einer Sportmedizinerin und einem Arbeitsmediziner.

Die Unterweisungen fanden von Jänner bis Juni 2019 in Kleingruppen statt, in der Regel auf Bauhöfen oder Baustellen. War vor Ort kein Besprechungsraum vorhanden, nutzte man einen Bürocontainer. Beamer und Leinwand wurden bei Bedarf mitgebracht, das Übungsmaterial – persönliche Schutzausrüstung, Pritschenwagen, unterschiedliche Lasten und Verkehrsleitkegel oder Bauzäune zur Abgrenzung des Übungsgeländes – wurde vor Ort zur Verfügung gestellt.

Wissensvermittlung

Bei der Jahresunterweisung standen Wissensvermittlung und praktische Übungen auf dem Programm. Die Teilnehmenden wurden in zwei Gruppen, die jeweils eine Sicherheitsfachkraft leitete, eingeteilt. Gruppe eins begann mit einer Präsentation über die schädigenden Auswirkungen von falschem Heben und Tragen auf die Wirbel­säule, anschließend wurde die AUVA-App „Heben und Tragen“ vorgestellt. „Die Sicherheitsfachkraft hat vorgezeigt, wie man richtig hebt, dann haben Teilnehmer:innen eine leere Getränkekiste gehoben und sind dabei mit der App aufgenommen worden“, erzählt Orsolits.

Die Ergebnisse waren zum überwiegenden Teil sehr zufriedenstellend. „Beim Vorzeigen hat man gesehen, dass die Teilnehmer:innen wissen, wie man idealerweise heben sollte. Aber es ist natürlich ein Unterschied, ob man während der Arbeit hebt oder ganz bewusst und vor Publikum“, gibt Orsolits zu bedenken. Das Ziel sei, richtiges Heben und Tragen so zu automatisieren, dass es auch im Arbeitsalltag zur Routine wird.

Um das Bewusstsein zu stärken, wie schädlich falsches Heben sein kann, ließ man Freiwillige die leere Getränkekiste absichtlich mit rundem Rücken und gestreckten Knien heben, gab in der App aber das wesentlich höhere Gewicht einer vollen Kiste ein. Nun sah das Ergebnis ganz anders aus: „sehr hohe Druckbelastung“. „Das war ein Aha-Effekt. Am häufigsten haben wir als Feedback bekommen: ‚Ich hätte mir nicht gedacht, dass das so eine große Belastung ist‘“, erinnert sich Orsolits.

Praktische Umsetzung

Im zweiten Teil der Schulung absolvierte die erste Gruppe das Programm, das davor mit Gruppe zwei durchgenommen worden war. Die Sicherheitsfachkraft erklärte, welche Faktoren beim Heben und Tragen beachtet werden sollten. Neben der richtigen Hebe- und Tragetechnik sind das Maßnahmen wie Verringerung der Last, tragen zu zweit und Verwendung von technischen Hilfsmitteln.

Für die praktische Umsetzung des zuvor Gelernten diente ein Übungsaufbau mit einem Pritschenwagen samt verschiedener Lasten auf der Ladefläche. Die Teilnehmer:innen übten, die Lasten ab- und aufzuladen, rückenschonend auf die Pritsche und wieder hinunter zu steigen sowie Langware wie Pfosten zu zweit zu heben und zu tragen.
Bei der Nachbesprechung gaben die Sicherheitsfachkräfte Rückmeldungen zu den beobachteten Vorgehensweisen und machten Verbesserungsvorschläge. Im Rahmen einer Frage- und Antwortrunde hatten die Teilnehmer:innen die Gelegenheit, Unklarheiten auszuräumen und gemeinsam Lösungen für die konkreten Bedingungen auf den Baustellen zu erarbeiten. Durch den abschließenden Wissens-Check sollte garantiert werden, dass alle die Unterweisung nachweislich verstanden hatten.

Möglichkeiten und Grenzen

Orsolits zieht nach dem monatelangen praktischen Einsatz der Applikation bei der Jahresunterweisung eine positive Bilanz. Als größten Vorteil sieht er die Anwenderfreundlichkeit: Die App ist leicht zu bedienen und hat auf allen verwendeten Mobiltelefonen und Tablets funktioniert. Wichtig sei, die Person beim Heben genau von der Seite aufzunehmen und die Punkte auf den Gelenken und der Lendenwirbelsäule exakt zu setzen. Das erfordert einiges an Übung und ist auf einem kleinen Handy-Display schwieriger als auf einem Tablet.

Wodurch die App punktet und wo die Grenzen ihrer Einsatzmöglichkeiten liegen, beschreibt Mag. Michaela Strebl, Ergonomin im Präventions­bereich der AUVA-Hauptstelle: „Die App eignet sich sehr gut zur Schulung und Unterweisung, wie Lasten richtig und belastungsschonend zu heben und zu tragen sind. Es wird ein direktes Feedback zur Körperhaltung bei der Lastmanipulation und deren Auswirkungen auf den unteren Rücken gegeben.“ Zu empfehlen sei die App insbesondere in Branchen, in denen häufig manuell Lasten gehoben und manipuliert werden, beispielsweise in der Baubranche.

Voraussetzung für eine sinnvolle ­Anwendung der App ist eine Tätigkeit mit gleichmäßiger Bewegungsgeschwindigkeit sowie paralleler Bein- und Armstellung, da die Belastung anhand eines zweidimensionalen Modells errechnet wird. „Für wissenschaftliche Auswertungen und detailliertere Bewegungsanalysen ist die App nicht geeignet“, erklärt Strebl. Komplexe dreidimensionale Bewegungsabläufe können zum Beispiel mit Captiv Motion visualisiert werden. Dieses System arbeitet mit am Körper angebrachten Sensoren und lässt sich mit einer Blickanalyse, einem sogenannten Eye Tracking, kombinieren. Die AUVA bietet auch Bewegungsanalysen mit Captive Motion an, die mit Eye Tracking Systemen und Virtual Reality Anwendungen kombiniert werden können (nähere Informationen auf www.auva.at/mse unter „Beratung“). (rp)

Zum Download der AUVA-App „Heben und Tragen“: apps.auva.at

Lehrling beim Training der richtigen Hebetechnik eines Steinquaders
Maßnahmen zur Verringerung der Last sind ebenso wichtig wie dir richtige Hebe- und Tragetechnik.
© © R. Pexa