Die letzten Kilometer, die ein Paket auf dem Weg zum:zur Empfänger:in zurücklegt, sind für den:die Zusteller:in die gefährlichsten. Wie man die Anzahl der Unfälle verringern und gleichzeitig etwas zum Schutz des Klimas tun kann, war Thema bei der Tagung „Die Zukunft der ‚Last Mile‘“, die kürzlich vom Kuratorium für Verkehrssicherheit (KFV) gemeinsam mit dem Bundesministerium für Klimaschutz, Umwelt, Energie, Mobilität, Innovation und Technologie (BMK) veranstaltet wurde.
Um die Verkehrssicherheit zu erhöhen, braucht es laut Klimaschutzministerin Leonore Gewessler, BA, auch das Engagement zivilgesellschaftlicher Akteure:Akteurinnen. Diese haben mit der von der Europäischen Kommission ins Leben gerufenen European Road Safety Charter (ERSC; road-safety-charter.ec.europa.eu) eine Möglichkeit zur Vernetzung erhalten. „Das gemeinsame Ziel der teilnehmenden öffentlichen und privaten Organisationen, Unternehmen, Universitäten und Schulen ist es, die Zahl der Todesfälle und schweren Verletzungen im europäischen Straßenverkehr bis 2030 zu halbieren und bis zum Jahr 2050 auf nahezu null einzudämmen“, so die Ministerin.
Alternative Lösungen
Die Last Mile ist ein wichtiger Ansatzpunkt. „Auf der letzten Meile zerfließt der Lieferstrom und kreuzt sich mit den Wegen anderer Verkehrsteilnehmer:innen wie Auto-, Rad- und E-Scooter-Fahrer:innen“, sagt KFV-Geschäftsführer Mag. Christian Schimanofsky. 2021 gab es in Österreich fast zehn Unfälle pro Tag mit LKW bis zu 3,5 Tonnen – Kleinlaster, die oft zur Auslieferung von Paketen genutzt werden. Die häufigsten Unfallursachen sind Vorrangverletzung, gefolgt von zu geringem Sicherheitsabstand, Unachtsamkeit und Ablenkung. Maßnahmen wie die Nutzung von Lastenfahrrädern oder fixe Lieferzeiten, um die Zahl der Lieferversuche zu reduzieren, könnten hier Abhilfe schaffen.
Keynote-Speaker Univ.-Prof. Dr. Sebastian Kummer, Vorstand des Instituts für Transportwirtschaft und Logistik an der Wirtschaftsuniversität Wien, nannte ebenfalls Lastenfahrräder als Beispiel einer alternativen Lösung für die letzte Meile. Er wies aber auch darauf hin, dass das Umladen der Pakete vom LKW auf das Fahrrad durch den zusätzlichen Umschlag einen logistischen Mehraufwand mit sich bringt. Ein Ansatz, um die Anzahl der von den Zustellern:Zustellerinnen gefahrenen Kilometer zu reduzieren, besteht in der Nutzung automatischer Paketstationen, von denen die Empfänger:innen ihre Sendungen abholen können. Als unerwünschter Nebeneffekt ist jedoch eine Zunahme des motorisierten Individualverkehrs möglich. Man müsse daher prüfen, welche Auswirkungen sich durch unterschiedliche Varianten ergeben, so Kummer.
Prävention nach dem „STOP+S“-Prinzip
DI Klaus Wittig, stellvertretender Leiter der Abteilung Unfallverhütung und Berufskrankheitenbekämpfung in der AUVA-Hauptstelle, befasste sich in seinem Vortrag mit der Verhütung von Arbeitsunfällen von Botendienstfahrern:-fahrerinnen. Dabei ist nach dem „STOP+S“-Prinzip vorzugehen: Substitution vor technischen, organisatorischen und zuletzt personenbezogenen Maßnahmen. Das zweite „S“ steht für – nur bedingt beeinflussbare – situative Faktoren wie Wetter, Fahrbahnbeschaffenheit oder Fahrradinfrastruktur.
Leider ist der Ersatz der Fahrten mit dem Klein-LKW oder dem Fahrrad in der Praxis kaum möglich. Technische Maßnahmen für Fahrradboten:-botinnen betreffen die Auswahl des Fahrzeugs, etwa E-Bike oder Lastenfahrrad, und des Transportbehälters wie Rucksack oder Seitentaschen. Aus organisatorischer Sicht steht die Vermeidung von Stress laut Wittig im Vordergrund: „Wenn man Zeitdruck hat, bleibt man bei der Stopptafel vielleicht nicht stehen.“ Personenbezogene Maßnahmen reichen vom obligatorischen Fahrradhelm über eine der Witterung entsprechende Kleidung bis zur Sonnencreme. Genaue Informationen bieten das neue Merkblatt M.plus 801 „Fahrradbotendienste sicher unterwegs“ und die AUVA-Radworkshops für Dienstnehmer:innen. Details zu allen AUVA-Angeboten rund um das Thema Verkehrssicherheit im Kontext von Arbeit und Bildung finden sich auf der Website des aktuellen Präventionsschwerpunktes auva.at/komm-gut-an.
Good-Practice-Beispiele
DI Martin Eder, im BMK zuständig für die österreichweite Radverkehrskoordination, präsentierte das Aktionsprogramm „klimaaktiv mobil“ (klimaaktiv.at/mobilitaet), das vom BMK zur Förderung klimafreundlicher Mobilitätsprojekte ins Leben gerufen wurde. Dazu zählen unter anderem ein E-Bike-Verleihsystem für Beherbergungsbetriebe im ländlichen Raum, der bereits von mehreren Unternehmen realisierte Einsatz von Transporträdern und die Verwendung von elektrisch betriebenen Kleinlastwagen als Zustellfahrzeuge durch ein großes Möbelhaus.
Die Tagung bot auch Unternehmen und Initiativen eine Plattform, die bereits im Rahmen der European Road Safety Charter aktiv geworden sind. Dazu gehört das deutsche Start-up Liefergrün von CEO Sascha Sauer, das seit November 2022 auch in Österreich seinen Service anbietet. Das Unternehmen hat eine IT-Lösung für CO2-freie Paketzustellung entwickelt und arbeitet mit Subunternehmen zusammen, die den Transport mit E-Lastenrädern und E-Autos übernehmen. Um die Länge der Transportwege zu minimieren, werden Micro-Hubs zum Zwischenlagern der Sendungen genutzt.
Umstieg auf Rad und E-Scooter
Eine letzte Meile gibt es nicht nur im Bereich des Güter-, sondern auch des Personentransports. Dabei geht es hauptsächlich darum, Pendler:innen zur Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel zu bewegen und die Lücke zwischen Wohnsitz bzw. Arbeitsplatz und der nächsten Bahn- oder Busstation zu schließen. Dieses Ziel verfolgt auch das Leihradsystem nextbike Niederösterreich, das von der Radland GmbH organisiert wird. „82 Prozent der Ausleihen sind kürzer als 30 Minuten, im Schnitt sieben Minuten. Spitzenzeiten sind in der Früh und am Abend – das zeigt, dass vor allem Pendler:innen das System nutzen“, erklärte Mag. Susanna Hauptmann von Radland. Um den Trend, dass der Weg von zu Hause zum Bahnhof und retour mit dem Fahrrad zurückgelegt wird, zu unterstützen, übernimmt das Land Niederösterreich die Leihgebühr für die erste halbe Stunde.
Ein „Baustein in einem Mix aus PKW-Alternativen“ zu sein, strebt die Bird Rides Austria GmbH an. Mit dem Verleih von E-Scootern sollen Autofahrten, nicht aber mit öffentlichen Verkehrsmitteln, per Rad oder zu Fuß zurückgelegte Wege ersetzt werden. Für das Problem, dass E-Scooter oft auf dem Gehsteig statt auf den vorgesehenen Plätzen abgestellt werden, hat das Unternehmen laut Mark Alexander Friedrich, M.A., Manager bei Bird, eine technische Lösung gefunden: „Beim Beenden der Fahrt wird der:die Fahrer:in aufgefordert, die Umgebung mit der Smartphone-Kamera zu scannen. Die Aufnahme wird in Echtzeit mit den Daten von Google Street View verglichen.“ Das System erkennt, ob der Scooter ordnungsgemäß geparkt ist.
Europäische Initiativen
Eine Auswahl an Good-Practice-Beispielen, die sich bereits auf der Plattform der European Road Safety Charter finden, präsentierte DI Christian Kräutler vom KFV. In Österreich zählt das Lieferservice foodora der Mjam GmbH zu den Vorzeigebetrieben. Im Zuge einer Sicherheitspartnerschaft mit der Wiener Polizei erhalten die Fahrer:innen zum Beispiel Trainingsmaterial und können an Fahrsicherheits-Workshops teilnehmen. Verkehrssicherheitstrainings bieten auch der portugiesische Paketdienstleister Correios, Telégrafos e Telefones (CCT) und das ungarische Speditionsunternehmen Nit Hungary uA an. Kräutler beendete seinen Vortrag mit der Aufforderung an Unternehmen, sich am Wettbewerb der ERSC für die „Excellence in Road Safety“-Awards zu beteiligen. (rp)





