Veränderung leben

Covid-19 hat unser Leben in kürzester Zeit massiv verändert und wird es noch lange und nachhaltig transformieren.

Wenn Geschichte „fast forward“ geschrieben wird, können wir jetzt daran mitwirken, diese Geschichte mitzugestalten. © peterschreiber.media/iStock

Wie dieses Leben aussehen wird, wie und in welche Richtung wir es grundlegend verändern können und müssen, wird jetzt entscheidend geprägt. Es wäre mehr als schade, wenn es uns neben dem Meistern der Pandemie nicht gelänge, nachhaltige Schlüsse für unser Zusammenleben, für Gesundheits-, Wirtschafts- und Klimapolitik zu ziehen.  Was wir derzeit erleben, ist, „als hätte jemand riesige Bremsen ans Hamsterrad“ gelegt – sagt der deutsche Soziologe und Politikwissenschaftler Prof. Dr. Hartmut Rosa jüngst in einem Pressegespräch. Das Virus ist unsichtbar, es führt uns an die Grenzen unserer Kontrollgesellschaft. Weder die Wissenschaft noch andere Professionen können dieses Virus und seine Auswirkungen verstehen, geschweige denn kontrollieren. Dies geht mit einem massiven Verlust an Selbstwirksamkeit einher. Was bedeutet das angesichts einer Welt, die von technischen Machbarkeitsfantasien geprägt ist? Es wird das mechanistische Paradigma, das uns seit der Neuzeit prägt, über den Taylorismus bis hin zum vorherrschenden neoliberalen Wirtschaftsmodell eine weitere und schwerere Delle erleben. Wird die Politik daraus weitreichende Schlüsse ziehen?

Fokus auf Grundversorgung

Die Schnellverstaatlichung des Gesundheitssystems in Irland zeigt uns eindrücklich, was alles geht, wenn nur die Not groß genug ist, die es abzuwenden gilt. Angesichts vieler Gesundheitssysteme, die in den letzten Jahrzehnten kaputt privatisiert wurden, will ich hoffen, dass der Staat in der Grundversorgung wieder stärkeres Gewicht bekommen wird. Angesichts der im Moment nur kurz in den Hintergrund gerückten Klima­krise kann man auch davon ausgehen, dass in Zukunft genauer überlegt werden wird, zu welchem Meeting man fahren oder fliegen wird, anstatt es doch über die spätestens jetzt entdeckten Videotools zu halten. Ein Konzern-Geschäftsführer drückte mir gegenüber erst vor zwei Tagen seine Erleichterung darüber aus, dass erst vor drei Monaten eine weitreichendere Homeoffice-Regelung in seinem Unternehmen gegen viele Widerstände entschieden werden konnte und nun arbeiten alle Mitarbeiter von zu Hause. So schnell kann einem die Geschichte recht geben.
Der renommierte Historiker  Prof. PhD Yuva Harari be­­zeichnet die Natur von Krisen wie folgt: „Emergencies fast forward historical processes“ (Financial Times, 20.3.2020). So wie sich das im gerade erzählten Beispiel zeigt, wird dies für diese weltweite Situation gelten. Ich folge hier Harari in seiner Einschätzung, dass vieles nach dieser Krise für immer anders sein wird als heute. In jedem Fall werden heute schon die Weichen dafür gestellt, werden die Muster für Kommunikation und Entscheidungen für die Zukunft jetzt entwickelt. Die Chance dafür kommt danach nicht wieder, nicht mit dieser Dringlichkeit, nicht mit dieser Vehemenz, und ich möchte mir nicht vorstellen, dass wir die nötigen Transformationen dann angehen, wenn die Klimakrise uns in einigen Jahren keine Zeit mehr lassen wird.

Organisation jetzt einüben

In Krisen ist es entscheidend, eine langfristige Perspektive anzulegen, von der gewünschten, idealen Zukunft zurück die eigenen Annahmen und Strategien neu zu schreiben und währenddessen dafür zu sorgen, dass in Echtzeit und mächtig daraus gelernt werden kann. Wenn wir also zum Gesundheitssystem zurückkehren, wird dies wohl heißen, dass Institutionen die vorherrschende Austeritätspolitik in Europa kritisch betrachten sollten, ein Idealszenario zu entwickeln, das auch für solche weitreichende Krisen taugt, und die Entscheidungen darauf aufzubauen. Wie soll ein Gesundheitssystem aussehen, das der gesamten Gesellschaft gerecht wird, in dem sozialer Status keine Unterschiede in der Behandlung von Menschen macht, sondern der Gesellschaft insgesamt Rechnung getragen wird? Ein Gesundheitswesen, das ausreichend Pflegekräfte und Ärzte ausbildet und die kollektive Gesundheit in den Vordergrund rückt. Wie schaffen wir die gerade aufkeimende notwendige Solidarität mit schwächeren und gefährdeten Teilen unserer Gesellschaft in die Zukunft nachzuhalten?

Andere Institutionen könnten mit Unternehmen darüber nachdenken, wie eine gerechte Bezahlung und vor allem ein würdiges Image von Mitarbeitern im Handel und vieler anderer lebenswichtiger Branchen, die wir alle im Moment ja (neu) zu schätzen und lieben gelernt haben, aussehen könnte. All dies wären Musterveränderungen in den großen Systemen.

Wie nun aber diese Balance zwischen kurzfristiger Krisenbewältigung und langfristiger Ausrichtung und Orientierung der Organisation finden, wenn gerade in Krisen sich meist der Blick verengt und langfristige Perspektiven untergeordnet werden? Die Situationspotenziale des Moments zu nutzen ist eine der Hauptaufgaben von Führung. Diese könnte im Moment genau darin bestehen, die Muster der Kommunikation und der Kooperation – die Kultur eines Unternehmens, die für die Zukunftsfähigkeit der Organisation gebraucht wird, jetzt schon einzuüben.
Dafür braucht es in diesen Zeiten des Social Distancings eine besonders achtsame und professionelle Gestaltung von Kommunikation mit dem Bewusstsein und der Fähigkeit, passende Räume dafür anzubieten: Wie transparent und offen redet Führung in dieser herausfordernden Zeit über Unsicherheit oder Ängste, über notwendige Entscheidungen und Hoffnungen in der eigenen Organisationen? Wie soll sich die Organisation in und nach dieser Zeit positionieren und wie kann darüber ein wirkungsvoller Diskurs auf Augenhöhe geführt werden? Diese Krise wäre sinnvoll genutzt, wenn Kommunikationsmuster in Richtung von Transparenz, Teamförmigkeit und Kooperation transformiert werden und Organisationen ihre Rolle für eine gesunde und nachhaltige Welt aktiv und positiv gestalten und Wachstum auch als ein qualitatives Konstrukt verstehen.

Grenzen und Möglichkeiten erkennen

Für uns als systemische Beratungsorganisation bedeutet das: Wir werden langfristig in unserer Arbeit, wie ja bereits im letzten Jahr angekündigt, noch mehr Wert auf den Beitrag unseres Tuns für die Entwicklung einer positiven Gesellschaft und nachhaltiger Ökologie legen. Organisationen sind Vorreiter von gesellschaftlichen Entwicklungen. Wir werden unserer Mission folgend die Sustainable Development Goals und die Menschenrechte aktiv in unsere Beratungsarbeit integrieren und als Sparringspartner und Impulsgeber mithelfen, die Vorreiterrolle der Unternehmen für diese Themen zu stärken und dazu ermutigen.

Im Moment unterstützen wir unsere Kunden dabei, in dieser Krise aktiv und transparent zu kommunizieren und dafür verlässliche Kommunikationsräume zu bauen. Dies geht virtuell ziemlich gut, wie wir seit Längerem wissen. So verlagern wir gesamte Strategieprozesse in den virtuellen Raum und ermöglichen auch hier breite Beteiligung, Engagement und Einflussmöglichkeiten der Mitarbeiter. Eine Chance, weil virtuelle Kommunikationsformen viel diszipliniertere Kommunikation brauchen und politisches Verhalten erschweren.
Wir lernen daraus, diesen Mix aus Livekommunikation und virtuellen Onlinetools viel aktiver und intensiver abzumischen. Viele dieser Tools werden bleiben und unsere Arbeit mit Organisationen noch flexibler machen. Und wir lernen die Grenzen und Möglichkeiten ziemlich unmittelbar kennen.

Vor allem aber bauen wir im Moment Zeit und Lernräume für uns, mit unseren Kunden und Kollegen, um in Resonanz (wie Harmut Rosa dies in seinem gleichnamigen Buch nennen würde) mit der Welt und ihren Mustern zu kommen. Wir versuchen damit, Dinge zum Stehen zu bringen, sie zu verlangsamen, um sie in der Tiefe neu verstehen zu lernen. Wie oft hat man so eine Chance, wie oft ist das große Rad „angehalten“? Wir fragen unsere Kunden im Moment mehr denn je, welche Muster nun in der eigenen Organisation zu verändern sind und wie Führung damit umgeht, nicht mehr „alles im Griff“ zu haben und trotzdem zuversichtlich und vertrauend voran gehen wird. (lw)

Über den Autor:
Lothar Wenzl ist Gesellschafter von trainconsulting, systemischer Organisationsberater, Organisations-Designer, Executive Coach, Buchautor und verfügt über langjährige Führungserfahrung in internationalen Konzernen. Trainconsulting berät Organisationen dabei, in einem sich stark verändernden gesellschaftlichen, ökologischen und ökonomischen Umfeld verantwortungsvoll und mutig Zukunft zu gestalten.

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