Am Ludwig Boltzmann Institut für Traumatologie, dem Forschungszentrum in Kooperation mit der AUVA (kurz „LBI Trauma“), arbeitet Direktor Prof. Dr. Johannes Grillari gemeinsam mit Wissenschaftlern:Wissenschaftlerinnen der Universität für Bodenkultur Wien (BOKU) und dem Start-up Rockfish Bio an einem neuen Ansatz, um sogenannte seneszente Zellen gezielt zu entfernen.
Seneszenz bezeichnet einen Zustand, in dem Zellen aufhören, sich zu teilen, aber im Gewebe verbleiben. Sie geht oft mit dem Altern einher. Sie sammeln sich im Laufe des Lebens an und stehen im Zusammenhang mit chronischen Entzündungen und altersbedingten Erkrankungen. Entsprechend groß ist das Interesse, sie gezielt zu beseitigen.
Fettstoffwechsel als Ansatzpunkt
Der neue Ansatz setzt beim Fettstoffwechsel an – genauer gesagt bei der Arachidonsäure. Dieses Molekül wird in seneszenten Zellen vermehrt produziert und umgesetzt und spielt eine wichtige Rolle in Entzündungsprozessen.
Die Idee dahinter ist einfach: Wird der Abbau dieser Substanz blockiert, steigt ihre Konzentration weiter an. Ab einem bestimmten Punkt wird sie für die Zelle toxisch, also giftig, und löst ihren programmierten Zelltod aus. In Zellkultur ließ sich auf diese Weise eine Vielzahl unterschiedlicher seneszenter Zelltypen gezielt eliminieren, während gesunde Zellen weitgehend verschont blieben. Der Ansatz wirkt also dort, wo er soll, und lässt andere Zellen in Ruhe.
Die Folgen des Alterns rückgängig machen
Auch im weiteren Verlauf zeigte sich dieser Effekt. Alte Mäuse erhielten einen Wirkstoff, der den Abbau von Arachidonsäure hemmt. In mehreren Organen nahm die Zahl seneszenter Zellen deutlich ab.
Gleichzeitig waren die Tiere kräftiger, beweglicher und insgesamt weniger gebrechlich. Diese Veränderungen deuten darauf hin, dass die gezielte Entfernung seneszenter Zellen nicht nur einzelne Gewebe betrifft, sondern den gesamten Organismus beeinflussen kann.
Eine Therapie, die alte Mäuse wieder fitter macht, klingt zunächst fast zu gut, um wahr zu sein. Umso wichtiger ist es, die Ergebnisse einzuordnen.
Seneszenz als Teil der Heilung
Denn seneszente Zellen sind nicht ausschließlich schädlich. Eine zweite Studie unter der Gruppenleitung von Dr. Mikolaj Ogrodnik und seinem Team am LBI Trauma, gemeinsam mit internationalen Kooperationspartnern:-partnerinnen, zeigt eine ganz andere Seite dieses Phänomens. Zellen können bereits innerhalb von Minuten bis wenigen Stunden nach einer Verletzung in einen seneszenten Zustand eintreten – deutlich schneller, als bisher angenommen. Anders als klassische Modelle vermuten ließen, geschieht dies ohne die Aktivierung neuer Gene. Stattdessen greifen die Zellen auf bereits vorhandene Boten-RNA zurück und produzieren gezielt Proteine, die diesen Zustand auslösen. Diese frühe Seneszenz ist kein passiver Prozess. Die betroffenen Zellen setzen Signalmoleküle frei, beeinflussen ihre Umgebung und koordinieren die ersten Schritte der Wundheilung. Wird diese Reaktion gestört, verlangsamt sich der Heilungsprozess deutlich. Erst in späteren Phasen verlieren die Zellen ihre Funktion und werden wieder abgebaut. Seneszenz ist hier also kein Zeichen von Verfall, sondern eine kurzfristige, hochregulierte Antwort auf Gewebeschäden.
Dieses Bild passt zu einem früheren Ansatz aus der Forschungsgruppe von Ogrodnik: In einer Studie aus 2025 beschreiben die Forschenden Altern als „Wunde, die nie zu heilen beginnt“. Während bei einer akuten Verletzung Entzündungs- und Reparaturprozesse gezielt ablaufen und wieder abklingen, bleiben sie im alternden Gewebe dauerhaft aktiv. Der Körper verharrt gewissermaßen in einem „Alarmzustand“, ohne jemals vollständig in die eigentliche Heilung überzugehen.
Die richtige Balance
Die Studien zeigen verschiedene Seiten desselben Phänomens. Auf der einen Seite stehen seneszente Zellen, die sich im Laufe der Zeit im Körper ansammeln und zu Funktionsverlust beitragen können. Auf der anderen Seite sind Zellen, die genau diesen Zustand kurzfristig einnehmen, um Heilungsprozesse zu steuern.
Für die Forschung bedeutet das vor allem eines: Es geht nicht darum, Seneszenz grundsätzlich zu verhindern oder vollständig zu beseitigen. Entscheidend ist der Kontext. Therapeutische Ansätze müssen unterscheiden können, wann seneszente Zellen schädlich sind und wann sie eine notwendige Funktion erfüllen. Erst dann lässt sich ihr Potenzial gezielt nutzen, ohne gleichzeitig wichtige Prozesse zu stören. Die Frage ist also nicht, ob diese Zellen entfernt werden sollten, sondern wann. (cs)
Prof. Dr. Johannes Grillari, Direktor LBI Trauma
Dr. Mikolaj Ogrodnik, Gruppenleiter am LBI Trauma




