Priv.-Doz. DDr. Jakob Schanda, Orthopäde und Unfallchirurg am AUVA-Traumazentrum Wien
Mag.a Ortrun Neuper, Gruppenleiterin, Clinical Center for Studies in Regenerative Medicine
Kein anderes Gelenk ist so vielseitig einsetzbar wie unsere Schulter. Bälle werfen, Telefon ans Ohr klemmen, Tasche tragen oder durch ein Zucken mitteilen, dass uns eigentlich gerade alles egal ist – im Sport und im Alltag macht unsere Schulter alles mit. Das verdanken wir dem speziellen Aufbau des Gelenks. Der Kopf des Oberarmknochens liegt in der flachen Gelenkpfanne des Schulterblatts und wird von einer Gruppe von Muskeln, der sogenannten Rotatorenmanschette, an Ort und Stelle gehalten.
Der engen Forschungszusammenarbeit des AUVA-Traumazentrums Wien, Standort Meidling und des Ludwig Boltzmann Instituts (LBI) für Traumatologie, dem Forschungszentrum in Kooperation mit der AUVA, entsprang eine Idee: Könnte ein etabliertes Osteoporose-Medikament die Heilung nach einer Schulteroperation verbessern? Heute liegt die Antwort in Form einer prospektiven, randomisierten, kontrollierten klinischen Studie vor, publiziert im renommierten American Journal of Sports Medicine.
Von der Idee zur klinischen Studie
„Eine Verletzung der Sehnen der Rotatorenmanschette leitet in den meisten Fällen eine Kaskade von weiteren Degenerationen der Schulter ein“, erklärt Erstautor Priv.-Doz. DDr. Jakob Schanda, Orthopäde und Unfallchirurg am AUVA-Traumazentrum Wien, Standort Meidling. Nach einem Sehnenriss verfetten die Muskeln und der Oberarmkopf verliert an Knochensubstanz, selbst wenn die Rotatorenmanschette operativ repariert wird. Dieser Knochenverlust gilt als negativer Risikofaktor für die Nichtheilung der Sehne. Deshalb fiel das Augenmerk der Experten:Expertinnen auf Zoledronsäure: eine gängige Therapie bei Osteoporose, die kostengünstig und durch einmalige Infusion leicht durchführbar ist.
Experimentelle Studien der gleichen Forschungsgruppe zeigten folglich, dass Zoledronsäure nach einem Rotatorenmanschettenriss die Knochenstruktur verbessern und die mechanische Stabilität der Sehnenverankerung erhöhen konnte. Sogar ein positiver Effekt auf die Muskelregeneration war zu sehen. Doch ob dieser Ansatz auch bei Menschen ohne Osteoporose funktioniert, war bislang ungeklärt.
Die ZORRO-Studie: Zoledronsäure im OP
In der neuen klinischen Studie erhielten 80 Patienten:Patientinnen ohne Osteoporose während der Operation entweder einmalig das Medikament Zoledronsäure oder ein Placebo. Sechs Monate später wurde überprüft, wie gut die Schulter geheilt war – mittels Magnetresonanztomografie (MRT) und standardisierter Untersuchungen zu Beweglichkeit, Kraft und Schmerzbelastung.
Das Ergebnis ist beeindruckend: Die Rate erneuter Einrisse lag in der Zoledronsäure-Gruppe bei 15 Prozent, in der Kontrollgruppe bei 35 Prozent. Damit reduzierte die einmalige Infusion des Osteoporose-Medikaments das Risiko eines erneuten Sehnenrisses um mehr als die Hälfte. Auch funktionelle Parameter wie Beweglichkeit, Kraft und Schmerz verbesserten sich stärker in der Zoledronsäure-Gruppe. Zudem zeigte sich weniger Verfettung der Schultermuskulatur, ein wichtiger Marker für die langfristige Funktion. „Zoledronsäure ist eine sichere, einfach anzuwendende und kosteneffektive Ergänzung der Operation“, fassen die Autoren:Autorinnen der Studie zusammen.
Forschung, die in der Klinik ankommt
Besonders hervorzuheben ist die enge Zusammenarbeit zwischen Klinik und Forschung, die diese Studie ermöglicht hat. Neben Jakob Schanda war auch Prim. Univ.-Prof. Dr. Christian Fialka, ärztlicher Leiter des AUVA-Traumazentrums Wien, Standort Meidling, maßgeblich beteiligt. Die Studie zeigt exemplarisch, wie klinische Fragestellungen aus dem OP-Saal zurück ins Labor getragen und dort wissenschaftlich bearbeitet werden – und wie die Ergebnisse wieder in die Versorgung zurückfließen.
Eine solche klinische Studie entsteht nicht nebenbei. Planung, Genehmigungen, Monitoring, Koordination von Studienvisiten und Datenerhebung sind komplexe Prozesse, die eine professionelle Infrastruktur erfordern. Genau hier kommt das Clinical Center for Studies in Regenerative Medicine (CCSRM) ins Spiel.
Das CCSRM, unter Leitung von Mag.a Ortrun Neuper, schafft die organisatorischen und regulatorischen Voraussetzungen, um Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung in klinisch anwendbares Wissen zu übersetzen. Es berät und unterstützt Forschungsgruppen des LBI Trauma und Mitarbeitende der AUVA-Spitäler sowie deren externe Partner:innen bei der Planung, Koordination und Durchführung klinischer Prüfungen nach Arzneimittel- und Medizinproduktegesetz. Kurz: Ohne eine solche Struktur wären translational ausgerichtete Studien wie ZORRO nicht realisierbar. (cs)
Ein Blick nach vorne
Die Studie ist ein Musterbeispiel dafür, wie vorhandene Medikamente für neue Indikationen genutzt werden können – ein Ansatz, der Entwicklungszeiten verkürzt und Kosten senkt. Zoledronsäure ist bereits gut etabliert, sicher und kostengünstig. Der nächste Schritt sind größere multizentrische Studien und längere Nachbeobachtungszeiten. Langfristig könnte Zoledronsäure Teil eines neuen Standardprotokolls in der Schulterchirurgie werden und die Erfolgsraten einer der häufigsten Operationen der Orthopädie und Unfallchirurgie deutlich verbessern.




