Es ist ungewohnt laut im Hörsaalzentrum der Medizinischen Universität Wien. Kinderlachen, Gesprächsfetzen, irgendwo klappert ein Versuchsaufbau. Gerade noch saßen hier Familien dicht an dicht in einer Show von Thomas Brezina, jetzt verteilen sie sich über die Mitmachstationen. Ein paar Meter weiter wird pipettiert. Daneben erklärt jemand geduldig das Modell einer Schulter. Und mittendrin erzählen Kinder von ihren eigenen Unfällen: vom gebrochenen Arm, vom Krankenhaus, von der Zeit danach. Es sind diese Momente, in denen klar wird: Wissenschaftskommunikation ist keine Einbahnstraße.
Mitten im Geschehen ist das Ludwig Boltzmann Institut für Traumatologie, das Forschungszentrum in Kooperation mit der AUVA. Unter dem Motto „Achtung Unfall! Forschen, um zu heilen“ vermitteln die Mitarbeiter:innen, wie Forschung hilft, Unfallpatienten:-patientinnen bestmöglich zu versorgen.
Hohes Vertrauen in Wissenschaft
Allein die medizinische Forschungsmeile zählt an diesem Abend 13.800 Menschen, 192.000 besuchen die Lange Nacht der Forschung in ganz Österreich. In einer Zeit, in der viel über Wissenschaftsskepsis gesprochen wird, zeigen aktuelle Daten ein anderes Bild. Das Wissenschaftsbarometer der Österreichischen Akademie der Wissenschaften meldet Ende 2025: 74 Prozent der Menschen in Österreich vertrauen der Wissenschaft stark oder sehr stark. Damit liegt Österreich im D-A-CH-Vergleich klar vor Deutschland und der Schweiz. Besonders bemerkenswert ist der Blick auf die junge Generation. Laut Ö3-Jugendstudie 2026 vertrauen 84 Prozent der 16- bis 25-Jährigen der Wissenschaft. Sie steht damit an der Spitze des Vertrauensrankings, deutlich vor anderen gesellschaftlichen Institutionen.
Vertrauen entsteht nicht von selbst. Es entsteht, wenn Menschen Wissenschaft begegnen, Fragen stellen und Antworten bekommen. Formate wie die Lange Nacht der Forschung schaffen dafür Raum.
Wissenschaft sichtbar machen
LBI-Trauma-Direktor Prof. Dr. Johannes Grillari ist es ein besonderes Anliegen, dieses Vertrauen zu bewahren. Mit Blick auf Entwicklungen in anderen Ländern, in denen das Verhältnis zwischen Wissenschaft, Öffentlichkeit und Politik zunehmend unter Druck gerät, formuliert er es pointiert: „Flood the Zone with Facts“. Man darf nicht denen die Bühne überlassen, die Meinung zur Gewissheit machen – sondern denen, die Wissen erarbeiten.
Wissenschaftskommunikation wird deshalb am Institut aktiv gelebt, von Großevents wie der Langen Nacht der Forschung bis hin zu niederschwelligen Aktivitäten wie Instagram-Posts oder Erklärvideos. Vorträge im Planetarium Wien bringen Forschung in einen Raum, der sonst dem Blick in die Sterne vorbehalten ist. Podcasts geben Einblicke in Themen wie Blutgerinnung, Geweberegeneration oder Sepsis-Langzeitfolgen.
Mit Dr.in Conny Schneider ist seit über zehn Jahren eine Wissenschaftlerin am Institut ausdrücklich für die Wissenschaftskommunikation zuständig. Ihre Arbeit wird aber erst möglich gemacht durch die Unterstützung zahlreicher Kollegen:Kolleginnen, die sich ebenfalls tatkräftig dafür engagieren, dass Wissen den Weg raus aus der „Science Bubble“ findet.
Kollegen:Kolleginnen wie Dr. Wolfgang Holnthoner, Dr.in Regina Brunauer oder Dr. Peter Dungel bringen die Wissenschaft direkt in die Schulklasse. Gerade diese Formate hinterlassen oft den nachhaltigsten Eindruck, nicht nur bei Kindern. „Unter all meinen Wisskomm-Aktivitäten liegen mir die Schulworkshops besonders am Herzen“, erzählt Schneider. „Kinder und Jugendliche bringen eine Energie mit, die man in Vorträgen für Erwachsene selten erlebt. Fragen werden aufgenommen, wie ein Ball weitergespielt und kommen dann manchmal in einem Winkel zurück, der selbst mich überrascht.“ Für die Schüler:innen bedeutet das: Wissenschaft wird greifbar. Für die Forschenden ist es eine Erinnerung daran, neugierig zu bleiben und Gegebenes zu hinterfragen.
Kommunikation als Teil der Forschung
Gute Wissenschaftskommunikation geht stets über das Erklären hinaus. Sie schafft Dialog. Mit der Initiative „Tell Us!“, ins Leben gerufen gemeinsam mit dem Open Innovation in Science Center der Ludwig Boltzmann Gesellschaft, wurden Menschen direkt gefragt, welche Themen sie in der medizinischen Forschung für relevant halten. Aus den Hunderten Antworten heraus entstand eine eigene Forschungsgruppe zum Thema Alterung und Wundheilung.
Oft liegt die Herausforderung nicht darin, neues Wissen zu generieren, sondern darin, bestehendes Wissen so anzuwenden, dass es tatsächlich bei den Menschen ankommt. Der Austausch mit Patienten:Patientinnen, Angehörigen und Anwendern:Anwenderinnen zeigt, wo es hakt – und was es braucht, damit Forschung ihren Weg in den Alltag findet.
Erfolg messbar machen
Wissenschaftler:innen messen ihren Erfolg gerne in „Impact“ – also dem Unterschied, den die eigene Arbeit in der Welt macht. Gemessen wird er üblicherweise in Form hochrangiger Publikationen. In der Wissenschaftskommunikation begegnet Schneider eine andere Form von Impact. Etwa dann, wenn eine neue Kollegin im Labor erzählt, warum sie sich beworben hat: auf einen Zeitungsartikel hin, den ihr Vater ihr auf den Tisch gelegt hat, als Reaktion auf einen Social-Media-Post oder weil ihr ein Schulworkshop nicht aus dem Kopf gegangen ist. Der Grund zu sein, warum ein Mensch jetzt dort ist, wo er ist, ist für Schneider der schönste Impact.
Wissenschaftskommunikation übersetzt Forschung in Geschichten, die verstanden werden. Und manchmal reicht genau das, um jemanden dazu zu bringen, selbst Teil dieser Geschichte zu werden. (cs)




