Gesunde Arbeitsplätze – Entlasten Dich!

Die Prävention arbeitsbedingter Muskel-Skelett-Erkrankungen ist Schwerpunkt der aktuellen europäischen Gesundheitsschutz-Kampagne.

BM Mag. (FH) Christine Aschbacher eröffnete die virtuelle Auftaktveranstaltung. © G. Nesvadba/BMAFJ

BM Mag. (FH) Christine Aschbacher eröffnete die virtuelle Auftaktveranstaltung. © G. Nesvadba/BMAFJ

Gesunde Arbeitsplätze – Entlasten Dich!“ lautet der Titel der Kampagne der Europäischen Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz (EU-OSHA), die sich der Vermeidung von arbeitsbedingten Muskel-Skelett-Erkrankungen (MSE) widmet. Die Auftaktveranstaltung in Österreich fand am 20. Oktober als interaktive Videokonferenz statt. Die Botschaften der Kampagne beschreibt Dr. Christa Sedlatschek, Direktorin der EU-OSHA: „Frühzeitige Prävention, Intervention und Rehabilitation zur Vorbeugung und Behandlung von MSE, die Unterstützung von Arbeitnehmern mit chronischen MSE bei der Rückkehr in den Beruf sowie die Förderung eines ganzheitlichen Präventionsansatzes für MSE.“

Mag. (FH) Christine Aschbacher, Bundesministerin für Arbeit, Familie und Jugend, erklärt: „Allein in Österreich sind MSE für ein Fünftel aller Krankenstandstage verantwortlich.“ Ihr Ministerium gehe bei der Prävention mit gutem Beispiel voran: Durch zum Teil gemeinsam mit der AUVA durchgeführte Fitnessmaßnahmen wird Bewegung in den Dienstalltag der Mitarbeiter integriert.

AUVA-Präventionsschwerpunkt

DI Mario Watz, der Obmann der AUVA, verwies auf die Erfolge gezielter Präventionsarbeit, die zu einer Halbierung der Anzahl an Arbeitsunfällen in den letzten 30 Jahren geführt hatte, und zeigte sich bezüglich der Verhinderung von MSE optimistisch. 2021 bis 2022 wird die AUVA auch einen Präventionsschwerpunkt zu arbeitsbedingten Muskel-Skelett-Erkrankungen und physischen Belastungen am Arbeitsplatz setzen, der mit dem Forum Prävention im Frühjahr 2021 beginnen wird. Die AUVA wird dazu Merkblätter, Videos und eine Rubrik auf der Website erstellen sowie Informations- und Fachveranstaltungen anbieten. „Es wird Workshops, Seminare und Webinare zu ausgewählten Themen geben“, so Mag. Michaela Strebl aus der Fachgruppe Ergonomie der AUVA-Hauptstelle. Die Seminarangebote sind während des Präventionsschwerpunkts um 50 Prozent ermäßigt.
Bei Tätigkeiten wie Heben und Tragen habe die Automatisierung zu einer Verbesserung und damit zu einer Verringerung der Unfallgefahr beigetragen“, sagt Mag. Julia Lebersorg-Likar von der AUVA-Hauptstelle: „Die Handhabung von schweren Lasten in Zusammenhang mit Ermüdung und einem zusätzlichen Faktor wie beispielsweise einem unebenen Boden erhöht das Risiko des Ausrutschens, des Stolperns, und kann damit zu Unfällen führen.“ DI Georg Effenberger, Leiter der Abteilung Prävention in der Hauptstelle der AUVA, wies darauf hin, dass MSE an jedem Arbeitsplatz vorkommen können. Gute Beispiele für Lösungen in Betrieben können durch die europaweite Vernetzung nun auch für Österreich nutzbar gemacht werden.

Gute praktische Lösungen

Die Managerin des National Focal Point, der Schnittstelle zwischen EU-OSHA und Österreich, Mag. Martina Häckel-Bucher vom Zentral-Arbeitsinspektorat, fordert die Unternehmen auf, sich am Wettbewerb der EU-OSHA für gute praktische Lösungen zu beteiligen. Bei der Prävention von MSE gehe es auch um kleine Maßnahmen wie Schulungen oder Workshops.

Psychische Erkrankungen und Verhaltensstörungen können laut Mag. Julia Steurer, stellvertretende Leiterin der Abteilung für Arbeitsmedizin und Arbeitspsychologie des Zentral-Arbeitsinspektorats, MSE fördern: „Monotone Arbeitsabläufe, Konflikte in der Arbeit, Zeitdruck oder schlecht gestaltete soziale Beziehungen verstärken den Druck auf den Bewegungs- und Stützapparat. Das Ungünstigste sind hohe psychische Belastungen im Zusammenhang mit hohen physischen Belastungen.“

Entlastungstipps

Dr. Paul Scheibenpflug, Sport- und Kommunikationswissenschaftler mit Schwerpunkt Bewegungsergonomie, gab „Entlastungstipps für Kreuz, Knie & Co“ aus der Praxis für die Praxis. Er erklärte, wie man körpernah hebt, richtig auf- und absteigt und worauf man bei Bildschirmarbeit achten muss.
Mag. Heidi Adelwöhrer, CEO des burgenländischen Good-Practice-Betriebs Neudoerfler Büromöbel, beschrieb, welche Präventionsmaßnahmen im eigenen Unternehmen gesetzt werden. Dazu zählen das Heben sperriger Platten mit einem Vakuumsauger, sogenannte Lufttische zum fast schwerelosen Bewegen von Fertigungsteilen und individuell angepasste Arbeitshöhen. „MSE kosten die Arbeitnehmer die Gesundheit und die Arbeitgeber Geld in Form von Abwesenheiten. Hat jemand Schmerzen, so schränkt das seine Produktivität ein, selbst wenn er am Arbeitsplatz ist“, stellte Mag. Christa Schweng, Abteilung für Sozialpolitik und Gesundheit der Wirtschaftskammer Österreich, fest.

Verhältnisse ändern

MMag. Petra Streithofer von der Abteilung Sicherheit, Gesundheit und Arbeit der Arbeiterkammer Wien nahm die Arbeitgeber in die Pflicht. Diese dürften nicht nur auf der Verhaltens-, sondern müssten auch auf der Verhältnisebene arbeiten. „Schulungen sind wichtig, aber vorrangig ist es, etwas an den Verhältnissen in den Betrieben zu ändern, technische Maßnahmen zu ergreifen“, so die Juristin. Auf eine Gruppe von Arbeitnehmerinnen wies Dr. Ingrid Reifinger vom ÖGB-Referat Sozialpolitik-Gesundheitspolitik hin, für die Prävention zu spät kommt: „Frauen in der Pflege, die in den späten 1970ern und 80ern zu arbeiten begonnen haben. Damals hat es noch keine höhenverstellbaren Betten gegeben, die gesundheitlichen Auswirkungen merkt man erst 25, 30 Jahre später.“ Es sei wichtig, dass Erkrankungen durch langjähriges schweres Heben und Tragen als Berufskrankheit anerkannt würden. Zum Abschluss der Veranstaltung betonte Mag. Stephanie Probst, Expertin für Arbeit & Soziales und Arbeitsrecht der Industriellenvereinigung, dass bei der Prävention von MSE die Sozialpartner zusammenarbeiten müssten: „Das ist ein Thema, das jeden betrifft, egal, ob wir vom klassischen Büroarbeitsplatz reden, dem Lkw-Fahrer oder der Produktion.“ Es gebe Verbesserungspotenziale bei Information, Aufklärung und Prävention, die im Interesse von Arbeitgebern und Arbeitnehmern genutzt werden sollten. (rp)