Wie verändert Corona die Unfallstatistik?

Wer aufgrund von Kurzarbeit weniger Zeit am Arbeitsplatz verbringt, ist auch seltener der Gefahr eines Arbeitsunfalls ausgesetzt.

Abb. 1: Arbeitsunfälle unselbstständig Erwerbstätiger (AUVA) im Vergleich 2019/2020, Stand 15. Juli 2020

Abb. 2: Unselbstständig Erwerbstätige – Versichertenstände bei der AUVA seit 2016

Abb. 3: Arbeitsunfälle Erwerbstätiger, AUVA/Tag

Abb. 4: Arbeitsunfälle Erwerbstätiger (AUVA), die auch als Verkehrsunfälle bewertet wurden

Tab. 1: Arbeitsunfälle unselbständig Erwerbstätiger im Homeoffice

Auch Kurzarbeit?“, hört man im Moment oft als Begrüßung in der Mur-Mürz-Furche, einem der ältesten Industriegebiete Österreichs, wenn einander erwerbsfähige Männer unter der Woche auf der Tankstelle, beim Einkaufen oder beim Rasenmähen antreffen. Nicht, dass sie diese Tätigkeiten sonst nie ausüben würden – ab und zu Tagesfreizeit zu haben, ist eine logische Folge von überwiegendem Schichtbetrieb. Zahlreiche Versicherte bleiben mit diesem Modell erhalten, die Arbeitslosenzahlen erholen sich ebenfalls langsam.

Dass Kurzarbeit noch sehr oft in Anspruch genommen wird, sehen wir unter anderem an den Arbeitsunfallzahlen – die im Vergleich zum Vorjahr auch im Juni noch um 25 Prozent geringer ausfielen (vgl. Abb. 1). Den absoluten Tiefststand erreichten sie im April, hier gab es mit 4.366 die geringste Zahl an Arbeitsunfällen unselbstständig Erwerbstätiger, die je in einem Monat gezählt wurde.

Durch das Modell Kurzarbeit sagt die sonst wichtigste Kennzahl „Unfallrate“ im Jahr 2020 nichts mehr aus. Wer nur zwischen null und zwanzig Prozent tätig ist, verbringt maximal ein Fünftel seiner Zeit am Arbeitsplatz – und ist auch nur in einem Fünftel seiner Arbeitszeit in Gefahr, einen Arbeitsunfall zu erleiden.
„Arbeit muss nach Corona neu gedacht werden“, ist derzeit häufig zu hören, denn Flexibilität wurde möglich, die davor als geradezu utopisch eingestuft worden war. Wenn es um das Thema Mobile Office geht, so stehen naturgemäß überwiegend die Angestellten im Fokus. Büros und Home Office sind selten Produktionsbetriebe. So waren die vielen Leidtragenden in der Covid-19-Krise überwiegend Arbeiterinnen. Erst im Juni sind die im Vorjahresvergleich weniger Beschäftigten wieder ungefähr gleich auf die Geschlechter aufgeteilt (vgl. Abb. 2).

Spannend ist ein Blick auf die Unfallstatistik nach Tagen (vgl. Abb. 3): Ende März, Anfang April gab es die geringsten Unfallzahlen. 145 Arbeitsunfälle Erwerbstätiger waren es etwa am 18. März 2020, einem Donnerstag. Davor gab es ein Jahr, in dem an einem Donnerstag im März mit über 850 der „unfallträchtigste“ Tag verzeichnet wurde. Natürlich wurden damals auch Schülerunfälle inkludiert – 2020 gab es im ganzen Lockdown-Zeitraum maximal fünf Schülerunfälle pro Tag, an den meisten Tagen eher nur einen oder zwei.

An schulfreien Tagen reduzieren sich auch die Unfälle im Berufsverkehr deutlich. Dasselbe Phänomen wird im Jahr 2020 registriert – so wie sich exakt seit 15. Mai, dem Tag der teilweisen Wiederaufnahme des Schulbetriebs, auch wieder ein Anstieg beobachten lässt (vgl. Abb. 4). Der Weg von und zur Schule ist übrigens nicht nur für Schüler, sondern auch für die bringenden und abholenden Eltern in den Unfallversicherungsschutz einbezogen – es handelt sich hier um einem Arbeitsunfall gleichgestellte Unfälle, „auf einem Weg eines Versicherten zur oder von der Arbeits- oder Ausbildungsstätte zu einem Kindergarten, einer Kindertagesstätte, in fremde Obhut oder zu einer Schule, um das Kind oder den Schüler dorthin zu bringen oder von dort abzuholen, wenn dem Versicherten die gesetzliche Aufsicht obliegt“ (zitiert aus § 175 ASVG).

Viele Firmen überlegen jetzt wohl, die mobilen Arbeitsplätze auszubauen – und sehen die Verlagerung der Arbeit nach Hause nicht mehr als Privileg, sondern als Sparmaßnahme. 2019 gab es im ersten Halbjahr 119 Arbeitsunfälle, bei denen man von Telearbeit oder Mobile Office ausgehen konnte. 2020 waren es zwischen 1. Jänner und 30. Juni genau 130 (vgl. Tab. 1).

Aus Sicht der Unfallstatistik macht es nicht sehr viel Unterschied – es werden bei Arbeitsunfällen in den eigenen vier Wänden oft Stürze und Schnittwunden angegeben. Eine auf der Couch vergessene Nähnadel, die sich so unglücklich beim Aufheben eines abgelegten Ordners vollständig in die Hand gebohrt hat, dass sie nur operativ entfernt werden konnte, fällt wohl schon in die Rubrik „eher ungewöhnlich“. (bm)