Rasche Orientierungshilfe: Desinfektionsmittel-Datenbank

Desinfektionsmittel schützen und sind seit der Corona-Krise ein begehrtes Gut. Doch manche Produkte enthalten bedenkliche Stoffe. Welche, das lässt sich mit einem Blick in die Wiener Desinfektionsmittel-Datenbank WIDES herausfinden.

Desinfektionsmittel sollten sorgfältig ausgewählt werden, manche enthalten gesund­heitsgefährdende Inhaltsstoffe. © Marion Jaros

In Spitälern, Ordinationen, Pflegeheimen, Schulen, Kindergärten und Bädern, aber zum Beispiel auch in der Lebensmittelverarbeitung und der Gas­tronomie müssen Keime mit Desinfektionsmitteln bekämpft werden. Diese schützen vor Infektionen, enthalten aber zum Teil ätzende, giftige, allergieauslösende Stoffe oder die Fruchtbarkeit und das Erbgut schädigende oder krebserzeugende Chemikalien. Vor allem bei der Anwendung von Desinfektionsmitteln können flüchtige Inhaltsstoffe durch Einatmen in die Lunge gelangen. Die Haut kann mit gefährlichen Stoffen über undichte Stellen in Handschuhen in Kontakt kommen.

Oft ist es den Beschäftigten, die Desinfektionsmittel anwenden, gar nicht bewusst, dass sie mit gesundheitsgefährdenden Stoffen arbeiten. Es liegt in der Verantwortung des Arbeitgebers, für den Schutz der Belegschaft vor gefährlichen Arbeitsstoffen zu sorgen, wobei der Ersatz gesundheitsschädigender Produkte oberste Priorität hat. Eine Vorreiterrolle kommt hier der Stadt Wien zu, die – einschließlich der weitgehend selbstständigen Unternehmungen – mit rund 65.000 Mitarbeitern der größte Arbeitgeber der Bundeshauptstadt ist. Knapp die Hälfte der Beschäftigten arbeitet im Wiener Krankenanstaltenverbund.

In den Krankenhäusern und anderen Einrichtungen der Stadt Wien werden jährlich insgesamt mehr als 400 Tonnen an Desinfektionsmitteln verbraucht. Einen wesentlichen Beitrag dafür, dass für sämtliche Produkte mit krebserzeugenden Inhaltsstoffen ein gleichwertiger Ersatz gefunden werden konnte, leisteten die Wiener Umweltanwaltschaft und ihre Kooperationspartner mit der Entwicklung der Wiener Desinfektionsmittel-Datenbank WIDES. In dieser lassen sich über 300 Desinfektionsmittel mit insgesamt rund 240 Inhaltsstoffen hinsichtlich ihres Gefährdungspotenzials online vergleichen – und das kostenlos.

Arbeitsgruppe Desinfektion

Die Datenbank baut auf einem Vorgängerprojekt aus den späten 1990er-Jahren auf. Damals waren die Informationen zu Gefahren durch Desinfektionsmittel allerdings unzureichend. Die Hersteller stuften die Stoffe oft unterschiedlich ein und es gab viele Datenlücken. Im Jahr 1998 initiierte die Stadt Wien das Beschaffungsprogramm ÖkoKauf Wien, das sich zum Ziel setzte, das gesamte Beschaffungswesen der Stadt an ökologischen Kriterien auszurichten. Im Rahmen des Programms wurde die Arbeitsgruppe Desinfektion gegründet, die damit befasst war und ist, die WIDES zu entwickeln und kontinuierlich zu verbessern.

Die Leitung der Arbeitsgruppe übernahm DI Marion Jaros von der Wiener Umweltanwaltschaft; für die Aktualisierung der Datenbank zuständig ist das Technische Büro Klade. Zu den Projektpartnern zählen die Wiener Umweltschutzabteilung als Leiterin von ÖkoKauf Wien und die AUVA mit
DI Robert Piringer, Fachkundiges Organ Chemie in der Abteilung Unfallverhütung und Berufskrankheitenbekämpfung der AUVA-Hauptstelle, sowie nach seiner Pensionierung mit seiner Nachfolgerin DI Martina Seibert.

Seit 2009 steht die WIDES-Datenbank, die davor nur intern durch die Stadt Wien genutzt werden konnte, unter www.wides.at (auf Englisch unter www.wides.at/en) online allen Interessierten kostenlos zur Verfügung. „Hauptzielgruppe sind die Hygienebeauftragten in Krankenhäusern“, so Piringer. Aber auch Arbeitsmediziner, Sicherheits- und Umweltbeauftragte sowie andere mit Desinfektionsmitteln befasste Personen profitieren von den in der Datenbank gespeicherten Informationen.

Bedienung der Datenbank

Bei der Konzeption der Datenbank wurde besonderer Wert auf rasche und einfache Bedienbarkeit gelegt. Möchte man Desinfektionsmittel für eine bestimmte Anwendung in Bezug auf Gesundheits- und Umweltgefahren vergleichen, wählt man im Modul „Produkte“ unter „Produktbewertungen pro Anwendungsbereich“ den gewünschten Bereich aus, zum Beispiel „Fläche – Wischdesinfektion“. Bei der Anwendungsform kann man sich zwischen „gebrauchsfertig“ oder „Konzentration oder Granulat“ entscheiden. In einem weiteren Schritt werden Einwirkzeit und Wirkungsspektrum ausgewählt.
Als Ergebnis erhält man eine Auflistung von entsprechenden Desinfektionsmitteln mit Angabe von Hersteller und Wirkstoffbasis. In einem Raster ist die Bewertung jedes Produkts in vier gesundheitsbezogenen Gefährdungskategorien – 1. akute Giftigkeit, 2. Reiz- und Ätzwirkung, 3. Sensibilisierung und allergenes Potenzial, 4. chronische Toxizität sowie CRM-Eigenschaften – angegeben. Dazu kommen zwei Kategorien, die sich auf ökologische Gefahren beziehen: das Verhalten in Oberflächengewässern akut und chronisch. Bei entzündlichen Produkten ist auch angegeben, wie leicht entzündlich diese sind.

Die Bewertung wird in Form eines Farbcodes von Hellgelb für „geringe Gefährdung“ bis Dunkelrot für „hohe Gefährdung“ dargestellt. Ist für einen Inhaltsstoff in einer Kategorie keine Information verfügbar, enthält das entsprechende Feld ein Fragezeichen. Wenn für eine Kategorie Informationen zu allen Inhaltsstoffen fehlen, bleibt das Bewertungsfeld weiß. Durch eine zusätzliche Filterfunktion kann man Stoffe mit bestimmten gefährlichen Eigenschaften ausschließen. „Vor Kurzem ist eine zusätzliche Funktion eingebaut worden, die für jeden Inhaltsstoff angibt, ob er in die Kategorie mit hoher, mittlerer oder niedriger Gefährdung fällt“, beschreibt Jaros die jüngste Neuerung.

EU-Zulassung von Produkten

Dass mittlerweile sowohl die meisten weißen Flächen und Fragezeichen als auch viele gesundheitlich und ökologisch besonders bedenkliche Desinfektionsmittel aus der Datenbank verschwunden sind, ist nicht zuletzt europarechtlichen Instrumenten wie der REACH-Verordnung und der Biozidprodukte-Verordnung zu verdanken. Diese regeln die Zulassung von Produkten innerhalb der EU und verlangen von den Herstellern durch Tests belegte Aussagen über mögliche Gefahren.

„Durch die neuen Erkenntnisse im Rahmen der Tests und Dossiers nach der Biozidprodukte-Verordnung wird das Wissen über Desinfektionsmittel klarer und es können die richtigen Schutzmaßnahmen beim Umgang mit diesen Produkten getroffen werden“, erklärt Seibert. Für die AUVA sei es wichtig, dass diese Erkenntnisse auch rasch an die Betroffenen weitergegeben würden, damit sie sich entsprechend schützen oder auf andere, weniger gesundheitsgefährdende Produkte ausweichen könnten.

Mutterschutz-Erlass

In Österreich ist der Ersatz gesundheitsgefährdender Stoffe in Desinfektionsmitteln auch durch den Mutterschutz-Erlass des Bundesministeriums für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Konsumentenschutz aus dem Jahr 2016 vorangetrieben worden. Dieser regelt bundesweit und branchenübergreifend, welche Händedesinfektionsmittel schwangere Arbeitnehmerinnen verwenden dürfen. Es kommen nur Produkte infrage, die nicht krebserzeugend, erbgutverändernd oder fortpflanzungsgefährdend sind und bei denen auch kein Verdacht darauf besteht.
Zur Prüfung der Zulässigkeit von Händedesinfektionsmitteln für schwangere Arbeitnehmerinnen empfiehlt der Erlass als das einfachere von zwei möglichen Nachweisverfahren einen Gegencheck von Produkten in der Desinfektionsmittel-Datenbank WIDES (in der Datenbank gibt es auch einen Direktlink zu erlasskonformen Händedesinfektionsmitteln unter: www.wien.gv.at/wuawides/internet/Produktsuche/Mutterschutz). Wird diese nicht genutzt, muss der Hersteller selbst ein Dossier mit den aktuellen Einstufungen der relevanten Inhaltsstoffe zusammenstellen und bei widersprüchlicher Datenlage oder Fehlen von Daten eine kostenpflichtige Prüfung durch das Umweltbundesamt beantragen.
Nach dem Erlass kam es innerhalb von zwei Jahren zu einer Marktveränderung, da die Nachfrage nach nicht dem Mutterschutz entsprechenden Händedesinfektionsmitteln einbrach und die Hersteller ihre Rezepturen entsprechend anpassten. Jaros vermutet, dass die Arbeitgeber offensichtlich nicht riskieren wollten, Frauen gesundheitsgefährdenden Stoffen auszusetzen, bevor sie von einer bestehenden Schwangerschaft wissen. Auch die parallele Verwendung von zwei unterschiedlichen Desinfektionsmitteln könnte in der Praxis zu Problemen geführt haben.

Ersetzte Gefahrstoffe

Als Beispiele für krebserzeugende Stoffe, die in mittlerweile ersetzten Händedesinfektionsmitteln enthalten waren, nennt Jaros naphta- oder hexanhältige Produkte. Auch Formaldehyd wurde vor der Einstufung als eindeutig krebserzeugend zur Desinfektion verwendet. In mikrobiziden Seifen zählte Triclosan zu den hormonschädigenden und krebsverdächtigen Wirkstoffen, die inzwischen nicht mehr zugelassen sind. Als Alternative bietet sich die Händewaschung mit gewöhnlicher Flüssigseife mit anschließender alkoholischer Händedesinfektion an. In der Flächendesinfektion werden Sauerstoffabspalter oder Produkte auf der Basis von quaterären Ammoniumverbindungen empfohlen.

Die Arbeitsgruppe Desinfektion führte in den letzten Jahren bei allen Dienststellen der Stadt Wien, die sie bei der Auswahl geeigneter Desinfektionsmittel unterstützt hatte, ein Monitoring durch. „Im Großen und Ganzen waren wir sehr zufrieden. Auch die Hygieneexperten, die diese Dienststellen beraten, haben den Schutz der Arbeitnehmer im Blickfeld und schauen meist selbstständig in die WIDES-Datenbank“, zieht Jaros Bilanz. Zu den wenigen Ausnahmen zählte die Verwendung mikrobizider Seifen, die Triclosan enthielten. Diese wurden jedoch auf ihre Warnung hin unmittelbar ersetzt.

Der Präventionsschwerpunkt der AUVA „Gib Acht, Krebsgefahr!“ lenkte die Aufmerksamkeit von Arbeitgebern und Arbeitnehmern auch im Bereich der Desinfektion verstärkt auf die Gefahren durch krebserzeugende Arbeitsstoffe, wie Piringer feststellt: „Die Kampagne hat dazu beigetragen, dass das Bewusstsein für krebserzeugende Stoffe in Krankenhäusern gestiegen ist. Der Ersatz von krebserzeugenden Desinfektionsmitteln hat einen Anstoß bekommen.“

Die von der AUVA als Good-Practice-Beispiel präsentierte WIDES-Datenbank wurde 2019 von der Europäischen Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz (EU-OSHA) im Rahmen der Kampagne für gesunde Arbeitsplätze mit einer Empfehlung ausgezeichnet. „Die Würdigung durch die EU-OSHA ist eine Bestätigung des Be­­­wertungsschemas. Sie zeigt, dass dieses anerkannt wird“, so Piringer. (rp)

DI Martina Seibert, Fachkundiges Organ Chemie in der Abteilung Unfallverhütung und Berufskrankheitenbekämpfung der AUVA-Hauptstelle

DI Robert Piringer, ehem. Fachkundiges Organ Chemie in der Abteilung Unfallverhütung und Berufskrankheitenbekämpfung der AUVA-Hauptstelle

Mehr Informationen zum AUVA-Präventionsschwerpunkt 2018–2020 rund um krebserzeugende Arbeitsstoffe finden Sie unter www.auva.at/krebsgefahr