Galvanik: Auf das Handling kommt es an

In Galvanikbetrieben kann auf krebserzeugende Chrom(VI)-, Cobalt- und Nickelverbindungen meist nicht verzichtet werden. Schutzmaßnahmen gepaart mit gut geschulten, verantwortungsbewussten Mitarbeitern machen die Lenhard GmbH Galvanotechnik zum Vorzeigeunternehmen.

Bilder © R. Reichhart

Simone Lenhard, die gemeinsam mit ihrer Schwester Anja Schwarz den Familienbetrieb Lenhard GmbH Galvanotechnik in Oberösterreich leitet, redet nicht um den heißen Brei herum: „Beim Galvanisieren werden naturgemäß gefährliche Arbeitsstoffe verwendet, nicht alle sind ohne Qualitätseinbußen ersetzbar. Daher ist das richtige Handling das Um und Auf. Wir machen unsere Angestellten auf mögliche Gesundheitsgefahren und Schutzmaßnahmen aufmerksam.“ Bei Unklarheiten sei es besser noch einmal nachzufragen, bevor etwas passiere. Die Geschäftsführerin setzt auf das Verantwortungsbewusstsein der Arbeitnehmer, ermuntert sie „mit offenen Augen durch den Betrieb zu gehen“ und zu melden, wenn ihnen etwas auffällt, das verbessert werden könnte.
Ing. Andreas Wiesinger, Chemiker in der AUVA-Landesstelle Linz, ist bei seinen Betriebsbesuchen positiv aufgefallen, dass Inputs bei Lenhard Galvanotechnik gerne angenommen werden. Beim Schutz vor krebserzeugenden Arbeitsstoffen zählt das Unternehmen laut Wiesinger zu den Vorzeigebetrieben. Auch wenn man in der Galvanik mit Chrom(VI)-, Cobalt- und Nickelverbindungen arbeite, komme man im Routinebetrieb kaum mit krebserzeugenden Stoffen in Kontakt, sofern – wie bei Lenhard Galvanotechik – die Unterweisung richtig gemacht und persönliche Schutzausrüstung (PSA) verwendet werde.

Tätigkeiten mit erhöhter Exposition

Im neuen Merkblatt der AUVA, „M.plus 340.10 Krebserzeugende Arbeitsstoffe in Galvanikbetrieben. Routinebetrieb, Instandhaltung und Störung“, wird beschrieben, bei welchen Tätigkeiten man mit einer erhöhten Exposition rechnen muss. Beim Umfüllen pulverförmiger Feststoffe stellt die Staubentwicklung ein Problem dar. Flüssigkeiten, etwa Nickellösung, können beim Umfüllen oder bei der Probenahme spritzen. Dabei spielt es laut Wiesinger eine wesentliche Rolle, ob geeignete PSA richtig verwendet wird: „Befüllt man ohne Schutzhandschuhe ein Probenfläschchen aus einem Galvanikbad, ist Hautkontakt möglich.“
Weitere Tätigkeiten, bei denen es zu Spritzern auf die Haut oder die Arbeitskleidung kommen kann, sind die händische Zugabe von Chemikalien in die Galvanikbecken zum Nachdosieren sowie das Eintauchen von Metallteilen ins Galvanikbecken und das Herausnehmen der galvanisierten Werkstücke. Man dürfe dabei nicht hastig vorgehen, so Wiesinger, da zwar Schutzbrille und -handschuhe einen Schutz bieten würden, normale Arbeitskleidung von der Lösung aber durchdrungen werden könne.

Auch die auf den ersten Blick „ungefährlich“ erscheinenden Kontrollgänge an Automaten und Anlagen bergen ein Risiko. „Wenn ein Teil zum Galvanisieren über einem Becken aufgehängt ist, kann es hineinfallen, zum Beispiel wenn der Aufhängehaken aus Metall korrodiert ist, und dann spritzt es“, so ­Wiesinger. Die Aufhängevorrichtungen müssen daher regelmäßig kontrolliert werden, um zu vermeiden, dass sie brechen.

Beim Entleeren von Galvanikbecken, Schläuchen und Pumpen kann man ebenfalls mit krebserzeugenden Chemikalien in Kontakt kommen. Auch bei Reinigungs- und Entsorgungsarbeiten ist Vorsicht geboten, etwa bei der Entfernung von Rückständen vom Beckenrand, beim Reinigen von Becken, Geräten, Hilfsmitteln, Lüftung und Böden. Gefahr für das Instandhaltungspersonal besteht vor allem durch unvermutet austretende Flüssigkeiten, wenn zum Beispiel Armaturen ausgebaut, festkorrodierte Ventile, Hähne und Schieber betätigt oder Schrauben gelöst werden.

Im Zuge dieser Tätigkeiten können krebserzeugende Arbeitsstoffe auf unterschiedliche Arten in den Körper gelangen. Wenn die Stoffe versprüht oder durch Wasserstoffentwicklung aus dem Prozessbehälter ausgetragen werden, sich bei heißen Tauchbecken Aerosole bilden oder wenn es staubt, sind Atemwege und Lunge einer besonderen Belastung ausgesetzt. Eine Aufnahme durch die Haut ist bei Feuchtarbeit möglich. Bei Nichteinhaltung von hygienischen Maßnahmen oder des Ess-, Trink- und Rauchverbots am Arbeitsplatz besteht zusätzlich das Risiko, den Stoff über die Hände oder Ablagerungen auf Nahrung und Getränkeflaschen aufzunehmen.

Substitution hat Vorrang

Wie in allen Branchen, in denen krebserzeugende Arbeitsstoffe vorkommen, sollte auch in der Galvanik Substitution an erster Stelle stehen. Eine Möglichkeit besteht darin, Verbindungen des krebserzeugenden sechswertigen Chroms durch Chrom(III)-Verbindungen zu ersetzen. Bei Lenhard Galvanotechnik wird dreiwertiges Chrom derzeit versuchsweise verwendet. „Für das gleiche Ergebnis, beispielsweise um einen guten Korrosionsschutz zu erzielen, ist mit Chrom(III) ein viel höherer Aufwand notwendig“, erklärt Lenhard. Trotzdem werde der Probebetrieb weiter fortgesetzt.

Ist ein krebserzeugender Arbeitsstoff nicht durch einen anderen substituierbar, lässt sich das Gefahrenpotential durch eine niedrigere Konzentration verringern. Bei der Zugabe von Chemikalien in die Galvanikbecken kann eine Belastung durch einatembare Stäube vermieden werden, wenn man anstelle von pulverförmigen Stoffen Lösungen verwendet.

Substitution bedeutet aber auch, ein Arbeitsverfahren durch ein anderes zu ersetzen, bei dem die Arbeitnehmer weniger exponiert gegenüber den gesundheitsgefährdenden Stoffen sind. Bei Lenhard Galvanotechnik wurden etwa Tätigkeiten automatisiert, die davor händisch durchgeführt wurden. Im Chemikalienlager installierte man eine Dosierstation für die krebserzeugende Nickellösung und die Reduktionslösung. „Wenn einem Galvanikbad eine Lösung zugesetzt werden muss, wird in der Abfüllstation die entsprechende Menge abgefüllt. Früher sind die Lösungen mit Fasspumpen abgefüllt worden. Die Pumpen mussten in die Fässer eingesetzt und wieder herausgenommen werden. Da hat es manchmal gespritzt“, erinnert sich Alexander Werni, Leiter des Bereichs Galvanik.

Ebenfalls im Chemikalienlager befindet sich die automatische Sackdosieranlage. „Der Sack wird in die Sackaufgabe gelegt und durch spitze Stifte in Position gehalten. Der Arbeitnehmer schlitzt den Sack händisch auf und verschließt den Deckel. Dann kann das Produkt staubfrei in den Behälter geleert werden“, erklärt Wiesinger. Die Sackschütte wurde im Haus hergestellt, ebenso wie die verwendeten Galvanisiergestelle. Dank des zweiten Standbeins von Lenhard Galvanotechnik, des Gestell- und Werkzeugbaus, kann das Unternehmen Lösungen für den Eigenbedarf selbst entwerfen und umsetzen.

Zu den technischen Maßnahmen, die in der Galvanik zum Schutz der Mitarbeiter dienen, zählt auch die Verwendung von geschlossenen Systemen, zum Beispiel Befüllsysteme mit fix verlegten Leitungen zur Versorgung der Prozessbehälter mit Säuren, Laugen und anderen gefährlichen Arbeitsstoffen. Aerosole oder Stäube sollten möglichst an der Entstehungsstelle abgesaugt werden. Bei Lenhard Galvanotechnik sind über der Wiege- und der Abfüllstation im Chemikalienlager Absaughauben installiert, die Galvanikbecken verfügen über eine Beckenrandabsaugung.

Organisatorische und personenbezogene Maßnahmen

Die Becken sind, ebenso wie die Schränke zur Aufbewahrung der Chemikalien, mit Gefahrenpiktogrammen versehen. Der Zutritt zu den gekennzeichneten Gefahrenbereichen ist nur geschulten Mitarbeitern gestattet. Lenhard betont, dass in ihrem Unternehmen Hygiene großgeschrieben wird: „Für die Reinigung in der Galvanik sind die Galvaniseure und Bestückerinnen selbst zuständig. Jeden Freitag ist eineinhalb Stunden vor Betriebsschluss Produktionsschluss, in dieser Zeit wird nur gereinigt.“

Eine Reihe von Maßnahmen sorgt dafür, dass die Aufnahme und das Verschleppen von gesundheitsgefährdenden Stoffen vermieden wird. Die Beschäftigten in der Galvanik bewahren ihre Trinkflaschen in verschlossenen Kästen auf. Die Pausen verbringen sie in einem Pausenraum mit kleiner Küche, der abgetrennt von der Produktion im Gestellbau-Bereich liegt. In der Früh entnehmen die Mitarbeiter die saubere Arbeitskleidung einem mit ihrem Namen versehenen Kästchen, nach Arbeitsende verpacken sie die gebrauchte Kleidung in Säcke. Die Reinigung übernimmt eine professionelle Reinigungsfirma. So gelangt keine verunreinigte Arbeitskleidung in das Zuhause der Mitarbeiter.

Bei Lenhard Galvanotechnik werden nur kleine Metallteile bis maximal acht Kilogramm galvanisiert, etwa Brillengestelle oder Kleinteile von der Dentalmedizin über den Motorsport bis zur Flugzeugindustrie. Die Beschickung der Anlage erfolgt ausschließlich händisch, daher spielt der richtige Handschutz eine besonders wichtige Rolle. Wiesinger weist darauf hin, dass das Handschuhmaterial für die jeweilige Galvaniklösung geeignet sein muss. Ein Wechseln der Handschuhe ist nach Ablauf der vom Hersteller angegebenen Durchbruchszeit erforderlich und natürlich auch, wenn diese beschädigt sind.
Beim Abfüllen von Chemikalien oder beim offenen Umgang mit Säuren und Laugen muss eine Schutzbrille oder ein Gesichtsschutz verwendet werden, was Wiesinger auch für die Beckenkontrolle empfiehlt. Welche PSA zusätzlich zu Schutzbrille und -handschuhen erforderlich ist, hängt von der Gefährdungsbeurteilung ab. Beim Umfüllen und beim Reinigen der Galvanikbecken sollte man Gummihose oder -schürze und Gummistiefel tragen.
Eine Halbmaske verwenden die Mitarbeiter von Lenhard Galvanotechnik beim Umfüllen von Säuren und beim Zugeben von pulverförmigen Chemikalien in die Becken. Einen wesentlichen Input dazu habe der AUVA-Schwerpunkt zu krebserzeugenden Arbeitsstoffen geliefert, so Lenhard: „Durch die Kampagne sind wir draufgekommen, dass wir für die Halbmaske nicht nur einen Gas- sondern für staubende Chemikalien auch einen Partikelfilter brauchen.“ (rp)