Ersatz von CMR-Stoffen in der Dichtungsproduktion

Der niederösterreichische Familienbetrieb Klinger Dichtungstechnik hat alle im Unternehmen verwendeten Arbeitsstoffe mit CMR-Eigenschaften erhoben und diese zum Großteil substituiert oder ersatzlos gestrichen.

Die Vulkanisations-Chemikalien lagern in geschlossenen Behältern, bei deren Öffnung automatisch eine Absaugung aktiviert wird. CMR-Stoffe wurden ersetzt. © R. Pexa

Dichtungen sorgen für einen sicheren Betrieb ohne Leckagen und Folgeschäden, die etwa durch den Austritt von gesundheits- oder umweltgefährdenden Stoffen entstehen können. Der niederösterreichische Dichtungsspezialist Rich. Klinger Dichtungstechnik GmbH & Co KG achtet darauf, dass auch bei der Produktion von Dichtungen krebserzeugende, erbgutverändernde oder die Fruchtbarkeit gefährdende Stoffe (CMR-Stoffe) vermieden und alle Schutzmaßnahmen eingehalten werden.

Gründliche Erhebung

Den Anstoß für ein zweijähriges Projekt, in dem alle im Unternehmen verwendeten CMR-Stoffe erfasst und zum Großteil substituiert oder ersatzlos gestrichen werden konnten, lieferte der AUVA-Präventionsschwerpunkt „Gib Acht, Krebsgefahr!“ zu krebserzeugenden Arbeitsstoffen. In einem ersten Schritt wurden die Sicherheitsdatenblätter erhoben. Fehlten sie oder waren veraltet, mussten aktuelle angefordert werden.
Dabei ging man laut DI Stephan Piringer, gewerberechtlicher Geschäftsführer, Sicherheits- und Umweltschutzbeauftragter bei Klinger Dichtungstechnik, sehr gründlich vor, um keinen CMR-Stoff zu übersehen: „Wir haben bei unseren Rundgängen durch das Unternehmen alle Schränke geöffnet und kontrolliert, welche Substanzen dort lagern.“ Den überwiegenden Teil dieser Arbeit übernahm Ingrid Stassner, MSc, bei Klinger Dichtungstechnik für Umwelt und Sicherheit zuständig. „Erstaunlich war, dass sich CMR-Stoffe in allen Bereichen quer durch das gesamte Unternehmen ‚verstecken‘ können“, nennt Stassner ein überraschendes Ergebnis der Erhebung.

Mit der Eingabe der Informationen aus den Sicherheitsdatenblättern in ein Administrationstool begann das eigentliche Substitutionsprojekt. In die Datenbank nahm man nicht nur sämtliche CMR-Stoffe auf, sondern auch jene Gemische, die zwar nicht als krebserzeugend, erbgutverändernd oder die Fruchtbarkeit gefährdend eingestuft sind, aber CMR-Stoffe – auch in geringer Konzentration – beinhalten. Bis August 2020 wurden in dem Tool insgesamt rund 425 Sicherheitsdatenblätter zentral gespeichert.

CMR-freie Alternativen

In einem nächsten Schritt bestimmte die Geschäftsführung für jede Abteilung – von der Produktentwicklung über Fertigung und Instandhaltung bis zum Prüflabor – ein oder zwei Verantwortliche, die bis Ende 2018 klären sollten, welche CMR-Stoffe substituiert oder ersatzlos gestrichen werden konnten. Insgesamt war rund ein Dutzend Personen involviert. Piringer und Stassner fungierten als Projektstabsstelle, bei der die Informationen zusammenliefen.

Berücksichtigt wurden sämtliche CMR-Stoffe und deren Gemische, auch wenn sie im Unternehmen nur in geringen Mengen benötigt wurden. „Je nach Substanz waren es wenige Gramm bis mehrere Hundert Kilogramm pro Jahr. Nachdem theoretisch ein einziges Molekül ausreicht, um z. B. das Erbgut zu verändern, haben wir alle CMR-Substanzen auf eine Ersatzmöglichkeit evaluiert, unabhängig von der jeweiligen Menge“, erklärt Stassner.

Bei dem mengenmäßig größten Posten, für den eine CMR-freie Alternative gefunden werden konnte, handelte es sich um ein Korrosionsschutzmittel für den Kessel. Pro Jahr betrug der Verbrauch bis zum Ersatz rund 400 Liter. Mit zirka 50 Kilogramm jährlich lag ein Frostschutzmittelkonzentrat an zweiter Stelle. Unter den ersetzten Substanzen mit CMR-Eigenschaften fanden sich auch ein Farbpigment, ein Klebstoff und Vulkanisations-Chemikalien.

Ersatz oder Streichung

Bei den Herstellern von zugekauften Produkten, die CMR-Stoffe enthielten, wurde nachgefragt, ob sie auch unbedenkliche Alternativen im Sortiment hätten, etwa Korrosionsschutzmittel oder Kleber. In einigen Fällen stellte man fest, dass der CMR-Stoff nicht unbedingt benötigt wurde. So konnte man z. B. auf Antihaftmittel und Gleitsprays auf Nickelbasis, Treibmittel sowie das als Laborchemikalie verwendete Chloroform verzichten.

Die Anpassung von Prozessen war wesentlich aufwendiger. Ein eigenes internes Entwicklungsprojekt befasste sich damit, die gleichen Produkteigenschaften mit anderen Ausgangsstoffen zu erzielen. „Eine Änderung der Rezeptur betrifft den Kernprozess, da ist unsere Kompetenz gefragt. Man muss Alternativen evaluieren, Prototypen testen, darauf achten, dass die Spezifikationen eingehalten werden“, so Piringer, der als Kunststoffchemiker auch für die Produktentwicklung zuständig ist.

Einer der geänderten Prozesse ergab sich durch den Umstieg auf ein anderes Korrosionsschutzmittel für den Dampfkessel. Das ursprünglich verwendete, die Fruchtbarkeit gefährdende Mittel war dem Kesselwasser händisch beigemengt worden. Bei gleicher Handhabung konnte es nicht durch ein anderes ersetzt werden, daher musste für das neue Korrosionsschutzmittel eine Dosiereinheit angeschafft werden.

Neu eingestufte Stoffe

Bis Ende 2019 war der Ersatz der bei Erhebung der Sicherheitsdatenblätter identifizierten CMR-Stoffe abgeschlossen. Damit ist die Arbeit laut Piringer aber nicht beendet: „Das Projekt hat drei Schwerpunkte: erstens die verwendeten CMR-Stoffe substituieren, zweitens dafür sorgen, dass keine neuen CMR-Substanzen ins Unternehmen kommen, drittens laufend verfolgen, ob bisher nicht als CMR-Stoffe geltende Substanzen umgestuft werden.“

Um bei Neueinstufungen von Substanzen auf dem Laufenden zu bleiben, hat Klinger Dichtungstechnik eine externe Firma damit beauftragt, regelmäßig Rechts-Updates zu erstellen. Dadurch erfuhr man auch rechtzeitig davon, als das weiße Farbpigment Titandioxid 2019 als CMR-Stoff mit Verdacht auf krebserzeugende Wirkung beim Einatmen eingestuft wurde.

Das Unternehmen beschloss, in Zukunft auf Titandioxid zu verzichten. Restbestände werden bis spätestens Ende 2020 aufgebraucht sein. Die Kunden wurden über die veränderte Farbe bei bestimmten Produkten informiert, ihre Reaktionen waren positiv. Laut Piringer zeigt sich dadurch, dass das Vermeiden eines krebserzeugenden Stoffs mittlerweile als wichtiger angesehen wird, als eine gewohnte Farbnuance beibehalten zu können.

Neue Substanzen

Auch intern traf das Substitutionsprojekt auf Zustimmung. Alle Mitarbeiter, deren Arbeitsabläufe geändert werden sollten, wurden kontaktiert und individuell informiert. „Durch die Brisanz des Themas und den Umstand, dass die Umstellung das Risiko für die Kollegen verringerte, wurde der zusätzliche Aufwand gerne mitgetragen“, so Piringer.

Damit keine neuen CMR-Stoffe unbemerkt ins Unternehmen kommen, sind die Verantwortlichen in den einzelnen Abteilungen angewiesen, vor dem Bestellen einer neuen Substanz diese auf CMR-Stoffe überprüfen zu lassen. „Die Disziplin ist sehr gut. Wir bekommen bei einer geplanten Neuanschaffung immer das Sicherheitsdatenblatt zugeschickt. Bei einer Einstufung als CMR-Stoff wird die Bestellung nicht freigegeben“, erklärt Piringer.

Stassner nennt ein konkretes Beispiel für einen gesundheitsgefährdenden Stoff, dessen Anschaffung so verhindert wurde: „Im Vorjahr hätte eine Farbe zum Anstreichen von Mulden bestellt werden sollen. Laut Sicherheitsdatenblatt war diese aber krebserzeugend. Wir haben daraufhin den Händler kontaktiert, bei dem unser Wunsch nach einer Alternative auf offene Ohren gestoßen ist.“

Weitere Schutzmaßnahmen

Wo sich gefährliche Arbeitsstoffe nicht ersetzen oder vermeiden lassen, trifft man bei Klinger Dichtungstechnik weitere Schutzmaßnahmen nach der STOP-Rangfolge (1. Substitution; 2. technische Maßnahmen, 3. organisatorische Maßnahmen, 4. personenbezogene Maßnahmen). So lagern die Chemikalien für die Vulkanisation der Elastomere in der Chemieverwiegungsanlage in geschlossenen Behältern, bei deren Öffnung automatisch eine Absaugung aktiviert wird. Arbeitsplatz- und Objektabsaugungen sorgen für die Erfassung der Schadstoffe direkt an der Entstehungsstelle.

Damit den Beschäftigten die Einhaltung des Ess-, Trink- und Rauchverbots leichter fällt, gibt es einen von der Fertigung getrennten Pausenraum und eine kleine Küche sowie einen eigenen Raucherbereich. Alle Behälter, Schränke und Bereiche, in denen mit gesundheitsgefährdenden Arbeitsstoffen hantiert wird, sind mit Gefahrenhinweisen gekennzeichnet. Direkt neben den Kästen zur Erstversorgung befinden sich die in Ordnern gesammelten Sicherheitsdatenblätter griffbereit zur Einsichtnahme. Außerdem sind alle Sicherheitsdatenblätter auf einem eigenen Laufwerk abgespeichert und können von jedem Firmen-PC aus abgerufen werden.

Die Mitarbeiter können auch selbst zu einem effizienten Schutz vor gesundheitsgefährdenden Stoffen beitragen, etwa durch Einhaltung der Hygienemaßnahmen. Um eine Verschleppung von Schadstoffen nach Hause zu vermeiden, stehen zwei Duschräume zur Verfügung. Privat- bzw. Arbeitskleidung wird in getrennten Spinden aufbewahrt. Bei bestimmten Tätigkeiten, z. B. bei Werkstoffwechsel, beim Tausch des Frostschutzmittels für den Kessel oder bei Staub­entwicklung, muss persönliche Schutzausrüstung getragen werden. Das Wissen, wie man sich schützen könne, sei in der Belegschaft vorhanden, so Piringer. Die Verantwortlichen für Arbeitssicherheit würden sich darum kümmern, dass es im Arbeitsalltag auch gelebt werde. (rp)