Alternsgerechte Arbeit bedeutet, die Gesundheitsrisiken und Bedürfnisse der Beschäftigten unterschiedlichen Alters in die Arbeitsplatzgestaltung einzubeziehen. Prävention muss bereits mit dem Berufseinstieg beginnen. Welche Maßnahmen nötig sind, hängt auch von der Lebensphase und vom Geschlecht ab.
Jüngere Beschäftigte
Die statistischen Daten zu Krankenständen zeigen, dass je nach Lebensalter unterschiedliche Gesundheitsrisiken bestehen. Bei Beschäftigten bis Mitte 20 kommt es besonders häufig zu Verletzungen und Vergiftungen, deshalb sollte in der Prävention ein Schwerpunkt auf die Verhinderung von Unfällen gelegt werden. Junge Menschen haben ein höheres Risiko durch Bildschirmarbeit, weil das Wachstum ihrer Augen noch nicht abgeschlossen ist. Ständig auf nahe Distanz zu fokussieren, fördert die Entstehung von Kurzsichtigkeit und damit später weiterer Augenerkrankungen. Wesentlich sind daher eine Beschränkung der Bildschirmzeiten und regelmäßige Pausen.
Junge Arbeitnehmer:innen haben ein großes Bedürfnis nach Selbstverwirklichung in ihrer beruflichen Entwicklung. Unterstützung bieten ihnen Mentoring durch erfahrene Kollegen:Kolleginnen und regelmäßiges Feedback. „Wichtig ist ihnen Flexibilität, aber auch Planungsstabilität. Wenn sie sich für ein Arbeitszeitmodell entschieden haben, möchten sie, dass die Organisation dieses stabil ermöglicht”, erklärt Dr.in Irene Kloimüller, MBA, Medizinerin, Psychotherapeutin und Geschäftsführerin des Beratungsunternehmens „Arbeitsfähigkeiterhalten“.
Mittleres Alter
Im mittleren Alter nehmen psychische Erkrankungen zu. Viele Arbeitnehmer:innen – vor allem Frauen – sind in diesem Lebensabschnitt von Mehrfachbelastung betroffen. Da Faktoren wie Zeitdruck und ständige Erreichbarkeit auf Dauer psychische Probleme verursachen können, sollten Maßnahmen zur Stressreduktion gesetzt werden.
Ältere Arbeitnehmer:innen
Ältere Arbeitnehmer:innen entwickeln häufiger chronische Krankheiten wie Muskel-Skelett-Erkrankungen. Diese sind oft die Folge von langjährigen körperlichen Belastungen am Arbeitsplatz. Im fortgeschrittenen Alter sinkt die körperliche Leistungsfähigkeit, was sich durch den Einsatz von Hilfsmitteln, etwa Hebe- und Tragehilfen, ausgleichen lässt.
Beim Älterwerden verschlechtern sich Seh- und Hörvermögen. Es tritt Altersweitsichtigkeit auf, die Kontrast- und Farbwahrnehmung nimmt ab, die Empfindlichkeit gegenüber Blendung zu. Ältere brauchen daher eine höhere Beleuchtungsstärke und kontrastreiche Darstellungen auf Bildschirmen und Bedienelementen. Blendungen und Reflexionen sollten vermieden werden. Um auch Beschäftigten, die schlechter hören, eine sichere Arbeit zu ermöglichen, sollten lärmarme Bedingungen geschaffen und akustische durch optische Signale ergänzt werden.
Hohe Temperaturen belastet Ältere stärker, da überschüssige Wärme nicht mehr so leicht über die Haut abgegeben werden kann. Sie haben weniger Durst und trinken oft zu wenig. Hitzeschutzmaßnahmen sind für diese Altersgruppe besonders wichtig, um Gesundheitsgefahren von der Hitzeerschöpfung bis zum lebensbedrohlichen Hitzschlag zu verhindern.
Im höheren Lebensalter gerät der Schlaf- und Wachrhythmus durch unregelmäßige Schlafenszeiten leichter aus dem Gleichgewicht. Lässt sich Nacht- und Schichtarbeit nicht vermeiden, sollten längere Erholungszeiten und vorwärts rotierende Schichtpläne vorgesehen werden.
Reaktionsfähigkeit und kurzfristige Merkfähigkeit nehmen im Alter zwar ab, dafür verbessern sich soziale Kompetenz und strategisches Denken. Der Arbeitsplatz sollte so gestaltet sein, dass abnehmende Fähigkeiten kompensiert und zunehmende eingesetzt werden können. Auch ältere Arbeitnehmer:innen sind in der Lage, sich neue Skills anzueignen. Sie sollten die Möglichkeit haben, an Weiterbildungsmaßnahmen teilzunehmen. Dabei ist das jeweilige Lerntempo zu berücksichtigen und darauf zu achten, dass sich neue Inhalte mit bekannten verknüpfen lassen.
Lebensphasen
Zusätzlich zum Lebensalter sollte auch die Lebensphase, in der sich ein:e Arbeitnehmer:in befindet, bei der Gestaltung der Arbeitsbedingungen beachtet werden. „Früher sind die Lebensphasen parallel zum Alter verlaufen, jetzt hat sich das geändert – zum Beispiel in Bezug auf den Zeitpunkt der Familiengründung“, erklärt Kloimüller. Zu den Lebensphasen zählen Berufseinstieg, Wiedereinstieg nach Karenz oder Krankheit, Betreuungstätigkeiten und die Zeit vor der Pensionierung.
Je nach Lebensphase benötigen Arbeitnehmer:innen verschiedene Arbeitsbedingungen. Berufseinsteiger:innen profitieren von Mentoring-Systemen, bei denen eine erfahrene Person ihr Wissen weitergibt. Müssen Beruf und Betreuung von Kindern oder pflegebedürftigen Angehörigen vereinbart werden, gelingt das besser durch eine Reduktion der Arbeitszeit oder eine (teilweise) Verlagerung der Arbeit ins Homeoffice. Nach einer längeren Erwerbsunterbrechung, etwa nach Karenz oder Krankheit, sollte der Wiedereinstieg begleitet werden.
Geschlecht
In manchen Branchen überwiegen weibliche, in anderen männliche Beschäftigte. Frauen verrichten viele körperlich und psychisch herausfordernde Arbeiten, zum Beispiel in der Pflege oder im Handel, aber in diesen Berufen wird oft weniger auf ergonomische Arbeitsplatzgestaltung geachtet als bei männlichen Facharbeitern. Dazu kommt oft eine Doppelbelastung durch Betreuungspflichten.
Für Frauen ergeben sich mit den Wechseljahren zusätzliche Gesundheitsrisiken. Der Östrogenabfall erhöht das Osteoporoserisiko, was eine steigende Gefahr von Knochenbrüchen, etwa infolge von Stürzen, mit sich bringt. Ein höherer Blutdruck begünstigt die Entstehung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Auch psychische Probleme können auftreten.
Zusammenarbeit
Das Wissen um die Stärken und Schwächen je nach Lebensalter trägt zu einem besseren Verständnis der jeweils anderen bei. Werden für alle Generationen förderliche Arbeitsbedingungen geschaffen, profitieren Arbeitgeber:innen und Arbeitnehmer:innen – altersgemischte Teams sind kreativer und arbeitsfähiger. (rp)
„Planungssicherheit ist für beide Seiten wichtig.“
Dr.in Irene Kloimüller, MBA




