COVID-19

Eine familiäre und arbeitsbezogene Zwischenbilanz

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Mein Motto war es schon immer auszugleichen – Streitigkeiten unter Mit­­­­­arbeitern, Strukturkonflikte in­­­­­­ner­­­­­halb meiner Möglichkei­ten, liberale und konservative Ansichten, Gegensätze zwischen städtischen und ländlichen Werthaltungen, demokratische Grundhaltung und Stammtischgerede, Vorgaben seitens meiner Vorgesetzten und Ansprüche aus meinem Verantwortungsbereich und die fast unvermeidlichen Herausforderun­gen einer Patchwork-Familie.

Am 13. März war es klar, dass sich Österreich in den Lockdown begeben wird, an diesem Tag bin ich das letzte Mal mit meinem 10-jährigen Sohn und sehr vielen anderen „in Ausbildung Befindlichen“ – also Schülern und Studenten und Kindergartenkindern – eine längere Zugstrecke gefahren. Damals herrschte noch keine „Maskenpflicht“ in öffentlichen Verkehrsmitteln und ­Distanzregeln hätten sich beim besten Willen nicht einhalten lassen. Schülerunfälle hatte die Statistikabteilung der AUVA seit dem Tag praktisch keine zu verzeichnen.

Den ersten Tag im Homeoffice waren wir in unserer neuen temporären Wohnumgebung am Land alle skeptisch, ob und wie sich unsere – leider gewohnt nicht so tolle – Netzverbindung gestalten würde. Der Schule meines Sohnes habe ich gemailt, dass man sich bei den Streamingempfehlungen ein wenig mehr zurückhalten möge, und wir Erwachsene haben untereinander schon bald gewusst, wer wann welche virtuellen Meetings eher nicht versäumen sollte.
Wir leben in einem großartig funktionierenden Land, die Leute vergessen das manchmal gern. Ich mag mir nicht vorstellen, Ischgl durch Kaprun zu ersetzen, ohne Stromversorgung, ohne Sicherstellung der Lieferketten im Lebensmittelhandel und ohne alle anderen Mitarbeiter der „systemrelevanten“ Betriebe hätten die vielen folgenden Wochen ganz anders ausgesehen.

Schon im März sank die Zahl der Versicherten der AUVA sehr deutlich, auch im April gab es im Vergleich zum Vorjahr ein Minus von annähernd sieben Prozent. Es traf und trifft bei den unselbständig Erwerbstätigen die Arbeiter und vor allem die Arbeiterinnen.

Mein Mann gehört einer Risikogruppe an, es war gar nicht einfach festzustellen, ab wann welche Richtlinien wie auszulegen sind, mittlerweile ist er – wie so viele andere auch – in Kurzarbeit. Die Arbeitsmediziner, aber auch die Juristen der AUVA können dazu umfassend Auskunft geben.

Meine Stieftochter ist schwer behindert, sie hat neben vielen anderen Problemen eine sehr eingeschränkte Lungenfunktion. Ihre Mutter ist Altenpflegerin in einem steirischen Altersheim. Das Risiko, bei ihr zu bleiben, wollte sie nicht eingehen, ihr selber ist klar, dass sie sich nicht ewig wird einsperren können.
Vielen Opfern von Arbeitsunfällen bleibt eine starke Minderung der Erwerbsfähigkeit – diese Gruppe von Behinderten wird von der AUVA selbstverständlich finanziell entschädigt, es wurde und wird auch auf berufliche und soziale Rehabilitation geachtet. Wir verleihen alljährlich Preise an besonders ausdauernde pflegende Angehörige, wie sehr die jede Würdigung verdienen, ist mir in den letzten Wochen sehr viel klarer geworden.

Mir hat ein befreundeter Schweizer Anästhesist ge­­schrie­­­ben, dass wir alle dankbar sein sollen, nicht ebenda zu sein. Er selber sehe (auch risiko- oder altersbedingt) nur die Röntgenbilder schwer Erkrankter und in seiner sehr langen Berufslaufbahn hätte er dergleichen niemals zuvor einordnen müssen. Meine Schwester sieht das auch so – ihr Partner lebt in Spanien. Unsere Fallzahlen sind noch überschaubar – es ist aber keineswegs so, dass nicht jetzt (Anfang Juni) Woche für Woche neue Fälle hinzukämen.

Oft wurde die Statistikabteilung der AUVA auch nach Arbeitsunfällen im Homeoffice gefragt – zu Beginn waren die Zahlen ziemlich genau dieselben wie in allen anderen Monaten – die wirklich gefährdeten Arbeitnehmer haben im Allgemeinen auch keine Bürojobs. Ein Anstieg ließ sich bei der häuslichen Pflege feststellen – und im Bauwesen. Ersteres ist womöglich auf die sehr verlängerten Betreuungszeiten der Pflegenden zurückzuführen, Letzeres auf die Jahreszeit und die Versuche, so rasch wie möglich in Infrastrukturprojekte zu investieren und damit wenigstens 30.000 Arbeitslose im Bauwesen im Vergleich zum Vormonat weniger zu haben. Im Vergleich zum Vorjahr ist die Zahl aber auch hier deutlich niedriger. Insgesamt gibt es im April um fast 200.000 unselbständig Erwerbstätige weniger als im Vorjahr. Beim Spazierengehen startete ich auf der neu asphaltierten Straße und kam an fünf Baustellen innerhalb der ersten 500 Meter vorbei.

Leider musste ich diese wenigen etwas erholsameren Miniausflüge samt mütterlichem Unterricht im Wald aufgrund eines Bänderrisses einstellen. Ich hätte gleich ins Spital gehört – im Grunde wusste ich das, ich war aber in der Familie die Einzige, der Einkaufen möglich und erlaubt war. Im Handel haben übrigens bis April schon mehr als 20.000 Personen ihren Job verloren.

Die beste Freundin ist ein EPU, sie ist als Trainerin in der Erwachsenenbildung selbständig – ihre Beratungen bietet sie jetzt online an. Ihr Spezialgebiet ist Lampenfiebercoaching – Vorträge werden zurzeit eher nicht gehalten. Ein bisschen Soforthilfe ist geflossen, zum Leben reicht es eigentlich nicht.
Und auch all den Mitarbeitern, die neben ihren Betreuungspflichten, Haushaltsführung und Homeschooling, ihren Pflichten gegenüber ihren Dienstgebern – ganz egal, ob in der Produktion oder jeder anderen Branche, ob in privilegierter oder weniger gehobenen Positionen in höchstmöglichem Ausmaß – nachgekommen sind, sollten alle danken. Schön wäre es, wenn dieser Dank nicht nur verbal ausfiele.

Seit einer Woche ist Schicht­betrieb in der Schule für die unter 14-Jährigen. Mein Sohn war sehr enttäuscht vom Wiedersehen mit der halben Klasse, von den sehr rigiden Händewaschregeln jede Stunde und vom vereinzelten Sitzen in der Nachmittagsbetreuung. Etwas anderes ist in seiner Schule nicht erlaubt, obwohl jedes der wenigen anwesenden Kinder im Garten mehr als zehn Quadratmeter zur Verfügung gehabt hätte.

Einzig der Stau auf der Wiener Südosttangente hat sich ungewohnt normal angefühlt.

Über die Autorin:
Mag. Beate Mayer ist Leiterin der Statistikabteilung der AUVA