Schädlicher Qualm im OP

Chirurgischer Rauch kann krebserzeugende Stoffe wie Benzol enthalten. Die wichtigste Schutzmaßnahme für Chirurgen und

OP-Personal ist eine Absaugung direkt an der Entstehungsstelle.

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Chirurgische Rauchgase

werden von Ärzten und medizinischem Perso­nal vor allem als störend wahrgenommen: Sie behindern die Sicht und verursachen eine Geruchsbelästigung. Denkt man an mögliche gesundheitliche Schäden durch die Rauchgase, fällt einem meist zuerst die Gefahr durch infektiöses Material ein. Abgesehen von dem Risiko einer akuten Erkrankung durch Viren oder Bakterien kann auch eine lange andauernde Belastung durch chirurgische Rauchgase zu Gesundheitsschäden führen. „Hier geht es vor allem um krebserzeugende Stoffe wie verschiedene Pyrolyseprodukte, die in chirurgischen Rauchgasen enthalten sind. Entscheidend für die Erhöhung des Krebsrisikos sind die Expositionshöhe und die Expositionsdauer“, erklärt Dr. Gilbert Engin-Deniz, Arbeitsmediziner der AUVA-Landesstelle Wien. Bricht die Krebserkrankung erst nach Jahrzehnten aus, etwa im Pensionsalter, wird ein Zusammenhang mit der beruflichen Tätigkeit oft nicht erkannt.

Bewusstsein schaffen

Im Rahmen ihres Präventionsschwerpunkts „Gib Acht, Krebsgefahr!“ ist es der AUVA ein Anliegen, auch für häufig „übersehene“ krebserzeugende Arbeitsstoffe ein Bewusstsein zu schaffen. Während im Gesundheitsbereich ionisierende Strahlen schon lange als krebserzeugend bekannt sind und der Strahlenschutz seit Jahrzehnten kontinuierlich verbessert wird, hat man laut Engin-Deniz bei Formaldehyd, Zytostatika und chirurgischem Rauchgas noch nicht alle Maßnahmen ausgeschöpft, um die Belastung der Arbeitnehmer zu reduzieren.

Das neue Merkblatt „M.plus 340.8 Krebserzeugende Arbeitsstoffe in chirurgischen Rauchgasen“ zeigt auf, wie man sich schützen kann. Durch chirurgische Verfahren, bei denen man durch Hitzeeinwirkung oder Ultraschall Gewebe schonend zertrennt oder verschorft sowie Blutungen stillt, etwa Arbeiten mit elektrochirurgischen Geräten wie Elektrokautern, mit Lasern und Ultraschallskalpellen, entstehen diese Rauchgase. Sie können infektiöse Bakterien oder Viren, anorganische Schadstoffe wie Schwefel- oder Stickstoffoxide und organische Verbindungen enthalten, darunter krebserzeugende Substanzen wie Formaldehyd, Benzol und polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe.

In welchem Ausmaß eine Exposition von Ärzten und medizinischem Personal im Operationssaal gegeben ist, hängt von mehreren Faktoren ab. Dazu zählen das chirurgische Verfahren, technische Schutzmaßnahmen wie die raumlufttechnische Anlage oder eine direkte Rauchgasabsaugung, Arbeitsorganisation, Erfahrungs- und Wissensstand des Personals sowie das zu behandelnde Gewebe. Zur Bewertung der Belastung über einen längeren Zeitraum muss man Art, Dauer und Anzahl der Eingriffe berücksichtigen. Messungen zur Bestimmung der Exposition durch chirurgische Rauchgase werden im OP aufgrund der hohen Anforderungen an Hygiene und Patientensicherheit nicht durchgeführt.

Wie für alle gefährlichen Arbeitsstoffe gilt auch für chirurgische Rauchgase das STOP-Prinzip. Eine Substitution durch die Wahl einer alternativen Operationstechnik ist allerdings nur bedingt möglich. „Der Chirurg muss entscheiden, welches Verfahren am besten und sichersten für den Patienten zum gewünschten Ergebnis führt. Der Schutz der betroffenen Arbeitnehmer beim entsprechenden Verfahren hat daher vorrangig mit technischen Maßnahmen zu erfolgen“, so Engin-Deniz.

Mobile Rauchgasabsaugung

Die für medizinische Behandlungsräume vorgeschriebene technische Raumlüftung reicht als Schutz vor chirurgischen Rauchgasen nicht aus, da diese nicht an der Entstehungsstelle erfasst werden. Dafür sind mobile Rauchgasabsaugungen erforderlich, die sowohl für die Laserchirurgie als auch für die Elektrochirurgie angeboten werden. Diese Systeme bestehen aus drei Komponenten: dem Diathermiegerät zur Stromerzeugung, der Absaugung und dem Handstück.

Für die Absaugung stehen einerseits Absaugaufsätze für bestehende Handstücke, andererseits Handstücke mit integrierter Absaugung zur Verfügung. Aufsätze, die auf die bestehenden Handstücke geklemmt werden, sind die kostengünstigere Variante. Dabei handelt es sich um Einmalprodukte, da die Sterilisation aufgrund der Schlauchlänge problematisch wäre. Diese Aufsätze müssen extra angebracht werden, was die Handhabung durch das Gewicht und den zusätzlichen Schlauch unter Umständen erschwert.

Entscheidet man sich für Handstücke mit integrierter Absaugung, kann man zwischen verschiedenen Ausführungen wählen. Wie leicht sich ein Gerät handhaben lässt, hängt von mehreren Kriterien ab: Flexibles Arbeiten ist möglich, wenn am Handstück wenig Zug aufgebaut wird, wie durch ein 360-Grad-Gelenk an der Anschlussstelle des Handstücks. Wird mit dem Ausziehen der Elektrode automatisch auch die Absaugung verlängert, muss diese nicht extra nachgestellt werden. Austauschbare Elektroden erlauben einen Wechsel zwischen verschiedenen Elektrodengrößen.

In gewissen Situationen können die chirurgischen Rauchgase mit der Absaugung auf dem Handstück nicht erfasst werden. Ist das der Fall, muss man eine eigene Erfassungseinrichtung zur Punktabsaugung verwenden. Bei endoskopischen Eingriffen ist das Absaugen von Rauch aus Körperhöhlen, der die Sicht im Operationsfeld massiv beeinflusst, technisch aufwendiger. Bei kleinen Eingriffen mit wenig Rauchentwicklung kann als einfache Variante ein Filter an den Trokarausgang angeschlossen werden.

Engin-Deniz betont, dass es kein ideales System für alle Chirurgen und Situationen gibt: „Man sollte die Chirurgen bei der Einführung eines Absaugsystems mitreden und sie unterschiedliche Modelle ausprobieren lassen. Durch die Möglichkeit der Wahl wird es leichter, die Akzeptanz für die mobile Absaugung zu erhöhen – in manchen Spitälern hat man eine Absaugvorrichtung angeschafft, die dann nicht oder zumindest nicht von allen Chirurgen verwendet wurde.“ Entscheidend sei die Sensibilisierung für die Notwendigkeit einer Absaugung und die Zusammenarbeit von Präventivfachkräften mit den operierenden Chirurgen.

Vorzeigebetriebe

Auch im Allgemeinen öffentlichen Landeskrankenhaus Hall in Tirol, einem der Vorzeigebetriebe in Bezug auf den Schutz vor chirurgischen Rauchgasen, musste erst ein Bewusstsein für die Gefahren durch chirurgischen Rauch geschaffen werden. Den Anstoß für die Anschaffung mobiler Absaugungen hatte eine schriftliche Abschlussarbeit im Rahmen des Basalen und Mittleren Pflegemanagements geliefert, verfasst von Wolfgang Isser, heute diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger und OP-Pflegeleitung-Stellvertre­ter.

Bei der Präsentation der Arbeit mit dem Titel „Gefahrenpotenzial chirurgischer Rauch“ im LKH Hall im Jahr 2015 stellte Isser die Gefahren durch chirurgische Rauchgase und die Schutzmöglichkeit durch eine entsprechende Absaugung dar. Die Reaktion der Verantwortlichen war eindeutig, so Isser: „Wir müssen etwas tun, weil wir keine ausreichenden Schutzvorrichtungen haben.“ Daraufhin wurden von mehreren Firmen als Leihgeräte zur Verfügung gestellte Rauchgasabsaugungen getestet.

Das wesentlichste Kriterium für das LKH Hall war die Kompatibilität, um auch Schläuche anderer Hersteller anschließen zu können. Als wichtig erachtet wurden auch ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis, einfaches Handling, Langlebigkeit des Filters, eine möglichst lange Betriebszeit sowie eine geringe Geräuschentwicklung. Anfang 2016 wurden die ersten drei Geräte gekauft, später noch zwei weitere. Es stellte sich heraus, dass man eine gute Wahl getroffen hatte – die Anwender sind bis heute mit den Geräten zufrieden.

Anfangs wurde der Neuerung Skepsis entgegengebracht, so Isser: „Die Primarii der unterschiedlichen Fachrichtungen waren dafür, Absaugungen zu verwenden. Aber einige Ärzte haben gemeint: ‚Die Geräte sind unhandlich. Bisher haben wir sie ja auch nicht gebraucht.‘“ Mit der Umstellung von den zuerst angeschafften aufsteckbaren Absaugungen auf die handlicheren All-in-one-Handgriffe stieg die Akzeptanz. Mittlerweile wollen selbst die ursprünglich skeptischen Chirurgen die Rauchgasabsaugung nicht mehr missen. Jeder der sechs Operationssäle verfügt nun über eine eigene Rauchgasabsaugung.

Überzeugungsarbeit leisten

Neben dem LKH Hall haben weitere Gesundheitseinrichtungen diese Schutzmaßnahme bereits seit einigen Jahren umgesetzt, darunter auch das LKH-Univ.Klinikum Graz. „Die Reaktionen sind überwiegend positiv, dennoch gibt es immer wieder vereinzelt Anwender, die direkt abgesaugte Geräte als zu klobig empfinden. Da muss noch Überzeugungsarbeit geleistet werden“, berichtet Sicherheitsfachkraft Benjamin Kiefer vom Technischen Arbeitnehmerschutz. Bereits überzeugt zeigt sich Dr. Arvin Imamović, Oberarzt der Klinischen Abteilung für Allgemeinchirurgie im LKH-Univ.Klinikum Graz. Er empfindet es als deutlich angenehmer, mit abgesaugten Geräten zu arbeiten: „Die Absaugung erfüllt die für mich wichtigen Kriterien: Es gibt keine Geruchsbelastung mehr, die Luftqualität ist hoch und der Geräuschpegel niedrig. Aufgrund der Handlichkeit steht das integrierte Absaugsystem einer exakten chirurgischen Präparation nicht im Wege.“

Laut Engin-Deniz ist die Absaugung chirurgischer Rauchgase direkt an der Entstehungsstelle die wirksamste Schutzmaßnahme. Sind eine mobile Rauchgasabsaugung und eine ausreichende Raumlüftung vorhanden, besteht aus Sicht des Arbeitnehmerschutzes keine Notwendigkeit, zusätzlich eine persönliche Schutzausrüstung zu verwenden. Die normale OP-Maske bietet jedoch keinen Schutz gegenüber chirurgischen Rauchgasen.
Als organisatorische Maßnahme wird empfohlen, die Anzahl der im OP anwesenden Personen auf die unbedingt notwendigen zu beschränken, was in der Regel ohnehin der Fall ist. Die in Operationseinheiten Beschäftigten können sich am besten vor chirurgischen Rauchgasen schützen, wenn sie über die Entstehungsmechanismen des Rauchs sowie die dadurch bestehenden Gefährdungen informiert und in den entsprechenden Schutzmaßnah­men unterwiesen sind.    (rp)

Das neue AUVA-Merkblatt M.plus 340.8 zu chirurgischen Rauchgasen kann unter www.auva.at/krebsgefahr bestellt werden.

Mehr Informationen zum AUVA-Präventionsschwerpunkt 2018 – 2020 rund um krebserzeugende Arbeitsstoffe finden Sie unter www.auva.at/krebsgefahr

Dr. Gilbert Engin-Deniz,
Arbeitsmediziner der AUVA-Landesstelle Wien

Wolfgang Isser
ist diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger und OP-Pflegeleitung-Stellvertreter im Allgemeinen öffentlichen Landeskrankenhaus Hall in Tirol.

„Die Reaktionen sind überwiegend positiv.“
Benjamin Kiefer, Sicherheitsfachkraft im LKH-Univ. Klinikum Graz