Wundheilung im Alter rückt in den Fokus

„Welche Fragen zu Unfallverletzungen soll die Forschung aufgreifen? Reden Sie mit!“

Wie alternde Zellen zu Wundheilungsstörungen und chronischen Wunden beitragen, ist noch nicht ausreichend erforscht. © Drazen Zigic/iStock

Wie alternde Zellen zu Wundheilungsstörungen und chronischen Wunden beitragen, ist noch nicht ausreichend erforscht. © Drazen Zigic/iStock

Info & Kontakt:

https://trauma.lbg.ac.at

Mit diesem Aufruf startete 2018 das internationale Crowdsourcing-Projekt „Tell Us!“, ins Leben gerufen von der Ludwig Boltzmann Gesellschaft (LBG). Ziel war es, die Bedürfnisse von Patienten sowie medizinischem Fachpersonal stärker in die Forschung mit einzubinden. Denn der Wissensfluss findet meist nur in eine Richtung statt – neue Erkenntnisse strömen vom Labor über klinische Studien bis in die Arztpraxis, doch Erfahrungen, Anregungen und Wünsche aus dem klinischen Alltag finden nur selten den Weg zurück an die Laborbank.

Einbindung unüblicher Wissensgeber

Über 800 eingereichte Forschungsfragen zeigten die große gesellschaftliche Relevanz der Initiative auf. Die breit gefächerten Themen wurden daraufhin in einem öffentlichen Wahlverfahren nach ihrer Dringlichkeit geordnet. Es zeigte sich, dass in den Bereichen Wundheilung, Rehabilitation und Alterung besonderes Interesse an neuer Forschung besteht.

Diese Themen bilden die Grundlage für SHoW (Senescence & Healing of Wounds, die Alterung und Wundheilung), eine Forschungsinitiative der LBG, in enger Zusammenarbeit mit der AUVA. Finanziert wird das Projekt von der Österreichischen Nationalstiftung für Forschung, Technologie und Entwicklung. „Unsere Erfahrung hat gezeigt, dass die Einbindung unüblicher Wissensgeber neuartige Impulse für die Forschung bringt. Die Kombination von Forschung zu Wundheilung und Alterungsprozessen ist ein innovativer Ansatz, der durch das Crowdsourcing überhaupt erst entstehen konnte“, ist Mag. Claudia Lingner, Geschäftsführerin der Ludwig Boltzmann Gesellschaft, überzeugt.

Die zunehmende Alterung der Gesellschaft wirft für die Gesundheitsversorgung viele neue Fragen auf. In Österreich sind bereits 19 Prozent aller Menschen über 65 Jahre alt. Im Alter ändern sich viele biologische Prozesse, Körperzellen agieren langsamer, Begleiterkrankungen wie Diabetes kommen hinzu. Das alles hat zur Folge, dass die Wundheilung im Alter anders verläuft und oft gehemmt ist. Das Bedürfnis nach einer besseren Therapie für diese Patienten ist groß.

Wundheilung noch nicht ausreichend erforscht

Der Körper hat prinzipiell ein hohes regeneratives Potenzial: Durch Zellteilung können sich Zellen ständig erneuern und auch Wunden heilen. Bei alternden Zellen ist dieser Prozess jedoch gestört, zudem können solche Zellen benachbarte gesunde Zellen beeinträchtigen. Wie diese alternden Zellen zu Wundheilungsstörungen und chronischen Wunden beitragen, ist noch nicht ausreichend erforscht. Zudem ist es bisher noch schwierig, diese Zellen zu erkennen. Deshalb untersuchen die Wissenschaftler der Forschungsgruppe in den nächsten vier Jahren Mechanismen, die den Wundheilungsprozess stören. „Mit unserer Forschungsarbeit setzen wir auf zwei Ebenen an: Einerseits wollen wir Therapieformen der Wundheilung entwickeln beziehungsweise verbessern, andererseits wollen wir klinische Diagnosetools einführen, welche eine personalisierte Behandlung ermöglichen sollen“, sagt Univ. Prof. Dr. Heinz Heinz Redl, Co-Direktor und wissenschaftlicher Leiter von SHoW.

Erfahrungswissen aus der Praxis

Die Forschung von SHoW folgt einem transdisziplinären Zugang. Während die neu gegründete Forschungsgruppe sich den Mechanismen der Wundheilung in alterndem Gewebe widmet, wird sich ein Teilprojekt auch aus einer sozialwissenschaftlichen Perspektive mit Wundheilung auseinandersetzen. Zudem wird das SHoW-Team gezielte Kommunikations- und Koordinationsinitiativen durchführen, damit die Bedürfnisse und das Erfahrungswissen aus der Praxis optimal in die Forschung eingebunden werden. Denn es gilt, ein gesellschaftliches Problem in wissenschaftliche Erforschbarkeit zu übersetzen, um zu garantieren, dass die Forschung im Labor den bestmöglichen Nutzen für die Gesellschaft bietet. „Gesellschafts- und forschungspolitisch sind nichtheilende Wunden ein unsichtbares Thema, obwohl sie die Lebensqualität und Teilnahme am öffentlichen Leben stark beeinträchtigen. Mit SHoW werden uns nun die Instrumente gegeben, dieses Problem auf eine wirklich transdiziplinäre Weise anzugehen“, sagt Co-Direktor und Open Innovation Manager Dr. Raffael Himmelsbach.

SHoW wird in den kommenden vier Jahren am Ludwig Boltzmann Instituts für Experimentelle und Klinische Traumatologie, im Lorenz Böhler Traumazentrum, angesiedelt sein. Durch die Kombination verschiedenster Forschungsdisziplinen sowie die enge Zusammenarbeit mit den österreichischen Unfallspitälern folgt SHoW ganz der Tradition des Instituts.